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Taubblinde : Nichts sehen, nichts hören

Durch den Tastsinn die Welt begreifen: Ein Taubblinder liest die Braille-Schrift Bild: dpa

Bislang ist der Bedarf taubblinder Menschen für unser Hilfe- und Unterstützungssystem weitgehend „unsichtbar“. Warum sich niemand um die Taubblinden kümmert.

          Minderheiten sind systemirrelevant. Im Grunde ist das ja seit jeher so, doch das Versprechen von Demokratien lautete einmal, Minderheiten trotzdem eine Stimme zu geben. Minderheiten wie taubblinden Menschen zum Beispiel. In einer auf Wachstum und Effizienz getrimmten Welt, in der alles sofort in bare Münze umgerechnet wird, geschieht allerdings das Gegenteil: Der Platz für Minderheiten schrumpft derart beängstigend, dass das für jeden ein Alarmzeichen sein muss. Die Betroffenen führen ein Dasein unterhalb des kollektiven Aufmerksamkeitsradars. Sie spielen keine Rolle.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Manchmal jedoch kommt es vor, dass einer, der gerade noch Außenseiter war, plötzlich in den medialen Fokus rückt. Das geschieht immer dann, wenn eine systemrelevante Anzahl von Menschen skandalösen Verhältnissen ausgesetzt ist, woraus sich wiederum Schlagzeilen machen lassen. Vielleicht ruft auch die Redaktion von Markus Lanz an. Während des Sommerlochs sind die Chancen besonders groß. Die Empörung darüber, dass auch hierzulande nicht gerade wenig Menschen durch das soziale Netz fallen, ist es auch. So schnell, wie die Empörung um sich griff, verschwindet sie in der Regel auch wieder.

          Weitgehend „unsichtbar“

          Im vergangenen Jahr aber geschah etwas Erstaunliches. Einen Moment lang sah es tatsächlich danach aus, als läge der Politik etwas daran, taubblinden Menschen, die wählerstimmentechnisch gesehen eher uninteressant sind und sich auch sonst nicht publikumswirksam vereinnahmen lassen, ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Wie viele Taubblinde in Deutschland leben, ist schwer zu sagen. Nach Schätzungen des „Gemeinsamen Fachausschusses hörsehbehindert/taubblind“ handelt es sich um etwa sechstausend Betroffene. Man kann allerdings davon ausgehen, dass es weitaus mehr sind. Taubblinde Menschen, das muss man sich klar machen, um die Dimension dieser Behinderung zu verstehen, leiden unter einer doppelten Sinnesbehinderung. Ohne fremde Hilfe, ohne Assistenz sind sie dazu verdammt, ein Leben in Isolation zu führen. Wie kaum eine andere Gruppe sind Taubblinde darauf angewiesen, dass jemand für sie die Stimme erhebt.

          Was also ist vergangenes Jahr geschehen? Um den Betroffenen aus ihrer Isolation zu verhelfen, beschloss die Arbeits- und Sozialministerkonferenz der Bundesländer, Taubblindheit als Behinderung eigener Art anzuerkennen. Zudem reichte die SPD-Fraktion einen Antrag ein, in dem sie die Bundesregierung aufforderte, das Merkzeichen „Taubblindheit“ einzuführen, der Antrag war von Frank-Walter Steinmeier unterzeichnet. Die Betroffenen würden dadurch einerseits „sichtbar“, andererseits könnten die bestehenden Bedarfe in die Leistungssysteme eingeordnet werden. Denn bislang sei der Bedarf taubblinder Menschen für unser Hilfe- und Unterstützungssystem weitgehend „unsichtbar“. Das ist ein bemerkenswerter Satz.

          Versorgung nach Vorschrift

          In einem bis in den kleinsten Winkel bürokratisierten System existiert Taubblindheit solange nicht als Behinderung, wie es keine eigenständige Bezeichnung dafür gibt. Es ist offenbar nicht vorgesehen, dass jemand gleichzeitig taub und blind ist. Obwohl man sich einig zu sein schien, diese unsichtbaren Außenseiter wenigstens formal sichtbar zu machen, folgten den Worten bis heute keine Taten. Ein eigenes Merkzeichen im Behindertenausweis gibt es bislang jedenfalls nicht.

          Auf den ersten Blick mag es den Anschein haben, als lebten wir in einer Gesellschaft, in der für Menschen mit Behinderung gut gesorgt sei. Überall gibt es Behindertenparkplätze, die meisten Züge sind mit speziellen Toiletten ausgestattet, es existieren Rollstuhl- und behindertengerechte Hotels und einige Mietwagenfirmen haben sich auf die Bedürfnisse Behinderter eingestellt. In den vergangenen Jahrzehnten ist tatsächlich viel passiert. Einerseits. Andererseits ereignen sich immer wieder Geschichten wie diese: Eine taubblinde Frau beantragt bei ihrer Krankenkasse einen Computer mit Braille-Zeile, Screenreader sowie einem computergestützten Kommunikationssystem. Die Kasse teilt mit, dass sie einen Zuschuss zur Braille-Zeile gewähre, aber keine weiteren Kosten trage. Mit dem genehmigten Betrag sei die Krankenkasse ihrem gesetzlichen Auftrag auf Versorgung mit Blindenhilfsmitteln nachgekommen. Der Frau wurde empfohlen, die synthetische Sprachausgabe zu nutzen und sich Texte damit vorlesen zu lassen.

          Ein Ende der strukturellen Diskriminierung

          In den siebziger Jahren lief im ZDF die Serie „Unser Walter“, deren Protagonist ein behinderter Junge war, der mit dem Gendefekt Trisomie 21 geboren wurde. „Unser Walter“ versuchte den Alltag einer Familie mit behindertem Kind so wahrheitsgetreu wie möglich abzubilden. Die Serie wurde sehr schnell sehr populär. Heute, da sich die Publikumstauglichkeit daran bemisst, ob sich jemand auf ein Talkshow-Sofa setzen lässt, wäre ein Format wie „Unser Walter“ in dieser Form nur noch schwer vorstellbar.

          Spätestens im September, wenn der Wahlkampf seine Endphase erreicht, soll übrigens der Antrag für ein eigenes TBL-Merkzeichen zur Abstimmung in den Bundesrat gehen. Der strukturellen Diskriminierung Taubblinder könnte damit ein Ende gesetzt werden.

          Quelle: F.A.Z.

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