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Ta-Nehisi Coates’ Bestseller : Ist Amerika ein rassistisches Regime?

Ta-Nehisi Coates, Jahrgang 1975. Im Herbst erscheint sein Bestseller „Between the World and Me“ auch auf Deutsch. Bild: Gabriella Demczuk / Laif

Die Frage, wie man mit einem schwarzen Körper leben sollte, in einem traumverlorenen Land, ist die Frage seines Lebens: Wie Ta-Nehisi Coates seinem kleinen Sohn erklärt, was es heißt, in den Vereinigten Staaten schwarz zu sein.

          Am 17. Juni 2015 geht ein weißer Mann in eine Kirche in Charleston, um neun schwarze Amerikaner zu erschießen. Einen Tag später fordert der schwarze amerikanische Journalist Ta-Nehisi Coates in einem Kommentar, sofort die Flagge der Konföderierten abzunehmen, die am Kapitol von Columbia weht, der Hauptstadt von South Carolina. Coates ist nicht der Einzige, der das in den Tagen nach dem Massaker fordert: Prominente Politiker der Republikanischen Partei tun es auch, was landesweit als Fortschritt wahrgenommen wird. Aber der Reporter des Monatsmagazins „Atlantic“ hat schon im Augenblick des Entsetzens und des Schmerzes und der Wut die Geistesgegenwart, einen symbolischen Akt einzufordern - bevor sein Land dieses rassistische Verbrechen in anderen symbolischen Akten und Ritualen zu bewältigen sucht und die Flagge des Rassenhasses weiterweht, so, als sei nichts geschehen.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Denn diese Flagge - blaues Kreuz mit weißen Sternen auf rotem Grund - wehte für die Sklavenhalterstaaten des amerikanischen Südens. Und sie wehte weiter, auch über den amerikanischen Bürgerkrieg hinaus, der die Sklaverei 1865 beendete. Man sieht diese Flagge bis heute auf Stoßstangen amerikanischer Autos kleben, nicht nur im Süden. Die, die sie zeigen, verteidigen das mit dem Slogan „Heritage, not hate“: Damit also, doch nur die Erinnerung an gefallene Vorfahren in Ehren halten zu wollen - mit Rassenhass habe das nichts zu tun.

          Von wo aus schaut er auf die Welt?

          „Cowardice is heritage, too“, schreibt Coates aber am Tag nach den Lynchmorden von Charleston: Feigheit ist auch Teil dieses Erbes. „Zur moralischen Feigheit gehört auch, sich für etwas zu entscheiden und danach zu handeln. Die, die das tun, schauen immerzu weg, sie wählen die Phantasie, nicht die Klarheit; den Mythos, nicht die Geschichte; den Traum, nicht die Realität.“ Aber weil dieser Traum das Fundament einer Realität ist, in der weiße Amerikaner bis heute leben und schwarze sterben und das historische Faktum der Sklaverei eben nicht mittels rhetorischer Umdeutungen und Slogans zum Verschwinden gebracht werden kann, fordert Coates: „Nehmt die Flagge runter. Sofort.“

          In diesen nicht enden wollenden Monaten der Gewalt gegen schwarze Amerikaner, des Lynchmords in Charleston, der Polizeiübergriffe auf Staten Island, in Ferguson, in Baltimore, ist Ta-Nehisi Coates, Jahrgang 1975, zur Stimme des schwarzen Amerikas geworden: mit einem Bestseller, der sich der Frage stellt, die das Land gerade bedrängt wie seit langem nicht mehr. „Between the World and Me“ (Spiegel & Grau, im Herbst auf Deutsch bei Hanser Berlin) heißt das Buch, und die Frage heißt: Ist Amerika ein rassistisches Regime?

          Vermutlich würde Coates zurückweisen, die schwarze Stimme der amerikanischen Gegenwart zu sein - weil er kein Repräsentant ist, sondern ein Autor. Ein Essayist, der Pathos und Deutlichkeit zwar nicht scheut, im Gegenteil: Aber er schreibt, und schreiben heißt, wenn man es so macht wie Coates, permanent über den Ort nachzudenken, von dem aus man auf die Welt sieht und über sie urteilt. Und dieser Ort, von dem er über die Welt schreibt, ist kein sicherer für ihn. Ist es noch nie gewesen. Denn Ta-Nehisi Coates ist ein schwarzer Mann.

          Nie daran geglaubt, dass es wieder gut wird

          Und er schreibt dieses Buch an einen anderen schwarzen Mann: seinen Sohn Samori, fünfzehn Jahre alt. „Sohn“, das ist das erste Wort seines Buchs, und dann folgen drei kurze Kapitel, die den Weg des Vaters aus dem Getto Baltimores über die schwarze Privatuniversität Howard in Washington bis nach New York beschreiben, zum Magazin „Atlantic“, aber eben nicht in die Welt hinein - weil zwischen ihm und der Welt etwas liegt, das Coates den „Traum“ des weißen Amerikas nennt.

          Ein Traum von Segelbooten, Baumhäusern und Ivy League, in dem Schwarze keinen Platz haben, stören, weil sie schon mit ihrer körperlichen Anwesenheit an etwas erinnern, an das man nicht erinnert werden will: an das Verbrechen, auf dem die Vereinigten Staaten gründen. Den Raub, die Vergewaltigung, die „Plünderung“ der Schwarzen: die Sklaverei. „Du bist in eine Rasse hineingeworfen worden“, schreibt Coates an seinen Sohn, „die den Wind immer von vorn ins Gesicht kriegt und die Hunde immer an den Fersen hat. Das gilt zwar mehr oder weniger für jedes Leben. Der Unterschied ist, dass du nicht das Privileg genießt, diese Lebenswahrheit ignorieren zu können.“

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