Home
http://www.faz.net/-gsf-6z9v8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

„Tatort“-Regisseur Niki Stein Unter Piraten

Freies Netz für freie Bürger? Was die Piratenpartei fordert, hat mit Demokratie nichts zu tun - es geht um Bedürfnisbefriedigung und Enteignung.

© ullstein bild - Archiv Gerstenbe Vergrößern Fremdes Wissen gibt es nicht umsonst. Und wer es stiehlt, zahlt einen hohen Preis. Das war schon so, als Äpfel noch keine Computer symbolisierten.

Killerspiele ist ein Propagandawort, das von bestimmten Politikern dazu verwendet wird, bestimmte Spiele schlechtzumachen. Die Piratenpartei fordert, solche Spiele wieder als das zu bezeichnen, was sie sind: Egoshooter.“ (Aus dem Parteiprogramm der „Piraten“.)

Im Jahr 1974 spielte ich mein erstes Computerspiel. Es hieß „Tele-Tennis“, und war, wie ich später erfuhr, noch gar kein richtiges Computerspiel. Auf jeden Fall faszinierte es mich mehr als der Automat mit der mechanischen Affenkapelle gleich daneben, der losschepperte, wenn man zehn Pfennig hineinwarf. 1978 lernte ich am Schulcomputer, einem Wang 2200, die Programmiersprache Basic. Ein Jahr später brachte uns unser Mathematiklehrer bei, wie man einen Taschenrechner der Firma Texas Instruments programmiert, um damit Wahrscheinlichkeiten beim Black-Jack-Spiel zu errechnen. Als ich drei Jahre später alt genug war, um mein Wissen anzuwenden, hatte der Staat schon reagiert und die Benutzung von Taschenrechnern in seinen Spielbanken verboten. Also wurde ich nicht Berufsspieler, sondern Urheber. Ich begann Drehbücher zu schreiben. Und da mein Problem nicht der Mangel an Ideen für Geschichten, sondern eine schlechte Handschrift und ein unterentwickelter Ordnungssinn war, schaffte ich mir ein Textverarbeitungssystem an. Es hieß Schneider Joyce, kostete 1985 zweitausend Mark und hatte keine Festplatte. Meine Drehbücher sahen plötzlich sehr professionell aus: die Schrift genadelt, das Papier an den Rändern perforiert, ein tolles Layout. Nur interessierte sich die „Content-Industrie“ damals noch nicht für den Inhalt.

Ich musste lernen, üben, viel Zeit investieren, zwei Jahre studieren. Irgendwann verkaufte ich ein Drehbuch an das „Kleine Fernsehspiel“ des ZDF. Ich bekam 15.000 Mark. Für mich damals eine ungeheure Summe. Davon kaufte ich mir ein Toshiba Notebook mit Festplatte. Vom Rest konnte ich ein Jahr gut im Mauer-Berlin leben.

19374117 © Above the Line Vergrößern Niki Stein

Mit dem Toshiba wurde es noch besser. Ich verkaufte Inhalte an die „Content-Industrie“, wurde ein Händler meiner Ideen. Ich begann mich für das Internet zu interessieren. Irgendwann gelang es mir auch, mich mit Hilfe eines Akustikkopplers einzuwählen. Später war ich einer der Ersten, die einen Handheld-Computer besaß. Und ganz früh hatte ich ein iPhone. Aber damit endet meine digitale Erfolgsgeschichte abrupt. Ich mache kein Online-Banking, ich habe keine Homepage, ich twittere nicht, und ich bin nicht bei Face-Book. Warum? Weil ich Angst vor „Transparency“ habe.

Das ist einer Gesellschaft nicht zuzumuten

Ich habe Angst, dass ich von Hackern ausspioniert werde, die mein Konto leer räumen. Ich habe Angst, dass die großen Netzmonopolisten meine Vorlieben, Sehgewohnheiten, Meinungen, Freunde abspeichern und missbrauchen. Ich zittere jedes Mal, wenn ich meine Kreditkartennummer ins Netz schicke, um eine Fahrkarte zu kaufen. Nach jeder Amazon-Bestellung lösche ich meine Kontodaten und Prioritätenlisten, entferne „Cookies“, leere meinen „Verlauf“. Ich bin ein Internetneurotiker und Facebook-Phobiker. Lieber vereinsame ich, als mich im Netz zu exhibitionieren. Seit einiger Zeit, genauer seit der Wahl im Saarland, habe ich auch Angst vor den „Piraten“.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
China Onkel Xi und seine Blogger

Im chinesischen Internet melden sich immer mehr Patrioten zu Wort, welche die Regierungspolitik preisen. Anders als früher muss Peking sie dafür nicht mehr bezahlen. Mehr Von Petra Kolonko, Peking

13.12.2014, 21:08 Uhr | Politik
Demonstranten vernetzen sich auch ohne Internet

Um Internetsperren zu umgehen nutzen Demonstranten in Hongkong mittlerweile massenhaft FireChat, eine Nachrichtenanwendung für Smartphones, die ohne Internet funktioniert. Mehr

02.10.2014, 16:23 Uhr | Politik
Angriff auf The Interview Nordkoreas Atomversuch im Netz

Eigentlich ist The Interview eine harmlose Klamotte. Was mutmaßlich nordkoreanische Hacker mit dem Film veranstalten, ist von anderem Kaliber. Der Angriff selbsternannter Wächter des Friedens ist ein Eskalationsversuch. Mehr Von Dietmar Dath

19.12.2014, 07:36 Uhr | Feuilleton
Berlin Edathy: Filme zu bestellen war falsch, aber legal

Der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete gab am Donnerstag an, das Verfahren gegen ihn könnte in Kürze eingestellt werden. Edathy soll sich aus dem Internet von einer kanadischen Firma kinderpornografische Bilder und Filme heruntergeladen haben. Mehr

18.12.2014, 14:36 Uhr | Politik
Inklusion im Berufsleben Wenn der Chef ein Handicap hat

Ein Kurzfilm sorgt derzeit in den sozialen Medien für Begeisterung. Weil er humorvoll zeigt, worum sich die Gesellschaft noch bemüht: einen entspannteren Umgang mit behinderten Kollegen. Mehr Von Eva Heidenfelder

11.12.2014, 14:00 Uhr | Beruf-Chance
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 19.04.2012, 16:53 Uhr

Uli Hoeneß macht einen fatalen Spielzug

Von Jochen Hieber

Für „hervorragende Verdienste“ um den Freistaat und das Volk wird der Bayerische Verdienstorden verliehen. Uli Hoeneß erhielt ihn 2002. Jetzt schickt er ihn zurück. Das zeugt von wenig Sachkenntnis und ist symbolisch fatal. Mehr 9