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Thilo Sarrazin zieht Bilanz Ich hätte eine Staatskrise auslösen können

Mein Buch hat sich bisher 1,2 Millionen Mal verkauft hat. Der Bundeskanzlerin und dem Bundespräsidenten hätte man es unter den Weihnachtsbaum legen können. Christian Wulff sollte man auch Goethes „West-östlichen Divan“ schenken, damit er nicht mehr verharmlosend daraus zitiert. Lektionen eines Jahres.

© Daniel Pilar Vergrößern „Ein Teil von mir platzt vor Autorenstolz”: Thilo Sarrazin auf dem Weinachtsmarkt vor der Berliner Sankt Marien Kirche

Oft werde ich gefragt, wie ich mich fühle als Autor eines gleichermaßen gefeierten wie geschmähten Sachbuchs, das in kurzer Zeit alle Verkaufsrekorde seit Erfindung der Verkaufsstatistik gebrochen hat. Die Antwort macht mich immer etwas ratlos: Ein Teil von mir platzt vor Autorenstolz, aber im Hintergrund mahnt eine Stimme, dass solche Verkaufszahlen nicht nur deshalb zustande kommen, weil ein Buch gut ist. Der Hass aus der politischen Klasse und einem Teil der Medien zielt ebenso wie die emotionale Zustimmung des überwiegenden Teils der Bürger offenbar auf denselben Sachverhalt: Ich habe etwas gesagt, das man aus der Sicht der einen keinesfalls denken geschweige denn sagen darf, und eben der Umstand, dass ich dies gesagt habe, löst die Begeisterung der anderen aus.

Alle Anzeichen deuten somit auf einen schweren Tabubruch hin. Nur worin soll der bestehen? Die von mir genannten Statistiken und Fakten hat keiner bestritten, mit der von mir zitierten Literatur hat sich, von wenigen Ausnahmen wie etwa dieser Zeitung abgesehen, kaum einer auseinandergesetzt, meine Sprache ist gemäßigt, beleidigt habe ich niemanden.

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Die Bundeskanzlerin eröffnete den Reigen und setzte mein Buch auf den Index, so wie es früher die Heilige Inquisition tat, indem sie erklärte, das Buch sei „nicht hilfreich“, und sie werde es auch nicht lesen. An die Stelle des Scheiterhaufens trat nach ihrer Planung die Verbannung aus der Bundesbank, dazu forderte sie Präsident Weber öffentlich auf. Der frisch gewählte Bundespräsident stolperte eilfertig hinterher und bot seine Hilfe bei meiner Entlassung an, ohne vorher den Rechtsrat seiner Beamten einzuholen. Mit ein bisschen Michael Kohlhaas im Blut hätte ich eine Staatskrise herbeiführen können.

Thilo Sarazzin wei karussel 2 © Daniel Pilar Vergrößern „Zornig war ich nur kurze Zeit”: Thilo Sarrazin auf Karussellfahrt im weihnachtlichen Berlin

Der Berliner SPD-Landesvorsitzende Michael Müller nannte mein Buch „menschenverachtend“, der Bundesvorsitzende Siegmar Gabriel sprach von einer „ungeheuren moralischen Entgleisung“. In der „taz“ hieß ich „Sudel-Thilo“, die „Frankfurter Rundschau“ nannte mich „Rattenfänger“, und ein stellvertretender Chefredakteur des öffentlich-rechtlichen Fernsehens setzte allem die Krone auf, indem er den Kommentar sprach: „Sarrazin verlässt den Konsens dieser Demokratie“.

Zum Unmaß dieser Reaktionen passt Goethes Wort aus dem „West-östlichen Divan“:

„Alle Menschen groß und klein
Sinnen sich ein Gewebe fein,

Wo sie mit ihrer Scheren Spitzen

Gar zierlich in der Mitte sitzen.

Wenn nun darein ein Besen fährt,

Sagen sie es sei unerhört,

Man habe den größten Palast zerstört.“

Mein Buch war offenbar solch ein Besen. Zehn Tage nach Beginn des Vorabdrucks und drei Tage nach dem Verkaufsbeginn war ich nach allen überkommenen Maßstäben der deutschen Republik nicht nur politisch tot, sondern auch bürgerlich ein Leichnam: Welche ehrenhafte Vorort-Dinnerparty würde so einen noch in ihren Reihen dulden wollen?

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