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Veröffentlicht: 03.07.2014, 12:11 Uhr

Tierrecht-Debatte Hinter den Kulissen des Vorzeige-Zoos

Geht es den Tieren im Zoo „zu gut“, wie Zoodirektoren behaupten? Und was ist von den Zuchterfolgen zu halten, mit denen gern geprahlt wird? Die Replik einer Tierrechtlerin.

von Hilal Sezgin
© dpa Geboren für die Freiheit: Giraffenbulle Madiba und Mutter Andrea

Es gibt drei grundlegende Meinungsverschiedenheiten zwischen Zoodirektoren wie Gunther Nogge und uns Tierrechtlern. Die eine: Tierrechtlern geht es um Tiere als Individuen und Zoodirektoren um die Art. Zwar kann man in Zoos keineswegs nur Angehörige gefährdeter Spezies betrachten, aber zumindest offiziell liegt darin eine Legitimation moderner Zoos, dass sie von gefährdeten Arten einige „Exemplare“ bewahren wollen. Wofür? Oft ist die ursprüngliche Umgebung der Tiere längst zerstört und die Chance gering, dass dieses Tier oder wenigstens seine Nachkommen je wieder die Freiheit erleben werden. Der Kreis der „Exemplare“ in den Zuchtprogrammen ist klein, so dass, wie im Fall des unglücklichen Kopenhagener Marius und der vier Löwen, an die er verfüttert wurde, Inzucht droht; also werden die Tiere getötet.

Ohnehin ist die Zugehörigkeit zu einer Art für das Tier selbst nicht wichtig, es ist einem Tiger oder Elefanten ganz egal, ob er einer von Hunderttausenden ist oder der Vorletzte seiner Art. Wie bei uns Menschen, die wir ja auch nicht weniger am eigenen Leben hängen, seitdem unsere Spezies die Sieben-Milliarden-Grenze überschritten hat, interessiert auch das Tier nur das eigene Leben, nicht die Art.

Von Umzügen und Tauschgeschäften

Und genau darum hat ein Tier auch Rechte - uns gegenüber, den Menschen, die mit ihnen interagieren. Wo subjektive Interessen vorliegen, ist ein moralisch Handelnder verpflichtet, auf die Interessen der anderen Rücksicht zu nehmen. Nicht mehr und nicht weniger. Natürlich hat das Konzept von Tierrechten in der menschenleeren Wildnis wenig Sinn - die Gazelle hat kein Recht darauf, vom Löwen verschont zu werden, weil er kognitiv und physisch gar nicht anders kann, als sie zu jagen und zu fressen. Wir Menschen aber können anders, als zu jagen oder einzusperren; uns gegenüber haben sowohl Gazelle als auch Löwe ein Recht darauf, dass wir sie schonen. Das ist nicht anders als bei menschlichen Kleinstkindern oder mental stark beeinträchtigten Erwachsenen: Sie mögen nicht wissen, was Rechte sind, dennoch besitzen sie sie. Auch wenn sie selbst die Sprache der Moral nicht verstehen - wir sprechen sie! Und haben die Pflicht, die Unversehrtheit und das Leben anderer empfindungsfähiger Lebewesen nicht zu beeinträchtigen, wo es uns möglich ist.

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Die zweite Meinungsverschiedenheit ist eher empirischer Natur: Wie es um die Qualität des Lebens in den Zoos bestellt ist. Anders als die kahlen Betonwände früherer Jahrzehnte sind die heutigen Zoomauern schön mit „typischer Fauna“ bemalt - die Tiere dürfte das wenig erbauen. Bäume sind gelegentlich mit Elektrolitzen durchzogen, damit das Tier nicht die „Kulisse“ auffuttert; der Zoobesucher sieht es nicht. Und selten hält ein Zoo den Besucher auf dem Laufenden, wohin denn die Tiere, die man im knuddeligen Babystadium noch bestaunen durfte, später verfrachtet werden und wie lange sie im ausgewachsenen Zustand überleben. Jeder Katzenbesitzer ist angehalten, sein Tier zu kastrieren, um Nachwuchs zu verhindern, für den er keinen Platz hat. Nur Zoos prahlen damit, wenn sie - oft mit Hilfe künstlicher Befruchtung oder erst, nachdem weitere Partner eingeflogen wurden - wieder einmal einen „Zuchterfolg“ hatten, obwohl sie bereits voll belegt sind. Also müssen Tiere „umziehen“ oder „getauscht“ werden - an Zoos, die weniger im Rampenlicht stehen. Wenige lösen das Problem so brachial und ehrlich wie, wiederum, der Kopenhagener Zoo.

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