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Terror und Meinungsfreiheit : Tragt den Krieg in ihre Länder

So inszeniert sich der Terror: Propagandabild des „Islamischen Staats“. Bild: Picture-Alliance

Ein Radrennen wird wegen eines potentiellen islamistischen Anschlags abgesagt, ein aus Iran stammender Musiker wird bedroht: Der Terror zieht in den Alltag ein. Wie tritt ihm unsere freiheitliche Gesellschaft entgegen?

          Am 2. Mai 2011 endete im pakistanischen Abbottabad eine Terrorfahndung, die zehn Jahre währte. Begonnen hatte sie nach dem 11. September 2001. Eine Truppe der amerikanischen Navy Seals drang in ein Anwesen ein und erschoss Usama Bin Ladin, den Drahtzieher der Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon. Ein Jahrzehnt lang hatte sich Bin Ladin verbergen können, wie viel Einfluss er noch auf die Operationen von Al Qaida hatte, ist umstritten. Doch noch zu Lebzeiten konnte er bezeugen, dass sein Plan aufgegangen war - der Plan, den Terror, den er und seinesgleichen religiös verbrämen und „Dschihad“, den „Heiligen Krieg“, nennen, zu globalisieren.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Tragt den Krieg in ihre Länder, lautete Bin Ladins Botschaft. Gemeint waren die Länder der „Ungläubigen“. Diese Kriegserklärung hat Al Qaida mit den Anschlägen vom 11. September unterstrichen, doch das war nur der Auftakt. Denn in der Weltsicht der Islamisten, ob sie sich nun zu Al Qaida, dem „Islamischen Staat“ oder Boko Haram rechnen, ist dieser Krieg erst zu Ende, wenn sie alle Staaten unterworfen, alle Menschen zu ihrer Version des Islam bekehrt, unterjocht oder umgebracht haben.

          Vermächtnis von Usama Bin Ladin

          Gegner in diesem „Krieg“, ja Feind ist jeder, der anders denkt, der anderes glaubt, anders lebt. Zum Ziel kann jeder werden, wie bei den Anschlägen auf Züge und U-Bahnen in Madrid 2004 und London 2005. Die Bedrohung gilt allen. Vorneweg jedoch denjenigen, die für Freiheiten eintreten, die es für den Islamismus nicht gibt. Und die deswegen unschädlich gemacht werden müssen. Der niederländische Filmemacher Theo van Gogh war so jemand. Er wurde am 2. November 2004 von einem Islamisten in Amsterdam auf offener Straße erstochen. Die Redakteure und Karikaturisten von „Charlie Hebdo“ wurden am 7. Januar dieses Jahres Opfer islamistischen Terrors.

          Die Zeichner, die sich 2005 an der Mohammed-Karikaturen-Aktion der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ beteiligten, stehen seither unter Polizeischutz. Gegen den Karikaturisten Kurt Westergaard wurden schon zwei Anschlagsversuche unternommen. Auf ihn ist ebenso ein Kopfgeld ausgesetzt wie auf den aus Iran stammenden Musiker Shahin Najafi, der in Deutschland im Exil lebt und dessen Fans sich nun angesichts einer neuerlichen Morddrohung davor fürchten sollen, eines seiner Konzerte zu besuchen. Wegen eines möglichen islamistischen Anschlags wurde in diesem Jahr der Karnevalsumzug in Braunschweig abgesagt, am 1. Mai fiel das traditionelle Radrennen in Frankfurt aus, nachdem die Polizei ein Ehepaar festgenommen hatte, das offenbar einen Anschlag auf die Veranstaltung plante. Jüdische und christliche Einrichtungen müssen geschützt werden. Die Liste der Anschläge ist längst nicht vollständig.

          Ein Polizist sichert nach der Festnahme zweier mutmaßlicher Islamisten eine Straßenzufahrt in Oberursel.

          So wird der Terror zum Alltag. Sein Ziel erreicht er dabei nicht erst, wenn die Bomben der Attentäter zünden, sondern schon dann, wenn eine allgemeine Vermeidungshaltung um sich greift. Nach dem Motto: Man muss es ja nicht herausfordern. Wobei die Islamisten die freiheitliche Gesellschaft an sich als Herausforderung und Grund für ihren „Krieg“ begreifen.

          Wie in Houllebecqs Roman

          Die Frage ist, wie standhaft und solidarisch sich die freiheitlichen Gesellschaften erweisen. Es ist kein gutes Zeichen, dass prominente Autoren der Verleihung eines Preises für Meinungsfreiheit an „Charlie Hebdo“ in New York nun aus Protest ferngeblieben sind. Mit dem Preis ehrt die amerikanische Sektion des Schriftstellerverbands PEN schließlich nicht Mohammed-Karikaturen an sich, sondern eine Zeitschrift, die das Recht beansprucht, solches als Ausdruck der Meinungsfreiheit zu tun. Das hat leider auch der Präsident des deutschen PEN-Zentrums, Josef Haslinger, nicht verstanden, der meint, „Charlie Hebdo“ verschärfe das gesellschaftliche Klima und trage nicht zur Versöhnung bei - so werden Ursache und Wirkung verkehrt.

          In Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ kann man lesen, was passiert, wenn eine Gesellschaft ihre Freiheiten aufgibt, wenn sie sich ihre Werte abkaufen lässt. Es beginnt mit Darüberhinwegsehen (etwa dass Juden aus dem öffentlichen Leben verschwinden) und damit, dass die Medien über Wesentliches nicht mehr berichten: Man hört die Detonationen und Schüsse in der Innenstadt, doch im Fernsehen gibt es kein einziges Bild davon. Wie schrieb der Mafia-Aufklärer Roberto Saviano, der seit Jahren mit Todesdrohungen leben muss, nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ in der F.A.Z.: „Wir sehen uns wieder beim nächsten Gemetzel. Wir sehen uns wieder, wenn das nächste Mal Blut geflossen und es ganz einfach ist, sich zu solidarisieren.“

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