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Toulouser Terrorist : Das Kalifat im Badezimmer

  • -Aktualisiert am

Der Präsident der Republik tritt vor seine Bürger und die Weltöffentlichkeit Bild: AFP

Die Moritat des Toulouser Terroristen und Serienmörders Mohamed Mehra passt in keines unserer narrativen Muster. Insbesondere die Rolle der staatlichen Behörden bleibt ein Rätsel.

          Es lief alles ganz anders, als es sonst läuft auf dem Bildschirm. Toulouse, die Serie von Morden und die Belagerung der Wohnung des Verdächtigen, ist zunächst einmal ein epistemologischer Schock. In dieser albtraumhaften Geschichte kommt alles schlimmer als erwartet und jede Rettung zu spät. In den Geschichten, die sich unsere Gesellschaft in Fernsehserien und Filmen erzählt, auch in den Bildern, die wir uns von unserer Gegenwart machen, gibt es solche Leerstellen und Pannen nicht. Wir ignorieren das Hinterland unserer Kultur, den Kiez des Killers, der sich als ganz schön weitläufig erwiesen hat: Er reicht von Toulouse nach Montauban und nach Gaza, bis zum Hindukusch. Dort hat Mohamed Mehra seine Freiheit verteidigen wollen, erst in der französischen Armee, wo man ihn wegen Vorstrafen nicht genommen hat, dann eben auf der anderen Seite, bei den internationalen Amateurjihadisten. Diese Karriere beendete die afghanische Verkehrspolizei - in diesem ganzen Fall gesellt sich zum Terror und zum Horror der Morde eine absurde Komik, als würde Mehras irres Lachen auf Video ein Echo im Schrecken der Aufbereitung seiner Geschichte suchen.

          Auch das allerletzte Kapitel ist so komisch, im Sinne von bizarr: Nach dreißigstündiger Belagerung durch ein Einsatzkommando, nach dem Einsatz von Blendgranaten, Knallkörpern und allerlei anderem Feuerwerk, nach Ausspähung der Wohnung mit Wärmekameras und Mikrofonen war der Aktionsradius des Gesuchten auf das Badezimmer beschränkt. Von dort kam kein Mucks; der Innenminister hatte schon gemutmaßt, der Mann wäre gar nicht mehr am Leben. Und dann stürmt er heraus mit einer Gewalt, die die Sondereinheit verblüffte. Das ist in all den Geschichten immer anders: Wenn die Männer in den Sturmhauben anrücken, ist binnen Minuten Schluss. Hier erleben wir bis zuletzt einen ratlosen Staat und eine unbändige Gewalt, die das Terrain und die Bedingungen der Auseinandersetzungen bestimmen kann.

          Mohamed fiel auf

          Irreführend ist auch die Bezeichnung des Täters als „Franzose algerischer Herkunft“, obwohl er, soweit heute bekannt ist, nie im Leben in Algerien war. Bei Zinedine Zidane verzichtet man gewöhnlich auf so eine Herkunftsbezeichnung, der ist eben Marseillais, wie die Nationalhymne. Mehra kommt aus Toulouse, und mit dem Zoom auf die lokalen Begebenheiten wird die Geschichte immer diffuser. Dass es im Süden Banden gibt, dass sich dort arabisch-palästinensisch orientierte Jugendliche mit identitär an Sinti und Roma orientierten Banden heftige Gefechte mit modernen Waffen liefern, während die Polizei wegschaut oder feixend zusieht, das gehört zu den beunruhigenderen französischen Wahrheiten, die kaum ihren Weg in die nationalen Medien finden.

          Es ist aber nicht so, dass dort die Anarchie ausgebrochen wäre. Man glaubt durchaus an den Staat, was aber leider nur mäßig erwidert wird. Eine Nachbarin von Merah hat einem Reporter des „Telegramme de Brest“ ihre Geschichte mit dem Jungen erzählt. Demnach verhielt er sich keineswegs so, wie es zu einem krimitauglichen Serienkiller, zu einem tückischen „Homegrown“-Terroristen passen würde, nämlich angepasst, unauffällig und kalt. Nein, Mohamed fiel auf. Einmal ließ er den siebzehnjährigen Sohn der Zeugin in sein Auto einsteigen und fuhr ihn, unter dem Abspielen dschihadistischer Schlager, zur nun berühmtesten Sozialwohnung der Welt. Dort gab es Horrorvideos zu sehen, solche, die ohne Schauspieler auskommen, mit besten Empfehlungen der Medienabteilung von al Qaida.

          Ein untypisches Profil

          Der Jugendliche kam verstört nach Hause zurück, seine Schwester stellte dann Merah zur Rede. Woraufhin der die Frau schlug, so schwer, dass sie ins Krankenhaus musste. Diese Nachbarsfamilie tat dann etwas außerordentlich Mutiges, nämlich genau das, was der Staat sich wünscht: Sie erstattete Anzeige. Es gibt die Aussagen des Jungen, der von der blutrünstigen dschihadistischen Propaganda berichtet, die Aussagen seiner von Mehra angegriffenen Schwester, ärztliche Atteste - all das wurde, von einem Rechtsanwalt gesammelt und aufbereitet, den Strafverfolgungsbehörden unterbreitet, im Juni 2010. Dann kommt Mehra wieder, im Tarnanzug und mit Samuraischwert bewaffnet, und flucht und droht. Es geschieht: nichts. Zumindest auf der Seite des Staates. Die andere Seite verliert keine Zeit, denn solche Schwerter kann er in seinem Feldzug nicht gebrauchen. Bei seinem Tod findet man ein ganzes Arsenal an Kriegswaffen, nebst Munition und Sprengkörpern, sowie passende Accessoires wie kugelsichere Westen und Ohrschützer.

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