Home
http://www.faz.net/-gsf-16r07
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Donnerstag, 09. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Türken und Palästinenser Blutsbrüder gegen Israel

10.06.2010 ·  Nach dem Konflikt vor der Küste Gazas rücken Türken und Palästinenser zusammen. Ein Blick hinter die Kulissen der Menschenrechtsorganisation IHH, die die Hilfsflotte organisierte, zeigt eine islamistische Kadergruppe.

Von Joseph Croitoru
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (6)

Die islamisch-türkische „Stiftung für humanitäre Hilfe und Menschenrechte“ (IHH), Motor der „Freiheitsflotte“ für Gaza, ist keine humanitäre Hilfsorganisation im geläufigen Sinne. Sie als solche zu bezeichnen wäre eine Verharmlosung ihrer klaren politischen Anliegen, die sich auch aus dem radikalen Islamismus speisen. Im Besonderen gilt dies für ihren Umgang mit dem Thema Palästina. Die IHH vertritt hier eine antiisraelische Ideologie, die sich nicht nur in mancher Hinsicht mit jener der palästinensischen Hamas überschneidet, sondern auch mit großem propagandistischen Aufwand verbreitet wird.

So veranstaltete sie im Zuge ihres Engagements für die Palästinenser am 25. April 2009 in Istanbul eine Konferenz zum Schutz der Jerusalemer Al-Aqsa-Moschee. Auf der deutschsprachigen Internetseite der Organisation wird diese radikalislamische Veranstaltung unter der Rubrik „Wissenschaftliche Versammlungen“ aufgeführt – eine glatte Täuschung. Denn im Vorwort des aus dieser Konferenz hervorgegangenen dreisprachigen Tagungsbands verstieg sich IHH-Chef und Gastgeber Bülent Yildirim zu der Behauptung, die „zionistische israelische Administration“ beabsichtige, die Al-Aqsa-Moschee zu zerstören und an ihrer Stelle den salomonischen Tempel wieder zu errichten.

Scheich Raid Salah war prominenter Passagier der „Mavi Marmara“

Diese Propagandalüge verbreitet die Hamas seit Jahren und mit ihr auch die israelisch-arabischen Fundamentalisten. Deren Wortführer, Scheich Raid Salah, nahm an der erwähnten Tagung mit Gleichgesinnten teil. Er gilt als Scharnier zwischen den israelisch-palästinensischen Islamisten und der Hamas. Mittlerweile ist er aber offenbar auch eine wichtige Kontaktperson zur IHH: An der Gaza-Schiffsaktion nahm der prominente Islamist denn auch als Passagier des Hauptschiffs, der „Mavi Marmara“, teil.

Dass Raid Salah auch an der die Gaza-Aktion vorbereitenden Veranstaltung „World Popular Conference for the Support of Palestine“, im Mai 2009 von der IHH ebenfalls in Istanbul organisiert, beteiligt war, verwundert kaum. Die Kampagne wurde von einer Werbebroschüre mit dem Titel „Filistin“ (Palästina) begleitet, die auch einen propagandistischen Beitrag zur Delegitimation des israelischen Staates leistet. Auf ihrer Schlussseite, auf der zu Spenden für die in Gaza Hungernden aufgerufen wird, prangt eine in den Farben der palästinensischen Nationalflagge ausgemalte Karte des historischen Palästinas.

Vom Staat Israel ist keine Rede mehr

Man könnte meinen, es handle sich lediglich um eine zu gestalterischen Zwecken überspitzte Darstellung. Aber dass hier jede Spur vom israelischen Staat fehlt, hat System. Denn in der von mehreren Karten begleiteten historischen Einleitung „Palästina gestern und heute“ ist auch vom Staat Israel keine Rede. Vielmehr wird hier von den „von Israel besetzten Gebieten“ gesprochen, wenn das israelische Staatsterritorium gemeint ist. Seit Anfang 2009 unterhält die IHH ein Büro in Gaza-Stadt. Von dort wie von der Türkei aus verfolgt die Stiftung vordergründig das Ziel, rein humanitäre Hilfe für die palästinensische Bevölkerung im Gazastreifen zu leisten.

Dass es sich aber dabei um eine doppelbödige Strategie handelt, zeigt sich nicht nur daran, dass viele der Hilfsprojekte in Absprache mit der Hamas-Regierung durchgeführt werden und so zur Zementierung von deren Macht beitragen. Auch betreibt die IHH politische Agitation im Sinne der palästinensischen Islamisten.

Erdogan als Führer des islamischen Aufstiegs?

So reiste der IHH-Chef Yildirim im Februar 2009 nach Gaza, um Kontakte zur Hamas-Führung zu knüpfen. Als Höhepunkt seines in den Medien breit inszenierten Besuchs darf eine Rede gelten, die er vor Tausenden Hamas-Anhängern in Gaza-Stadt hielt – Teil einer Veranstaltungsreihe der Hamas, mit der sie damals ihren „Sieg“ über Israel und dessen Militäraktion „Gegossenes Blei“ feierte. Yildirim eröffnete seine Ansprache mit einem Gruß, den er seinen Zuhörern symbolisch von zwei für Palästina historischen islamischen Schlüsselfiguren übermittelte: von Saladin, dem legendären Eroberer des Landes, und von Sultan Abdülhamid II., den die IHH mit ihrem islamistisch gefärbten Neo-Osmanismus zu einem Helden des Widerstands gegen die zionistische Besiedlung Palästinas erhebt.

Der türkische Gast sicherte der Menge die Unterstützung all jener „70 Millionen Abdülhamids“ zu, die heute in der Türkei lebten. Den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan sah der Redner als ideale Führungsfigur, die sich viele Muslime wünschten – in einer Welt, die den Aufstieg des Islam erlebe. Mit diesen Parolen stimmten die Kundgebungs-Plakate überein, die Erdogan und türkische Fahnen zeigten. Yildirim beglückwünschte die Masse zu ihrem Sieg über die Juden, denen es wieder einmal nicht gelungen sei, die Muslime zu vernichten. Dann versprach er, sich für die Aufhebung der Blockade gegen den Gazastreifen einzusetzen, und ließ wissen, seine Landsleute stünden bereit, um für die palästinensische Sache als Märtyrer zu sterben.

Ein neues Band zwischen Türken und palästinensischen Arabern

Tatsächlich ging Yildirim, der im Januar 2010 Gaza abermals besuchte und sich auch mit dem Hamas-Ministerpräsidenten Ismail Hanija traf, schon vor der Schiffsaktion von einem blutigen Szenario aus. Er rechne auch damit, äußerte er am 10. April 2010 gegenüber dem arabischen TV-Sender Al-Dschazira, dass die Israelis das Feuer auf die Schiffe eröffnen und Aktionsteilnehmer zu Schaden kommen könnten. Dies geschah in der Tat, wenn auch offenbar aus anderen Gründen als den von Yildirim angesprochenen. Nun ist die Blutsbrüderschaft zwischen türkischen und palästinensischen Islamisten, die von der IHH mit ihrer Märtyrerrhetorik lange vor der Gaza-Aktion beschworen wurde, besiegelt.

Wie einst, als osmanische Türken im Kampf um Palästina fielen, hätten jetzt türkische Muslime für ihre Glaubensbrüder dort ihr Leben geopfert: So glorifiziert Mehmet Kaya, IHH-Vertreter in Gaza, dieser Tage in Interviews mit lokalen Medien das neu-alte Band zwischen Türken und palästinensischen Arabern. Die Erinnerung an die jahrhundertelange Unterdrückung durch die Osmanen wird freilich gänzlich ausgeblendet.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Babelsberg, mon amour?

Von Andreas Kilb

Einhundert Jahre wird das Studio Babelsberg alt. Doch Rührung und echte Nostalgie wollen sich nicht einstellen. Babelsberg ist weder eine nationale Ikone noch ein Haus der Träume. Mehr