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Telefonberatung von „Astro TV“ : Eine Frau telefoniert sich in den Ruin

Astro-TV: wenn das Rad des Schicksals in den Ruin führt Bild: Pein

Schon einmal berichteten wir über Praktiken von Astrologiesendern wie „Astro TV“ der Firma Questico. Jetzt wird ein Fall bekannt, in dem eine Frau für rund 38.000 Euro mit Questico-Leuten Gespräche führte. Die Medienaufsicht ist alarmiert. Von Michael Hanfeld.

          Diese Telefonrechnung ist ein Dokument des Horrors. Ein Dokument des Horrors, wie ihn Fernsehsender hervorbringen, deren Geschäft darauf beruht, Zuschauern das Geld am Telefon aus der Tasche ziehen - durch lange Telefonate, wiederholte Telefonate, durch Telefonate, die abhängig machen. So wie im Fall der achtunddreißig Jahre alten Karoline C. (Name von der Redaktion geändert).

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Sie kontaktierte die Berater des Senders „Astro TV“ im Laufe eines Jahres so oft, bis sie psychisch und finanziell am Ende war. Auf rund 38.000 Euro belaufen sich die Kosten. Um sie zu begleichen, musste sich die Frau, die inzwischen in fachlicher psychologischer Betreuung ist, verschulden. Als sich ihre Eltern einschalteten und den Sender baten, der Tochter die Kosten zu erlassen, herrschte bei Astro TV beziehungsweise bei dahinter stehenden Firma Questico plötzlich Sendepause.

          Gesprächskosten bis zu 400 Euro - am Tag

          Wie sehr sich Karoline C. der „liebevollen, kompetenten Lebensberatung“ hingab, mit der für die astrologische Anruferei geworben wird, davon sprechen ihre Telefonabrechnungen bei Questico - die der F.A.Z. vorliegen - Bände. Es begann scheinbar harmlos, im März 2006, mit einer Monatsrechnung von 88,31 Euro. Im nächsten Monat waren es schon 122,89 Euro. Im Mai explodierten die Kosten: 3224,65 Euro werden als „Summe Gesprächskosten“ auf dem Telefonkonto von Karoline C. ausgewiesen.

          Bis zu einem Dutzend Mal pro Tag rief die Frau an, auf bis zu 400 Euro belaufen sich Summen, die binnen eines Tages zusammenkamen. Der Juni 2006 brach Rekorde: 5341,63 Euro werden in der Questico-Rechnung als „Summe Einnahmen“ notiert. Im Juli 2006 steigert sich die Rechnung noch einmal: Da schlugen 5376,94 Euro zu Buche. Im August 2006 waren es 3059,05 Euro, im September 3157,47 Euro; im Oktober 4736,92 Euro; im November 3449,45 Euro; im Dezember 5093,38 Euro; im Januar 2007 2901,76 Euro; im Februar 2007 836,42 Euro und im März 2007 schließlich noch einmal 442,21 Euro.

          Nur drei „liebevolle Experten“ erkannten die Not

          Das war der Monat, in dem Karoline C. am Ende war, sich ihren Eltern offenbarte und diese einschritten. „In der ganzen Zeit“, schrieb ihre Mutter am 18. März 2007 in einem Brief an Questico, habe ihre Tochter „sechzig liebevolle, kompetente Experten kontaktiert“, in Gesprächen, die nicht selten „über eine Stunde dauerten“. Zwei, maximal drei der Questico-Berater hätten „die seelische Not“ ihre Tochter erkannt und zu professioneller Hilfe geraten, „um sie in nicht noch größere Not zu bringen“. Das aber „besorgten dann die übrigen Experten, denn sie kamen nach Befragen ihrer Karten mehr oder weniger zu den erwünschten Strohhalm-Aussagen, dass es vage Aussichten für Neubelebung der Partnerschaft gäbe. Höhepunkt war kurze Zeit vor dem Scheidungstermin dann die erlösende Auskunft mit Zeitansage, in zwei bis drei Jahren kommen Sie wieder zusammen“.

          Doch Karoline C. kam mit ihrem Partner nicht wieder zusammen, am 13. März 2007 wurde sie geschieden. Sie steckte seit mehreren Jahren in einer seelischen Krise, schreibt ihre Mutter. Und zu dieser gesellte sich nun durch die Anrufe bei Questico eine finanzielle. Das Sparguthaben von 21.000 Euro war aufgebraucht, ein Kredit von 13.000 Euro war aufgenommen, bei einer weiteren Quelle trieb Karoline C. noch einmal 1400 Euro auf, um ihre Telefonrechnungen zu bezahlen. Die Eltern von Karoline C. ließen das Telefonkonto ihrer Tochter mit Schreiben vom 18. März 2007 sperren und - sie baten, „Vorschläge zu unterbreiten, welche Summen“ man ihrer Tochter zurückerstatten wolle, „um die verursachte Notlage zu beseitigen“. Eine Antwort bekamen die Eltern von Karoline C. - laut ihrer Darstellung - auf ihren Brief hin nie.

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