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Timothy Snyder : Die Ukraine-Krise als Abiturprüfung

Ohne Selbstdarstellung und nur für die Sache: Der amerikanische Professor Timothy Snyder Bild: Picture-Alliance

Mit Putin möchte er nicht tauschen: Absolut unprätentiös erteilt der Historiker Timothy Snyder in New York eine Lektion in klarem Denken.

          Es vergeht kaum ein Tag, da Timothy Snyder, Professor für Geschichte an der Yale-Universität, nicht in einem der meinungsbildenden Organe der westlichen Welt einen Artikel zur Lage der Ukraine publiziert. Gleichwohl lohnt es sich unbedingt, ihn bei einem seiner Vorträge zum Thema zu erleben. Vor ihm liegt ein Manuskript, über das er nur ganz selten seine Blicke gleiten lässt. Er spricht frei, mit geradezu unheimlicher Konzentration. In ihm rumort etwas, eine elementare politische Passion, die sich immer nur unvollständig und vorläufig in Argumenten ausdrücken lässt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Fremd ist ihm die glamouröse Attitüde des Jetset-Intellektuellen, der durch Überheblichkeit die Überlegenheit der freien Welt zur Schau stellt. Im übergroßen braunen Anzug eines Kriegsheimkehrers steht der grauhaarige, hochgewachsene Mann hinter dem Rednerpult, mit eingezogenen Schultern, die Beine gespreizt wie ein Hampelmann, die emblematische Gegenfigur zum souveränen Staatsbürger. Botschaft: Es geht nicht um mich.

          Selbstlose Parteinahme für fremde Freiheit

          Erst recht gilt das am Montagabend in New York, als er im ukrainischen Kulturinstitut schräg gegenüber vom Metropolitan Museum seine Einschätzung des gegenwärtigen historischen Augenblicks erläutert. Snyder spricht nicht in eigener Sache, seinen umfassenden Kenntnissen in der ukrainischen Geschichte und seiner aktiven Teilnahme am Geschehen zum Trotz. Und keine persönliche Sympathie oder zufällige akademische Spezialisierung soll sein Engagement für die von Russland bedrängte Nation erklären; sonst wäre es nur eine Marotte. Genau so weit möchte sich Snyder mit der Sache der Ukraine identifizieren, wie sie mit dem Interesse der Menschheit identisch ist.

          Dieser Historiker fasziniert, weil er selbst eine historische Rolle spielen will, und das im doppelten Sinne der Mitwirkung an den Ereignissen, über die er berichtet, und der Nachbildung einer intellektuellen Haltung aus dem klassischen Zeitalter der Nationalbewegungen. Man begegnet einer selbstlosen Parteinahme für fremde Freiheit wie bei den Sprechern von Giuseppe Mazzinis Jungem Europa. Es gebe viele Leute im Saal, die mit viel größerer Autorität Auskunft geben könnten als er: In der von Snyder mehrfach wiederholten Formel steckt an diesem Abend existentieller Ernst. Eigentlich müsste jemand anders vorne stehen, einer der Bürger der befreiten Nation: Diese Überzeugung erklärt die seltsame Befangenheit des Redners vor denkbar wohlwollendem Publikum.

          Der nachdenkliche Anwalt

          Gelegentlich erweckt Snyder geradezu den Eindruck der Zerknirschtheit. Nicht weil er Anlass zur Revision früherer Prognosen sähe. Mit der Voraussage eines Krieges habe er vor einem halben Jahr alleingestanden, sagt Snyder zu Beginn seiner Ausführungen; Kollegen aus dem Kreis der Russland-Experten hätten sich in jedem Moment der fortschreitenden Krise getäuscht. Snyders Lagebeurteilung fällt zuversichtlich aus; er sagt, er würde unter den gegebenen Umständen lieber mit Poroschenko als mit Putin tauschen.

          Unter einem Zwang zur Eskalation befindet sich nach Snyders Analyse die russische Politik. Zur Erklärung führt er eine „einfache Tatsache“ an, die der russische Präsident Putin nicht anerkennen wolle: „Die Ukraine existiert.“ Bundespräsident Gauck hat in seiner Danziger Rede zum 75. Jahrestag der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs den Russen die Verantwortung für die Rückkehr des Nationalismus in die europäische Politik zugewiesen. Auch Snyder, der nachdenklichste Anwalt des neuen Regimes in der Ukraine, steht allerdings auf dem Standpunkt, dass die nationale Selbstbestimmung eine letzte, unhintergehbare Realität bildet.

          Putin, der Feind

          Niemand kann den Bürgern der Ukraine die Verfügung über die eigenen Angelegenheiten abnehmen. Für den Redner folgt daraus, dass er, um seine Sicht der aktuellen Entscheidungssituation gebeten, keine Ratschläge unterbreitet. Wie sich für ihn derzeit das Spektrum der Akteure auf ukrainischer Seite darstellt, erläutert er nicht. Den Erfolg der Majdan-Bewegung schildert Snyder mit allem Pathos der liberalen Geschichtsschreibung des neunzehnten Jahrhunderts als einen genuin revolutionären Moment der Nationsbildung, in dem alle älteren Unterschiede von Klasse, Konfession oder Herkunft gegenstandslos geworden seien.

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