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Türkische Männer : Das sind doch alles ramponierte Wesen

In der Türkei drohen ihr sechsunddreißig Jahre verschärfter Einzelhaft: Pinar Selek Bild: Julia Zimmermann

Der Männlichkeitskult ist eine Geißel der türkischen Gesellschaft. Über seine Verheerungen hat die Soziologin Pinar Selek ein Buch geschrieben - und musste das Land über Nacht verlassen.

          In die Küche hat Pinar Selek ein Poster mit einer Stadtansicht von Istanbul gehängt - „Ich habe Heimweh“, sagt sie -, daneben kleben kleine Merkzettel mit deutschen Vokabeln an den Schränken: Frühstück - kahvalti, Küche - mutfak, Schere - makas. Die Wände ihres Arbeitsraums bedecken Fotos von Freunden und Verwandten.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Pinar Selek stellt vor: Da ist ein Bild ihres Vaters, eines in der Türkei bekannten linken Rechtsanwalts; da ist ihre Schwester, die nur deshalb Rechtswissenschaften studierte, damit sie der damals im Gefängnis sitzenden Pinar juristisch beistehen kann; da ist ein Foto ihres engen Freundes Hrant Dink, des armenisch-türkischen Journalisten, der im Jahr 2007 in Istanbul auf offener Straße erschossen wurde.

          Der Mord war für Pinar Selek der Anlass für ein Buch, mit dem die Soziologin und Feministin den türkischen Staat an seinem empfindlichsten Punkt verwundete: dem Kult um Männlichkeit und dessen ewige Schule, das Militär. 390.000 Soldaten zählt das türkische Heer. Es ist die fünftgrößte Armee der Welt. Unter dem Titel „Zum Mann gehätschelt, zum Mann gedrillt - Männliche Identitäten“ (Orlanda Buchverlag) liegt das Buch nun auch auf Deutsch vor.

          „Im Fernsehen sah ich Hrants Mörder. Er blickte in die Kamera und versuchte seinem Gesicht einen harten Ausdruck zu verleihen. Er hob die Arme und brüllte: ,Sieh dich vor, und sei bloß vernünftig!'“, sagt Pinar Selek. Sie kannte den jungen Mann nicht. Und doch war er ihr zutiefst vertraut: seine männliche Gebärde, seine Worte, das drohend verzerrte Gesicht, sein durch Männlichkeit legitimierter Anspruch, sich mit Gewalt über alles und jeden zu stellen. Diese Männer trifft man zu Tausenden in der Türkei. Sie begehen Ehrenmorde, üben Blutrache, sprechen gegenüber ihren Töchtern und Söhnen Kaskaden von Verboten aus. Sie schreiben ihren Freundinnen und Ehefrauen vor, wie sie sich zu benehmen und aufzutreten haben. Sie sind jederzeit bereit, sich zu schlagen und zu streiten. Pinar Selek wollte herausfinden, unter welchen Umständen diese Männer wurden, wie sie sind.

          Pinar Selek ist nicht freiwillig nach Deutschland gekommen. Sie kam als Flüchtende, nun ist sie eine „Writers in Exile“-Stipendiatin der deutschen Sektion des Schriftstellerverbandes PEN, sitzt auf dem Balkon der Berliner Wohnung, die man ihr zur Verfügung gestellt hat, und rührt in ihrem schwarzen Tee. Hätte sich eine andere Autorin des Themas türkische Männlichkeit und Militär angenommen, dann hätte die türkische Regierung wahrscheinlich mit Zensur reagiert oder versucht, das betreffende Verlagshaus mit juristischen Strafen in die Knie zu zwingen. Vielleicht hätte man die Verfasserin auch wegen „Distanzierung des Volkes vom Militär“ angeklagt. Doch an die Bücher Pinar Seleks, die in der Türkei eine Ikone der Demokratiebewegung ist und deren Frauenorganisation Amargi internationales Ansehen genießt, traut sich die Regierung nicht heran. Zudem ist das Buch, für das sie achtundfünfzig Wehrdienstleistende interviewte, in der Türkei ein durchschlagender Erfolg. Es wird dort in selbstorganisierten Studentenseminaren und bei großen Konferenzen diskutiert und geht gerade in die fünfte Auflage.

          Deshalb wählten die türkischen Behörden einen anderen Weg, um Pinar Selek zum Schweigen zu bringen: Ende 2009 hat die neunte Strafkammer des Obersten Kassationsgerichts - jene Kammer, die auch die Verurteilung Hrant Dinks wegen „Verunglimpfung des Türkentums“ gebilligt hatte - in Ankara einen alten Fall wieder aufgerollt. Pinar Selek drohen sechsunddreißig Jahren verschärfter Einzelhaft. Als dies bekannt wurde, verließ die Autorin über Nacht das Land. Ihre Schwester, die inzwischen Rechtsanwältin ist, hat ihre Verteidigung übernommen. Sie haben auch Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg eingereicht.

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