05.03.2010 · Nazi-Vergleiche werden überall gern genommen: Die Propaganda der afghanischen Taliban-Krieger schwankt zwischen alter Sympathie für die Deutschen und aktueller Feindschaft.
Von Joseph CroitoruDen politischen Gegner im eigenen Land unvermittelt als „Nazi“ zu beschimpfen mag in den rhetorischen Schlachten im Westen aus der Mode gekommen sein. Umso mehr Konjunktur haben seit den Anschlägen des 11. September 2001 jetzt pejorative Begriffe wie „Islamofaschismus“. Etwas in dieser Richtung muss der britische Verteidigungsminister John Hutton im Hinterkopf gehabt haben, als er Ende 2008 die afghanischen Taliban mit den Nationalsozialisten verglich.
Den Einsatz seiner Soldaten in Afghanistan rechtfertigte der Brite mit der Erklärung: „Es ist ein Kampf gegen Fanatiker, die vielleicht nicht unsere Grenzen herausfordern, aber unseren Lebensstil, genauso, wie die Nazis es taten.“ Tatsächlich schien Hutton hier in bester britischer Manier ein säkulares Pendant zur sakralisierten Rhetorik des amerikanischen Präsidenten George W. Bush gefunden zu haben, dessen „Kreuzzug“ gegen den islamistischen Terrorismus als Kampfmetapher nun unter seinem Nachfolger Barack Obama obsolet geworden ist. Huttons Nazi-Analogie ist, aus durchaus nachvollziehbaren Gründen, hierzulande zwar kaum auf fruchtbaren Boden gefallen, dafür hat sich aber zusehends umgekehrt die Bezeichnung „Taliban“ für Neo-Nazis etabliert.
Auf dem Misthaufen der Geschichte
Im arabischsprachigen Kulturraum haben Nazi-Vergleiche eine lange Tradition. Nur allzu gerne geißelt man den Zionismus oder den Westen als faschistisch, um sich als deren Opfer darzustellen. Die einstige Kooperation faschistisch angehauchter oder auch - wie im Falle der ägyptischen Muslimbrüder - islamistischer Kräfte in der arabischen Welt mit den Nationalsozialisten wird dabei naturgemäß unter den Tisch gekehrt. Dass die Präsenz deutscher Soldaten am Hindukusch einen Transfer dieser Analogien dorthin bewirken würde, war eigentlich vorauszusehen. Dass sie in die Propaganda der Taliban erst jetzt Eingang finden, ist eher verwunderlich.
Die jüngste, insgesamt fünfundvierzigste Ausgabe ihrer arabischen Monatsschrift „Al Somood“ (Standhalten) enthält einen Beitrag mit einem etwas befremdlich wirkenden Titel: „Der deutsche Militarismus in Afghanistan stellt auch eine Bedrohung für Europa und die ganze Welt dar.“ Erst der Untertitel verweist auf die globale Perspektive, aus der die islamistischen Propagandisten die Präsenz deutscher Soldaten in ihrem Land deuten: „Die faschistischen Vereinigten Staaten wollen, noch bevor sie selbst auf dem Misthaufen der Geschichte landen, die Welt in Schutt und Asche legen.“
Eine afghanische Gestapo?
In dem Artikel entwickeln die Autoren ihre eigene Version von der Genese der gegenwärtigen deutsch-amerikanischen Beziehungen. Die Amerikaner, die eigentlichen Faschisten, hätten zwar das Dritte Reich militärisch bekämpft, doch nur, um die deutsche Industrie zu zerstören und sie anschließend unter eigener Ägide wieder aufzubauen. Und zu diesem Zweck habe Washington die Ölvorkommen Arabiens ausgebeutet. Mit Hilfe des deutschen Militarismus, so die These, beabsichtigten die Vereinigten Staaten nun, ihren Griff auf Europa zu festigen: Das Zeitalter des Faschismus drohe dort zurückzukehren.
In Afghanistan ließen sich jetzt schon die ersten Anzeichen seiner Entstehung erkennen. Der deutsche Einsatz habe nämlich auch zum Ziel, im Land eine afghanische „Gestapo“ aufzubauen. Aus Sicht der Islamisten sind die neuen afghanischen Sicherheitskräfte indessen Täter und Opfer zugleich, denn die von den Vereinigten Staaten geführten Isaf-Truppen wollten sie doch nur als Schutzschilde im Kampf gegen die eigentlichen Herren des Landes einsetzen, deren Staat hier zum „Islamischen Emirat Afghanistans“ stilisiert wird.
Deutsche sind Täter und Opfer
Bei all diesen vordergründig antideutschen Geschichtsanalogien fällt allerdings auf, dass die Deutschen in dem Taliban-Organ ebenso in die Kategorie der Opfer wie die der Täter eingereiht werden: Schließlich werden sie den islamistischen Eiferern zufolge doch von den amerikanischen Faschisten bei deren Streben nach Weltherrschaft gezielt instrumentalisiert. Ein Hauch von jenem traditionell-afghanischen Bild des „guten Deutschen“ weht merkwürdigerweise immer noch durch dieses Pamphlet, in dem sogar für das deutsche Volk unterschwellig Sympathie bekundet wird: Versuche doch Verteidigungsminister zu Guttenberg die deutsche Öffentlichkeit über die wirkliche Lage in Afghanistan zu täuschen, indem er von „kriegsähnlichen Zuständen“ spreche.
Und fast schon überrascht wird der Leser zunächst, als die Autoren eine andere Aussage zu Guttenbergs als sachlich richtig beurteilen: Die Entsendung weiterer deutscher Soldaten werde nicht zu einer Ausdehnung des Kampfeinsatzes in Afghanistan führen, sondern diene lediglich der Erholung der dort Stationierten. Dies entspreche tatsächlich der Realität, triumphiert „Al Somood“, denn die Besatzungssoldaten seien „psychisch am Ende“ und mangels vorweisbarer Kampferfolge auch „frustriert“ - und das sei erst der Anfang.