13.01.2012 · Schwäbische Kunde oder Erinnerung eines Kindes an schlechtere Tage, aber bessere Zeiten und einen fabelhaften Mann namens Theodor Heuss. Aus gegebenem Anlass.
Von Gerhard StadelmaierWas wird es an diesem Septembertag zu essen gegeben haben? Wahrscheinlich Rädlesgemüse, wie so oft in dieser Jahreszeit. Das sind in dünne Scheiben geschnittene (gerädelte) Kartoffeln, gekocht in einer süßsauren, sehr essigbetonten Mehlsauce. Dazu wurden Saitenwürstchen gereicht, die in anderen Landstrichen Wiener oder Frankfurter Würstchen heißen. Die Eltern gönnten sich je ein Paar davon. Die vier Kinder teilten sich ein Paar. Jeder ein halbes Würstchen, scharf futterneidisch geteilt. Die Schule hatte nach den Sommerferien Anfang September wieder begonnen. Man bereitete sich schon auf die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium (Diktat, Mathe, Aufsatz) vor. Jetzt, am 12. September 1959, durfte zu Tisch noch weniger gesprochen oder auch aufbegehrt oder gemeckert werden als sonst („Halt dei saudomma Gosch, du Rotzbua! I hau dr glei oins en dr Anka nei!“; wobei „Anka“ als erweiterter Wangen-, Gesichts- und überhaupt Kopfbereich zu übersetzen wäre).
Denn aus dem Nebenzimmer, dem Schlafgemach der Eltern, dröhnte eine Ansprache. Aus dem Radio. Dieses stand nicht im Wohnzimmer. Sondern auf dem Nachtkästchen des Vaters neben dessen Bett. Fernseher gab es keinen. Man ging, wenn man damals Fernsehen wollen durfte, was ungefähr einem Theater- oder Konzertbesuch gleichkam, gut angezogen (unbedingt mit Krawatte), mit einem Präsentblumenstrauß in Händen, zu Nachbarn, die, selten genug, ein solches Wundergerät besaßen, und guckte an festlichen Samstagabenden Komödien oder sonstwie Lustiges, wozu Goldfischli-Gebäck und Kroatzbeere oder Eckes-Edelkirsch gereicht wurde (Himbeersaft für die Kinder).
Aber ein Radio gab es. Nicht für alle. Nur für den Vater. Immerhin schon im knallweißen Nüchternheitsdesign der Firma Braun. Und aus diesem Schlafzimmerorakel tönte an diesem 12. September eine „Rede an das deutsche Volk“. Es war die Abschiedsrede des Bundespräsidenten. „Volk“ und „deutsch“ klang damals noch so unverdächtig wie abgenutzt. Wenn Lehrer, die meisten ins bigott Christliche hinein mutierte alte Nazis, solche Worte in den Mund nahmen, klang das irgendwie komisch. Wir Kinder hörten sie, aber glaubten sie nicht oder konnten uns nichts darunter vorstellen außer etwas seltsam Hohles, Ungefähres. So, als redeten sie von „Gott“ und wüssten nicht, von wem sie da eigentlich redeten. Und über die Lippen unserer Eltern kamen solche Worte sowieso nicht. Aber.
Aber jetzt auf einmal klangen „Volk“ und „deutsch“ und „Demokratie“ und „Herrschaft“ und „Bürger“ und „Verantwortung“ aus dem Radio im Elternschlafzimmer nicht als Hohlheiten, sondern als nüchtern schöne Konkretheiten, als könnte man sie fassen und genießen wie das Rädlesgemüse auf unseren Tellern, besser noch: wie die Saitenwürstchen. Nur dass es nicht halbe schienen, sondern schöne ganze.
Die Stimme des Herrn Bundespräsidenten, von dem wir wenig mehr wussten und erfuhren, als dass seine Unterschrift unsere Sieger- oder Ehrenurkunden zierte, die uns bei den alljährlichen sportiven Bundesjugendspielen im Erfolgsfall ausgehändigt wurden, die Stimme also des Staatsoberhauptes (auch so ein Wort, das wenig sagte) klang tief. Sie hatte sattes Volumen. Rudolf Augstein sprach später einmal von einem „orphischen Bass“. Und sie war gemütlich, ohne harmlos zu sein.
Sie nahm sich Zeit. Ruhte aus auf den Vokalen. Ließ die Konsonanten sanft vibrieren und nahm alle Zischlaute und die „st“- oder „sp“-Stellen sowieso so weich, wie wir das gewohnt waren: „Aschpekt“oder „Reschpekt“ oder „Schtaat“ klangen viel menschlicher, humaner, lebensnäher als in der reinen Hochsprachlautung. Es schien, als repräsentiere der Herr aus dem Radio ein rechtes Reich Schwaben auf Erden. Und plötzlich die Sensation: herzliches, gelöstes Gelächter im Bonner Bundestag. Der Bundespräsident hatte offenbar bei sich eine Gedächtnis- oder auch nur Zitatlücke entdeckt. Er gab zu, dass er das jetzt so genau nicht wisse und meinte: „Ab’r daas isch ja auch wurscht.“ Eine Unerhörtheit in einem Land, in dem zwar niemand etwas gewusst haben wollte, aber nie jemand zugab, etwas nicht zu wissen.
Dabei war dem Land und den Leuten 1959 noch lange nicht nach Lachen zumute. Schon gar nicht offiziell. Und dass das Staatsoberhaupt sich lächelnd und redlich und humorbegabt als fehlbarer Mensch präsentierte, war eigentlich weder in der Verfassung noch in der Gesellschaft vorgesehen. Denn diese Gesellschaft bestand aus Ernst und Heuchelei. Sie bescherte uns Väter, die als Buben in den Krieg gezwungen wurden und in einem Alter, in dem wir später erst anfingen, richtig zu pubertieren, ganze Kompanien in den Tod kommandieren mussten. Und ihre verlorene oder gestohlene Jugend im Nachkrieg mit einer verbissenen-schnoddrigen Erwachsenheit kompensierten, unter der für Kinder wenig mehr übrig blieb, als auch erwachsen zu tun.
Der weißhaarige Herr mit dem freundlichen, großflächigen Gesicht und dem beredten Mund, der tiefen Stimme und der genießerisch gerauchten Brasil-Zigarre, die viel edler war als die etwas primitive Sumatra-“Handelsgold“ des dicklichen und immer wie nicht ganz zulänglich wirkenden Wirtschaftsministers Erhard, war dieser ganzen wunden Nation aus verlorenen Vätern eine Art Ersatzvater. Und was immer im Land geschah: Er überstrahlte es.
Die junge Bundesrepublik hatte noch keine Gastarbeiter-, keine Ausländer-, keine Asylantenströme zu bewältigen. Aber jeder kannte in seiner Nachbarschaft „Flüchtlinge“, seltsam sprechende Leute, die zu Millionen aus den Ostgebieten vertrieben wurden und jetzt den Einheimischen die schönsten Bauplätze zu Vorzugspreisen wegschnappten. In Ämtern und Behörden und Kanzlerbüros taten alte Nazis effektiv ihren neuen demokratischen Dienst. Die Kommunisten waren im Westen verboten und hatten in der DDR (vulgo Ostzone) sich noch nicht hinter Mauer und Stacheldraht verbarrikadiert. Die Frauen durften nur mit Genehmigung ihrer Männer ein Arbeitsverhältnis eingehen. Trotzdem arbeiteten viele. Ihre Kinder hießen „Schlüsselkinder“, weil sie einen Schlüssel um den Hals trugen, mit dem sie nach der Schule in die mutter- und vaterlose Wohnung gelangten.
In den Schulen, die großenteils noch Bekenntnisschulen (getrennt nach Religion) waren, durfte geprügelt werden: Rohrstocktatzen auf die bloße Hand, Schläge auf den Po, Ohrfeigen. Die wenigsten Häuser hatten Badezimmer. Wasserspülung hatte sich noch nicht überall durchgesetzt. Duschen waren so selten wie Telefone. In manchen Straßenzügen hatten nur ein, zwei Familien Telefonanschluss, die Nachbarn mussten, wenn sie telefonieren wollten, sich voranmelden („Jetzt goht’s grad net, i han a Supp’ auf’m Herd“). Teppiche wurden mit dem Teppichklopfer ausgeklopft (Staubsauger waren Luxusgüter). Vor jedem Haus lagen riesige Kohlenhaufen (Brikett bei den ärmeren, Eierkoks bei den reicheren Leuten). Die Luft war, vom Hausbrand geschwängert, zum Schneiden, Zentralheizung nicht einmal in allen Behörden und Ämtern gang und gäbe. Man fachte morgens die Öfen mit Zeitungspapier und Spänen an. Das Land war im Aufschwung, aber arm.
Und jedes zweite Jahr irgendwo eine existenzbedrohende Krise oder eine Berlin-Blockade oder die Drohung eines Dritten Weltkriegs. Die Eltern horteten für den Ernstfall Vorräte (Erbsen, Trockenmilch, Mehl) auf dem Speicher, der im Schwäbischen „Bühne“ heißt. Die Russen richteten in Prag, Warschau, Budapest Blutbäder an. Und die Leute saßen 1956 vor den Radios und weinten, manche (meine Großmutter) schrien auch vor Entsetzen. Es war ein höchst aufregendes, spannendes Jahrzehnt. Die harmlosen sechziger und die miefig verkrampften siebziger Jahre waren noch fern.
Und dieses ganze gespannte Jahrzehnt, in dem die alte Zeit noch schimmelte und die neue noch ganz neu war, fand seinen Ausgleich, seinen Ruhe- wie seinen Bewegungspunkt in diesem über siebzigjährigen Herrn, Jahrgang 1884, der 1949 zum Bundespräsidenten gewählt wurde und das Amt zehn Jahre ausübte. Der Nationalökonomie, Literatur, Geschichte, Kunstgeschichte und Staatswissenschaften studiert, als Journalist und als Geschäftsführer des Deutschen Werkbundes gearbeitet hatte, Reichstagsabgeordneter der Liberalen war, gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz reden wollte, aber aus Fraktionszwang für es stimmte, dessen Buch „Hitlers Weg“ die Nazis verbrannten und ihn mit Berufsverbot belegten.
Der Schwabe aus Brackenheim (bei Heilbronn), der über den Weinbau promoviert hatte und dessen Stimmtiefe auch auf einer gewissen Trollinger-Gerbung beruhte und der, wenn er Weinberge und deren Gewächse beschrieb, ganz unschuldig vom „gediegenen Alkoholiker“ schwärmen durfte, was für ihn mit nichts weiter als mit „Kennerschaft“ zu übersetzen war; dieser protestantische Genussmensch, Freund der Schriftsteller und Künstler in aller Welt, dieser weltläufige württembergische Provinzgeistesfürst - er wurde zum deutschen Idealherrscher. Auf Zeit. Und völlig ohne Macht.
Er herrschte allein durch das, was er sagte. Und er sagte nie, was spätere Bundespräsidenten im Dutzend billiger sagten: nämlich Aufforderndes. So à la „Wir müssen“ oder „Seid“ oder „Tut dies“ oder „Tut das“. Rudolf Augstein schrieb in seinem immer noch lesenswerten Nachruf auf Heuss 1963: „Dieser Präsident wußte, daß man den Regierten nichts anderes predigen kann, als die Regierer zu tun willens sind ... Daß man Moral überhaupt nicht predigen und daß ein Mann über 70 sie auch nicht leben kann. Dieser Präsident war, als der strengste Nicht-Heuchler im Land, eine moralische Figur.“
Was diesen Bundespräsidenten, den nicht nur der Boulevard „Papa Heuss“ nannte, zur überragenden Figur machte, war etwas, das er in einem hinreißenden Aufsatz über Schiller (zu dessen zweihundertstem Geburtstag 1959) bescheiden, nüchtern und grundklug sich einfühlend dem großen Dichter attestierte: eine „edle Schüchternheit“. Es ist die Schüchternheit „eines Mannes, der sich seines Wertes wohl bewußt war“, aber seinen eigenen hohen Ansprüchen in Demut gerecht werden müsse. Sieht, liest man die schüchterne, herzlich freie Freude, die Heuss in herrlichen Feuilletons (ganz früh auch Theaterkritiken), Reisebeschreibungen, Architekturkritiken, Designvorschlägen, Dichteranalysen, von ihm so genannten „Begegnungen“ mit „Bildern und Gestalten“ an den Tag legt, glänzend geschrieben, prunkvoll zurückhaltend, aber genießerisch im Ton, die Sprache abschmeckend wie das „Bodag’fährtle“ (den Abgang) eines guten Weins - dann begreift man den Kern und den Zauber seines Wesens und seiner ungeheuren Wirkung.
Wie er Thomas Mann gegenüber, den er 1955 dazu verführt, gegen das damals politisch korrekte Geschrei und Gegeifere der Alleinvertretungsnationalisten sowohl in Stuttgart wie in Weimar (in der DDR) seine große Schiller-Rede zu halten, den verehrungsvollen Takt und die Dezenz der edlen Schüchternheit wahrt, die gegen einen heimkehrenden und misstrauisch-distanzierten Emigranten eben zu wahren war; wie er einem Carl Zuckmayer dafür dankt, dass der Dramatiker, den die deutsche Heimat verjagte und den die amerikanische Heimat aufnahm, das Bundesverdienstkreuz der ersten Heimat annahm, ohne dass der Präsident sich dabei winden und quälen musste, sondern sich einfach freien Geistes und Herzens freuen durfte und wollte; wie er über Dante, über Rembrandt, über Mörike, über Maulbronn und Ravenna und Ischia und Lessing und Shakespeare und Cervantes und Büchner und oberschwäbisches Barock und Florenz schreibt - das alles zeigt und beweist: dass da ein wunderbarer, unprätentiöser, unpathetischer Bürger die großen Geister und ihre unbegreiflich hohen Werke und schwierigen Figuren nicht als ferne Güter begreift, mit denen man protzen kann. Auch nicht als Material, das man im politischen Geschäft verwenden mag. Sondern als kostbare, gegenwärtige, ja, doch, göttliche, das heißt: urmenschliche, geniale Lebendigkeiten. Als große Geschenke. Die man ergreifen, derer man sich aber würdig erweisen muss. In beweglicher Intelligenz und glanzvollem Stil. Denen man staunend und liebend begegnen darf.
Dieses hat man einmal „Bildung“ genannt. Theodor Heuss war nichts weiter als in diesem Sinne gebildet. Als Bürger. Und als erster Bürger seines Staates, dem er in dessen Kindheitstagen gutgetan hat wie nach ihm kein zweiter. Er war ein Segen. Es ist ganz gut, heute mal an ihn zu denken.