11.07.2005 · Nach den Unruhen im März hat Kirgistan jetzt seinen Präsidenten gewählt. Im Interview spricht Tschingis Aitmatow, Schriftsteller und Botschafter in Brüssel, über Rußland, Eurasien, Stalin und die Toleranz seiner Heimat.
Rußland hat in Georgien, der Ukraine und auch in Kirgistan die gestürzten Machthaber gestützt. Welche Rolle spielt es in Zentralasien?
Die Beziehungen zu Rußland bleiben in jedem Fall eine Priorität für uns. Wir leben und denken in einer aus zwei Welten zusammengesetzten Wahrnehmung, der europäischen und der asiatischen. Das ist Eurasien. Aber viele haben keine Vorstellung davon, was Eurasien ist - ein geographischer Raum, ein politischer Begriff? In meiner Auffassung ist Eurasien unser Zentralasien mit einem europäischen Kiel im Ozean - dieser Kiel ist Rußland. Von Zentralasien nach China ist es nur ein Schritt, dennoch ist uns die chinesische Lebensweise fremd. Wir befinden uns in der Umlaufbahn einer anderen Zivilisation.
Deren Kern immer Rußland sein wird?
Ich habe die Überzeugung gewonnen, daß Kolonialismus und Imperialismus auch positive Seiten haben können, daß jedenfalls der russische Einfluß in Zentralasien vorteilhaft war. Rußland hat mit seinem kolonialen Ambitionen viele progressive Beiträge für die Entwicklung unserer Gegenden geleistet. Nur durch den russischen Kolonialismus gelang uns in Zentralasien der Eintritt in die allgemeine Zivilisation. Rußland ist und bleibt der Kern, um den die eurasische Achse kreist. Wir sind Menschen einer Zivilisation. Die Bildung einer eurasischen Wirtschaftsunion, die aus einigen Staaten Zentralasiens und Rußlands besteht, wäre deshalb folgerichtig.
Sie leben und arbeiten schon seit Jahren in Brüssel ...
Ja, und ich glaube, die EU ist die höchste politische Errungenschaft der Menschheit. So etwas hat es in der Geschichte nicht gegeben. Daran müssen wir uns orientieren, auch wenn es vielleicht ein Jahrhundert dauern wird, bis wir das wirtschaftliche und politische Niveau der EU erreichen. Ich weise in Kirgistan oft auf das Modell der Europäischen Union hin. Manche Leute behaupteten, ich wolle unser Land den Interessen Usbekistans unterordnen. Leider verstehen bei uns viele Leute noch nicht, daß Wohlstand unmöglich ist, wenn die Nachbarn hungern. Es genügt, als Vergleich Afghanistan heranzuziehen, das nie eine Kolonie und immer auf sich allein gestellt war. Das ist heute noch ein barbarisches Land.
Barbarisch wurde es dort nach 1979, als die sowjetische Armee Afghanistan überfiel.
Mit einer solchen Sicht bin ich nicht einverstanden. In Afghanistan hatte nicht nur die Sowjetunion den verhängnisvollen Weg der Einmischung betreten. Aber was Rußland Zentralasien an zivilisatorischem Fortschritt gebracht hat, und zwar schon vor der Gründung der Sowjetunion, darf man auch nicht vergessen. Andernfalls sähe es bei uns heute aus wie in Afghanistan.
Viele ehemalige Sowjetrepubliken wehren sich gegen Versuche russischer Bevormundung. Die Republik Moldau etwa, wo Rußland die Parlamentswahlen im März massiv zu beeinflussen versucht hat.
Dort geht es um territoriale Interessen, wie auch in Georgien mit Abchasien. Das ist eine bedrückende Angelegenheit.
Wird Kirgistan auf Dauer für die Russen und die russischsprachigen Minderheiten wie Ukrainer, Tataren oder Weißrussen eine Heimat sein?
Auf jeden Fall. Kirgistan ist das toleranteste Land in Zentralasien und wird es bleiben. Wir sind daran interessiert, daß die Minderheiten bei uns bleiben. Es ist traurig, daß die Deutschen uns verlassen haben und daß so viele Russen gehen.
In Ihrem Buch "Kindheit in Kirgisien" beschreiben Sie die russische Sprache als Ihre Eintrittskarte in die große Welt der Literatur. Wird man diese Sprache in 50 Jahren noch sprechen in Kirgistan?
Ich glaube ja. Das ist eine Ressource. Wer wird das freiwillig aufgeben wollen? Natürlich dominiert die englische Sprache in der Welt. Dennoch ist Russisch weiter eine Weltsprache, es hat eine eigene Rolle und Funktion. In der Sowjetunion war die russische Sprache auch eine Grundlage für die Entwicklung der kirgisischen Sprache.
Sie haben einmal gesagt, wenn die Perestroika erfolgreich gewesen wäre, hätte eine Sowjetunion nach dem Muster der EU entstehen können.
Ja, zum Ende des 20. Jahrhunderts wäre es so gekommen - eine Union von tatsächlich selbständigen Staaten, die sich freiwillig zusammenschließen für die gemeinsame strategische Existenz. Aber die Perestroika und ihre Ziele sind leider fast vergessen. Inzwischen ist das Geschichte, für junge Leute ist diese Phase so etwas wie eine Legende. Aber auch ihre Schicksale gehen von der Perestroika aus. Die Perestroika hat uns vor einem neuerlichen Weltkrieg bewahrt. Hätte es sie nicht gegeben, dann hätte das totalitäre Selbstverständnis weiter geherrscht. Die Perestroika hat uns vom Stalinismus befreit, auch wenn der Stalinismus noch immer lebt und sich bemerkbar macht.
Sehen Sie die Perestroika als Fortsetzung von Chruschtschows Auftritt auf dem 20. Parteitag der KPdSU?
In diesem Sinne bin ich ein völliger Anhänger Chruschtschows. Die Rede von Chruschtschow war aber für das Land, für uns, ein spontaner Auftritt - jedenfalls gab es nicht den Hintergedanken einer grundlegenden, das stalinistische Regime selbst erfassenden Veränderung. Erst die Perestroika war ein Schritt heraus aus dem totalitären System.
Ihr Vater ist 1937 ermordet worden. Wie hat sich das auf Ihr Verhältnis zur Sowjetunion ausgewirkt?
Ich habe natürlich schon als Kind verstanden, daß etwas Unerhörtes vor sich ging. Mein Vater war ein tatkräftiger und für seine Zeit sehr gebildeter Mann, der im Alter von 34 Jahren plötzlich verschwand. Stalins Herrschaft gründete auf der Vernichtung der Denkenden.
Sie haben einmal gesagt, der Sowjetmensch sei eine historische Tatsache gewesen, der Sowjetunion sei es also gelungen, einen neuen Menschen zu schaffen - wer tritt nun an seine Stelle?
Meine Generation tritt langsam ab. Die neue wird sich in die Globalisierung einfügen müssen, niemand kann ihr entkommen. Die neue Generation darf aber ihre Wurzeln nicht vergessen. Wir müssen unsere Kultur, unsere Traditionen und Sprachen pflegen. Sich der Welt zu öffnen und das Eigene zu bewahren, das wird unsere Aufgabe sein.
Bedauern Sie es, daß die Sowjetunion nicht mehr existiert?
Was geschehen ist, ist geschehen. Jedes Land hatte nach dem Zerfall der Sowjetunion die Gelegenheit, als souveräner Staat ein demokratisches System zu etablieren. Viele von diesen Versuchen sind gescheitert.
Der Komponist Dimitrij Schostakowitsch, mit dem Sie befreundet waren, hat Ihnen vorgeworfen, Sie verschwendeten viel Zeit für gesellschaftliche Verpflichtungen. Tatsächlich ist in der Zeit, die Sie als Diplomat in Europa verbrachten, kein großes Werk entstanden. Sie haben mit dem "Richtplatz" einen der am häufigsten diskutierten Romane der Perestroika geschrieben, aber auf den großen Roman der postsowjetischen Zeit warten Ihre Leser bis heute.
Es stimmt nicht, daß ich nichts geschrieben habe in den Jahren in Europa. Ich habe hier den Roman "Das Kassandramal" beendet. Das inspirierendste Ereignis für mich ist, daß in Moskau eine Inszenierung des "Kassandramals" aufgeführt wurde. Einen solchen Erfolg hatte ich nicht erwartet.
Das "Kassandramal" ist 1994 erschienen.
Ich arbeite jetzt an einem umfangreichen Werk, in dem unser gegenwärtiges Leben nach dem Zerfall der Sowjetunion beschrieben ist. Wenn alles so verläuft, wie ich es mir vorgestellt habe, dann wird es mir hoffentlich gelingen, den Roman noch in diesem Sommer zu beenden. Aber wie es heißt: Das Leben wird es zeigen. Ich habe mich etwas verplappert, weil Sie sich so dafür interessieren.
Dennoch die Frage: Ist der Schriftsteller Aitmatow ein Opfer des Diplomaten Aitmatow geworden?
Vielleicht ist etwas daran, das so zu sagen. Das Drama ist, daß die Zeit verstreicht und daß ich sie gehen lasse. Ist eine solche Großzügigkeit erlaubt? Das Alter macht sich bei mir bemerkbar. Ich bin ein Mensch der Perestroika. Ich habe viel Zeit und Energie eingesetzt, um diesen Prozeß mitzugestalten als Berater Gorbatschows. Aber nach zwei, drei Jahren kam mir der Gedanke, daß es so nicht weitergehen kann, daß ich eine Position brauche, um mich auf meine schriftstellerische Arbeit konzentrieren zu können. Ich dachte an einen diplomatischen Posten in einem kleinen Land und habe das mit Michail Sergejewitsch besprochen. So wurde ich zunächst sowjetischer Botschafter in Luxemburg. Aus Sicht des Werks hat mich der diplomatische Dienst natürlich viele Jahre gekostet. Aber den großen postsowjetischen Roman, von dem Sie sprechen, sehe ich auch von anderen Autoren bisher nicht.
Weltruhm mit "Dschamila"
Tschingis Aitmatow wurde 1928 in Sheker geboren, einem kirgisischen Dorf im Talas-Tal. Der Vater, ein kommunistischer Funktionär, ging nach Moskau und holte die Familie nach. Das prägte Aitmatow, der zweisprachig aufwuchs.
Als Student am Moskauer Gorkij-Institut schrieb er die Erzählung "Dschamila", die ihm Weltruhm brachte. Aitmatow hat die russische Sprache, ohne die seine Schriftstellerkarriere nicht denkbar wäre, stets dankbar als zweite Muttersprache bezeichnet. Seine späteren Bücher schrieb er auf russisch.