Home
http://www.faz.net/-gsf-ysps
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Theater Wo heute Lärm ist, war einst Magie

Das Theater kann der selige Schlupfwinkel der Kindheit sein oder das traurigste Gewerbe. Heute ist das Regietheater zur letzten verbliebenen Schrumpfform linker Weltanschauung degeneriert: Daniel Kehlmanns Rede zum Auftakt der Salzburger Festspiele.

„Das bürgerliche Leben“, sagte Max Reinhardt in einer Rede an der Columbia University, „ist eng begrenzt und arm an Gefühlsinhalten. Es hat aus seiner Armut lauter Tugenden gemacht, zwischen denen es sich schlecht und recht durchzwängt.“ Im Ungenügen also an dem einen Dasein, das uns gegeben ist, an der Mangelhaftigkeit unserer Gefühle, der Begrenztheit der Wege, die uns offen stehen, sah der Mitgründer dieser Festspiele die Wurzel unserer Faszination für das Theater. „Wir alle tragen die Möglichkeit zu allen Leidenschaften, zu allen Schicksalen, zu allen Lebensformen in uns.“ Wo aber das Theater die Berührung mit der existentiellen Wahrhaftigkeit verliere, bleibe leeres Spiel und, schlimmer noch, blanke Langeweile. „Das Theater kann, von allen guten Geistern verlassen, das traurigste Gewerbe, die armseligste Prostitution sein.“

Ich hörte diese Rede zum ersten Mal als Kind auf einer Langspielplatte meines Vaters. Das mit dem traurigsten Gewerbe verstand ich nicht ganz, schon weil ich nicht so recht wusste, was das Wort Prostitution bedeutet, das über die Armut des bürgerlichen Lebens aber verstand ich sehr wohl: Natürlich sehnte ich mich nach anderen Möglichkeiten und danach, mehr als ein Leben zu führen, alle Kinder tun das, werden sie erwachsen, verdrängen sie es, es sei denn, sie werden Schauspieler oder sie schreiben. Wenn Reinhardt das Theater „den seligsten Schlupfwinkel derer“ nennt, „die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben“, so fand ich genau diesen Schlupfwinkel in den Büchern, im Erfinden, in der kontrollierten Flucht in die Phantasie, die jeder Roman bietet. Vom Theater aber hielt ich mich lieber fern.

Mehr zum Thema

Das hatte mit meinem Elternhaus zu tun. Mein Vater war Regisseur, und das Theater gehörte nun einmal zu seiner Welt, zum Bereich seiner Zuständigkeit, dem ich als Sohn, der etwas Eigenes sein und tun wollte, lieber nicht zu nahe kam. Gerade als einer, der unter Schauspielern aufgewachsen ist, jenen stets angenehmen und doch so verzweifelt des Zuspruchs bedürftigen Menschen, hatte ich schon früh das Gefühl, dass es gut für mich wäre, mein Leben in anderem Umfeld zu verbringen.

Salzburger Festspiele eröffnet - Daniel Kehlmann © dpa Vergrößern „Bei uns ist etwas Absonderliches geschehen”: Daniel Kehlmann in Salzburg

Mein größtes Theatererlebnis

An meinem ersten und größten Theatererlebnis waren allerdings gar keine Schauspieler beteiligt. Ich war vier Jahre alt, mein Vater probte im Wiener Theater an der Josefstadt, meine Mutter und ich waren aus München gekommen, ihn zu besuchen. Eines Morgens nahm er mich mit zur Beleuchtungsprobe. Ich sehe noch den leeren Zuschauerraum vor mir, die leere Bühne bei offenem Vorhang. Mein Vater rief etwas nach oben, und plötzlich begann sich ein riesiger Kristallluster - mir jedenfalls kam er riesig vor - aufleuchtend aus der Dunkelheit herabzusenken. Der gewaltige Raum wurde hell. Mein Vater rief wieder etwas, der Luster stieg auf, die Schatten wurden länger, und schließlich war der Luster im Schwarz der Decke verschwunden. Ich wusste natürlich nicht, dass sich das allabendlich ereignete; ich glaubte wirklich, es wäre nur für mich und zum ersten Mal geschehen. Ich war erschrocken und glücklich. Keine Theateraufführung kam je an diesen Vormittag heran.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Staatstheater Mainz Die Welt ist irre

Ob Toda ihren Vater je wiedersehen wird, ist offen. Aber klar ist: wie sinnlos Krieg ist, wie schlimm Fliehen und Verlust erleben, Fremdsein. Als mein Vater ein Busch wurde im Staastheater Mainz. Mehr Von Eva-Maria Magel

27.01.2015, 17:40 Uhr | Rhein-Main
Paarungszeit der Hirsche Röhren und betören zur Brunft

Bühne frei heißt es im Oktober für die Damhirsche. Denn zur Paarungszeit veranstalten sie großes Theater, um ihr weibliches Pendant zu betören. Hören Sie selbst, wie sich das anhört. Mehr

31.10.2014, 19:20 Uhr | Rhein-Main
Amazon-Serie Transparent Erst sucht Vater sein wahres Selbst, dann wird er eine Frau

Amazons Webserie Transparent, ein Gewinner der diesjährigen Golden Globes, hat einen transsexuellen Protagonisten. Doch auch andere Shows wirbeln die Geschlechterrollen kräftig durcheinander. Was ist der Grund für diesen Trend? Mehr Von Nina Rehfeld, Phoenix

19.01.2015, 20:47 Uhr | Feuilleton
Herz oder Kopf  Landliebe oder Lüge? 

Die Sehnsucht nach dem guten alten Bauernhof lässt uns ein Leben lang nicht los. Doch die Idylle von damals ist kein Modell für die Zukunft. Unser Autor ist selbst gespalten: Sein Herz träumt von früher, sein Kopf bleibt kühl. Mehr Von Jan Grossarth

20.11.2014, 14:34 Uhr | Wirtschaft
Kriegspanorama in Dresden Der Herr der Bilder

Yadegar Asisi schafft monumentale Panoramen. Sein neues Werk zeigt Dresden unmittelbar nach den Bombenangriffen. Mehr Von Stefan Locke, Dresden

23.01.2015, 15:07 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 27.07.2009, 12:20 Uhr

Herzog Ugulino und die zwei Nonnen

Von Paul Ingendaay

Ein Theaterstück von Mario Vargas Llosa wird zur Zeit in Madrid aufgeführt. und der Maestro gibt sich selbst die Ehre. Mehr