21.07.2006 · Unser Feind ist, wer den Feind unterstützt, sagen die Taliban. Und der Feind ist Amerika. Man ist schließlich im Krieg. Und auch die deutschen Soldaten in Afghanistan sind freigegeben zum Beschuß. Sie haben bislang nur Glück gehabt.
Von Michael Hanfeld, Akhora KhatakDie Bundeswehr muß sich umstellen. Das hört man dieser Tage oft, wenn es um Afghanistan geht. Umstellen vom Auftrag zum friedlichen Wiederaufbau zum robusten Kriegseinsatz. Die Art und Weise, in der die Soldaten sich selbst sichern und ihre Lager befestigen, zeigt, daß sie sich bereits umgestellt haben. Sie können gar nicht anders, wie der jüngste Anschlag auf ein Bundeswehrfahrzeug in Kabul zeigt. Es ist pures Glück, daß es bei den Bombenattentaten und Angriffen der letzten Wochen noch keine deutschen Toten gab. Doch hat sich die Öffentlichkeit darauf eingestellt? Und die Politik?
Die Gegner der deutschen Soldaten müssen sich nicht umstellen. Die Taliban, die von sich sagen, daß sie im Süden des Landes siebzig bis achtzig Prozent des Terrains unter ihrer Kontrolle hätten, sind im Krieg. Da gibt es nur Freund und Feind.
Auf der Gästeliste stand auch Daniel Pearl
Die Szene wirkt friedlich. Tausend Studenten sitzen in der überfüllten Aula und warten auf die Semesterzeugnisse. Der Universätsdirektor, eingerahmt von seinem Kollegium, sitzt auf dem Podium und mahnt zu Fleiß und Ausdauer im Studium des Korans. Die Jahrgangsbesten werden ausgezeichnet. Anschließend bespricht sich Sami Ul-Haq mit den Lehrern beim Mittagessen, es gibt Hammel, Hühnchen, Okras und Reis, Mangos zum Dessert. Vor dem Haus des Direktors warten Gäste, die von weither gereist sind, um mit dem führenden Geistlichen der Taliban zu sprechen. Sami Ul-Haq ist nicht nur Hochschulchef, er ist Politiker. Für die Partei Djamat-al-Islamija sitzt er in Islamabad im pakistanischen Parlament. Er reist um die ganze Welt, um für die Taliban zu sprechen. Um zu zeigen, wie friedfertig sie seien, hat er uns eingeladen.
Es gibt nicht viele Journalisten, die hier, achtzig Kilometer südöstlich von Peshawar, der Hauptstadt der pakistanischen North West Frontier Province, vorgelassen worden sind. Als einer der wenigen hatte sich der amerikanische Journalist Daniel Pearl in die Gästeliste eingetragen. Wenige Tage nach dem Besuch wurde seine enthauptete Leiche in Karachi gefunden. Er war den Verbindungen der Terrororganisation von Usama Bin Ladin, der Al Qaida, auf der Spur. In Akhora Khatak hatte er bei den Taliban Station gemacht.
Eine historische Angelegenheit
Unser Gespräch, sagt Sami Ul-Haq, sei eine historische Angelegenheit. „Unsere Sache ist öffentlich, wir verstecken nichts. Die Menschen sollen kommen und mit eigenen Augen sehen, was wir tun. Unsere Tür steht allen offen.“ Und so ist es. Wir können uns auf dem Gelände der Uni, der Jamia Hakkania, frei bewegen, begleitet von einem freundlichen Studenten, der den Auflauf von Jungen und Männern, den wir verursachen, zu dirigieren versucht. Wir werfen einen Blick in die Bäckerei der Uni, achttausend Laibe Brot werden hier jeden Tag gebacken, nebenan in der Küche simmert das geschnittene Hammelfleisch in großen Töpfen.
Die Räume der Bibliothek sind bis unter die Decke mit Schriften gefüllt, im Computerraum, dem einzigen klimatisierten Zimmer weit und breit, läuft ein Dutzend PCs, betrieben mit Windows98. Gegenüber der prächtigen Moschee, die mitten auf dem Campus liegt, waschen sich die Studenten an einer langen Reihe von Wasserhähnen, bevor sie zum Gebet gehen. Umringt ist das Areal von den Studierhäusern, in denen die dreitausend Studenten leben. Es sind mehrheitlich junge Männer, aber auch Kinder im Grundschulalter, die hier lernen.
Taliban sind Terroristen? „Nichts als Propaganda“
„Das ist eine Schule wie jede andere“, sagt Sami Ul-Haq. „In anderen Schulen werden Fächer wie Medizin, Englisch und Wirtschaft unterrichtet, bei uns sind es islamische Wissenschaften. Doch sie haben etwas gegen unsere Schulen. Sie haben etwas gegen den islamischen Unterricht.“ Sie - das sind die Amerikaner und ihre westlichen Verbündeten, welche die Taliban als Terroristen darstellten. Und das sei nichts als Propaganda. „Amerika ist unser Gegner. Amerika will die Europäische Union und Rußland auf seine Seite ziehen und betreibt deswegen Propaganda, die besagt, daß alle Muslime Terroristen sind. Doch der Islam ist eine große Wissenschaft. Es gibt im Islam vierzehn, fünfzehn verschiedene wissenschaftliche Denkrichtungen. Die Amerikaner wollen auf der ganzen Welt herrschen. Sie betreiben nichts als Propaganda gegen den Islam.“
Sami Ul-Haq hat sich in Rage geredet. „Nicht nur die Taliban, alle Afghanen wollen nicht unter fremder Herrschaft leben. Das ist Irrsinn. Die Afghanen akzeptieren keine Sklaverei.“ Die Taliban, fährt er fort, seien ein natürlicher Teil des afghanischen Volkes. Als sie noch gegen die Russen kämpften, seien sie den Amerikanern willkommene Verbündete gewesen und würden nun von diesen betrogen: „Das ist unser Freiheitskampf, das hat mit Al Qaida nichts zu tun.“ Und was Bin Ladin angehe, fügt der Taliban-Führer an, wüßten die Amerikaner selbst am besten Bescheid: „Sie wissen doch, in welchem Loch er versteckt gehalten wird, sie beschützen ihn.“
„Wer unseren Feind unterstützt, ist selbst unser Feind“
Und die deutschen Soldaten? Welche Rolle spielen sie in diesem unerklärten Krieg? Das beantwortet uns der Sekretär der Universität, Hamad Shah Hakkani. Er ist heute Lehrer an der Jamia Hakkania. Als die Taliban in Afghanistan noch an der Macht waren, gehörte er zum engsten Kreis um den berühmten Taliban-Führer Mullah Omar, der sich heute irgendwo im Norden Pakistans versteckt halten soll. Die Feindseligkeiten der Mudschahedin und der Taliban richteten sich allein gegen Amerika.
Aber: „Wenn andere Länder die Amerikaner unterstützen, sind sie unsere Feinde. Das ist doch klar. Wer unseren Feind unterstützt, ist selbst unser Feind. Wenn Soldaten militärisch auf der Seite der Amerikaner stehen, können wir sie von diesen nicht unterscheiden. Wir sind im Krieg.“ Doch gebe es, fügt Hamad Shah Hakkani noch an, zwischen Afghanen und Deutschen traditionell gute Beziehungen. Und würden deutsche Soldaten von den Taliban gefangengenommen, werde man sie wieder laufenlassen und ihnen mit auf den Weg geben, die Amerikaner nicht weiter zu unterstützen.
Eigentlich sind die deutschen Soldaten noch viel gefährlicher
Wer durch Afghanistan reist, weiß, daß dies ein frommer Wunsch ist. Die täglichen Anschläge verkünden eine andere Botschaft. Die ausländischen Soldaten sind Zielscheiben; wo sie auftauchen, wird es gefährlich - für sie und für die Afghanen. Die Anschläge gelten den Amerikanern, doch sie treffen die Menschen in den Provinzen, zu denen, fern von Kabul, kaum zivile Hilfe dringt. Ihre Lebensbedingungen verschlechtern sich, und das, so sagen die Taliban, zeige doch, daß der Westen den Afghanen gar nicht helfen wolle. Daß die Hilfe ausbleibt, weil es für Ausländer gerade im Süden Afghanistans, dem Gebiet der Paschtunen, viel zu gefährlich ist, sagen die Taliban nicht. Sie sorgen, neben den alten Warlords und Drogenbaronen, schließlich selbst für die Gefahr.
Im Grunde genommen, sind die deutschen Soldaten für sie noch viel gefährlichere Gegner als die Amerikaner, weil sie sich um den zivilen Aufbau Afghanistans kümmern wollen. Und nichts haben die Taliban mehr zu fürchten als Freunde und Helfer. Ihr Krieg ist ein Krieg um Köpfe und Herzen ihrer eigenen Leute, denen sie einreden, daß dies ein Kulturkampf sei, ein Dschihad, die Fortsetzung des seit Jahrhunderten währenden Krieges zwischen „Ungläubigen“ und Muslimen. So kommt es nicht von ungefähr, daß nicht nur die ausländischen Soldaten, sondern auch immer wieder Schulen angegriffen und im ganzen Land Mädchen und Lehrerinnen vor deren Besuch gewarnt werden, worauf gerade die Organisation „Human Rights Watch“ in einer Studie hingewiesen hat.
Die deutschen „Bürger in Uniform“ stehen mitten in diesem Kampf. Wir dürfen nicht damit rechnen, daß sie ihn alle lebend überstehen. Und müssen uns fragen, ob er sich lohnt. Er entscheidet nicht nur das Schicksal Afghanistans. „Wir werden die Unterdrücker nicht akzeptieren“, sagt Sami Ul-Haq, bevor wir ihn verlassen. Was er Unterdrückung nennt, ist die Freiheit, auf die die Afghanen seit fünfundzwanzig Jahren warten.
Taliban ist die Pluralform
Martin Enzinger (FlorianGeyer)
- 28.07.2006, 12:08 Uhr