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Akademisierung der Geistlichen : Konfession belebt das Geschäft

  • -Aktualisiert am

Die erfolgreichste Playmobil-Figur aller Zeiten: Luther mit Feder und Bibel Bild: epd

Die evangelische Kirche sollte sich darauf besinnen, dass mit Luther die Akademisierung der Geistlichkeit Standard wurde. Daraus lassen sich Maßstäbe für heute gewinnen. Ein Gastbeitrag.

          Luthers Reformation war ursprünglich ein universitäres Ereignis. Sie stellte die Ausbildung der Theologen auf eine neue Grundlage. Gegen Ende des 500. Jahrestags der Reformation daran zu erinnern ist geboten. Denn die Idee, Theologie im Kontext der Universitäten zu betreiben und zu allgemeinen Rationalitäts- und Wissenschaftsstandards zu verpflichten, ist ein bis heute bestimmendes Leitmotiv unserer Gesellschafts-, Religions- und Kulturpolitik geblieben.

          Historisch ist unbestreitbar, dass die Reformation in konventioneller akademischer Disputationstätigkeit wurzelte, wie man sie in den Jahren 1516/17 in Wittenberg mit Leidenschaft betrieb. Im Zentrum der Debatten standen Auseinandersetzungen um den wichtigsten Kirchenvater des Westens, Augustin, und dessen Verständnis der Gnade. Nach und nach überzeugte sich auch Andreas Bodenstein, seinem fränkischen Herkunftsort entsprechend „Karlstadt“ genannt, davon, dass sein Fakultätskollege Luther mit der radikalen Lesart Augustins richtig lag: Kraft eigener Willensanstrengung könne der Mensch zu seinem Heil nichts beitragen; alles hänge allein am gnädigen Gott. In den ersten beiden Bänden der kritischen Karlstadt-Edition liegen die einschlägigen Texte seit kurzem vor.

          Das Modell aller künftigen Theologie

          Im April 1517, bereits ein halbes Jahr vor Luthers 95 Thesen, hatte Karlstadt damit begonnen, den Wittenberger Augustinismus einer akademischen Öffentlichkeit außerhalb des kursächsischen Universitätsdorfs nahezubringen. Er war auch der Erste, der „Doctor Martinus“ in einer gedruckten Schrift weithin vernehmbar lobte und als Erneuerer der Theologie pries. Für einige Jahre blieb der Franke Luthers wichtigster Mitstreiter.

          Gemeinsam ging man nun auch daran, den Geltungsanspruch der Schultheologie zu erschüttern: Mit der Bibel und den Kirchenvätern gegen die mittels der Philosophie des Heiden Aristoteles fundierte Scholastik – so lautete die Parole der Wittenberger Reformer. Luther verstieg sich sogar dazu, in einem von ihm in Druck gegebenen spätmittelalterlichen mystischen Traktat, der später so genannten „Theologia deutsch“, das Modell aller künftigen Theologie zu sehen. Wäre er bei dieser Auffassung geblieben, hätte es eine akademische Gestalt reformatorischer Theologie schwerlich gegeben.

          „Eynen Doctorn wirt dir niemandt machenn“

          Dass es zu einer dauerhaften Verbindung reformatorischer Theologie mit der Universität kam, war keineswegs ausgemacht – im Gegenteil. In den frühen zwanziger Jahren des sechzehnten Jahrhunderts traten religiöse Enthusiasten auf, die sich ihrer heiligen Unbildung rühmten, die „verkehrten Gelehrten“ schmähten, innere Geistzeugnisse reklamierten, auf handgreifliche Veränderungen drangen und Kleriker auf alle nur denkbare Weise demütigten und zu entmachten trachteten. Unter ihnen waren nicht wenige Wittenberger Studenten, die als selbsternannte Propheten eine wilde, kulturrevolutionäre, aufrührerische Form von Religion propagierten.

          Hatte doch selbst Professor Luther, des traditionellen theologischen Universitätsbetriebs überdrüssig, getönt: „Doctores der kunst / der Ertzney / der Rechten / der Sententias mugen der bapst / Keyszer und Universiteten machen / aber sey nur gewisz / eynen Doctorn der heyligenn schrifft wirt dir niemandt machenn / denn allein der heylig geyst vom hymel“. Auch Karlstadt mutierte für einige Jahre zum reformatorischen 68er. Er legte seine Doktortitel ab, ließ sich „Bruder Andres“ nennen, kleidete sich in einen groben Bauernrock samt Filzhut und verweigerte seine Teilnahme an akademischen Prüfungen und Ritualen.

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