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Glosse zur SPD in Hessen : Ein bisschen viel Schnee von übermorgen

Die Zukunft wurde dann doch nicht gemacht. Aber wer soll da auch noch mitkommen? Bild: dpa

Hat Thorsten Schäfer-Gümbel in einem vergangenen Jetzt die Zukunft gemacht? Das ist nach neuerlicher Auszählung der Wahlzettel noch unklar. Feststeht allerdings, dass wir dafür dringend eine grammatische Tempusform erfinden müssen.

          Die Mädels sind busy, und die Jungs studieren den Bauchnabel. Das ist Deutschland 2018. Müssten wir nicht weiter sein? Können wir das nicht besser? Wie das mit dem Fortschritt so ist: Manchmal hat er einen Lauf, und manchmal ist er nicht wiederzuerkennen. Formschwach eiert er dann herum, als hätte er alle Zeit der Welt und als wäre die Zukunft nicht „jetzt“ (Thorsten Schäfer-Gümbel) zu machen.

          Wie macht man das: Zukunft jetzt? Kann das nur die SPD und besonders die Entourage um Thorsten Schäfer-Gümbel, die, solange die Stimmzettel ausgezählt werden, ja noch auf ein bisschen mehr Kompetenzzuschreibung hoffen darf? Kann uns die Sozialdemokratie in eine Zukunft führen, die faktisch jetzt schon ist, weil alles, was sein wird, viel früher gemacht wird, und zwar sofort, unverzüglich, in dieser Sekunde, weil dann, wenn die Zeit reif ist, machbarkeitsmäßig schon wieder alles zu spät ist? Das wäre ein sozialdemokratischer Neubeginn ganz auf der Höhe des Anthropozäns und ein Hammerangebot an die Wähler.

          Wir machen da erst mal nicht mit, okay?

          Im Ungewissen darüber, was einmal kommen wird, plagt uns jedoch eine alte sozialdemokratische Frage: Kommen wir, also die Menschen in uns, da noch mit, oder wird uns der Zug der Zeit, der seine Schienen mal in diese, mal in die andere Richtung vor sich her rollt, darunter begraben? Wir sind nun einmal so, wie wir sind, mit dem Fluch der Vergangenheit beladen, müssen Zukunft erst lernen. Das Gestern spukt noch im Kopf herum oder ist, wie sie bei der SPD wahrscheinlich sagen, mental nicht verarbeitet, und in der noch nicht von der Zukunft ausgebuchten Gegenwart ist noch so viel zu erledigen. Wie sollen wir da an das Kommende denken und es im selben Augenblick auch noch machen?

          Wir kennen sie ja gar nicht, die Zukunft, wir kennen nur Angela Merkel, und die ist als First Lady der Union zurückgetreten. Tut uns leid, Herr Schäfer-Gümbel. Wir machen da erst mal nicht mit, okay? Drei Sachen auf einmal schaffen wir nicht. Es ist uns auch ein bisschen viel Schnee von übermorgen. Aber wir drücken die Daumen für Sie und die SPD – und stoßen vielleicht später dazu, wenn in der jetzt vollendeten Zukunft noch ein Platz für uns frei und unsere Mitarbeit weiter erwünscht ist. Vielleicht machen es ja auch die Maschinen, und wir werden kritische Kritiker, gehen jagen und fischen.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

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