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Ta-Nehisi Coates’ Bestseller : Ist Amerika ein rassistisches Regime?

„Du bist in einem Maß für deinen Körper verantwortlich, wie es andere Jungen niemals erahnen werden. Mehr noch, du bist sogar für die schlimmsten Dinge verantwortlich, die andere schwarze Körper begangen haben und die dir irgendwie immer auch zugeschrieben werden.“ Coates meint damit: Selbst das Alltäglichste, was ein Schwarzer tut, hat eine Vorgeschichte des Verdachts und Verbrechens. Ein schwarzer junger Mann unter einer Kapuze: Trayvon Martin, erschossen am 26. Februar 2012 in Florida. Ein anderer junger Mann, der mitten auf der Straße läuft: Michael Brown, erschossen auf den Tag genau an diesem Sonntag vor einem Jahr in Ferguson.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Als etwas später bekannt gegeben wurde, dass gegen den Polizisten, der Brown getötet hat, nicht ermittelt wird, steht Samori auf. „Ich muss gehen“, sagt er, und dann hört sein Vater ihn auf seinem Zimmer weinen. „Ich habe dich nicht umarmt, ich habe dich auch nicht getröstet“, schreibt Coates, „weil ich nie daran geglaubt habe, dass es je wieder gut wird. Was ich dir erklärt habe, das haben auch deine Großeltern mir schon zu erklären versucht: dass dies dein Land ist, deine Welt, dein Körper, und du einen Weg finden musst, irgendwie darin zu leben. Und jetzt erkläre ich dir, dass die Frage, wie man mit einem schwarzen Körper leben sollte, in einem traumverlorenen Land, die Frage meines Lebens ist - und mir ist klar geworden: dieser Frage nachzugehen heißt letztlich, sie zu beantworten.“

Bevor ihn die Polizei verprügelt

Coates ist jetzt vom schwarzen Intellektuellen Cornel West kritisiert worden, nicht radikal genug zu sein, Präsident Obama zu schonen, im Grunde: zu schön zu schreiben und für ein weißes Publikum. Aber Coates hat auch schon Obama dafür kritisiert, dass der zwar schwarze Väter gern moralisch in die Pflicht nehme, sich aber nicht traue, die soziale Misere des schwarzen Amerikas direkt anzugehen - wo doch schon Obamas Vorgänger Lyndon Johnson vor Jahren klar ausgesprochen habe, dass schwarze Armut nicht das Gleiche wie weiße sei. Und Coates hat im vergangenen Jahr in einer preisgekrönten Reportage für den „Atlantic“ noch einmal die Frage der Reparationen für die Sklaverei gestellt - indem er von Immobilien erzählte, davon, wie Schwarze systematisch daran gehindert wurden, Häuser zu kaufen, eine Geschichte der weißen Gegenwehr gegen die schwarze Gleichberechtigung, die bis heute Zahlen und Fakten schafft: Zum Beispiel, dass Angehörige der oberen schwarzen Mittelschicht es zwar in Wohngegenden der weißen Unterschicht schaffen, weiter vor und hoch geht es aber nicht.

Coates verlässt sich jetzt in seinem Buch seltener auf Zahlen, mehr auf Szenen: Einmal steht Coates mit dem kleinen Samori in Manhattan in einer Schlange, der Junge trödelt, eine weiße Frau schubst ihn voran, Coates sagt ihr ein paar Takte dazu, schnell sind sie umringt von weißen Männern, einer droht ihm mit der Polizei - und die ganze Zeit fühlt der Vater die Augen seines Sohnes auf sich. „Ich hatte die Regeln vergessen, ein Fehler, der auf der Upper West Side von Manhattan so gefährlich ist wie an der Westside von Baltimore. Man darf sich dort aber keinen Irrtum erlauben. Man muss in der Reihe gehen. Leise arbeiten. Einen Extrableistift einpacken. Keine Fehler machen.“ Sein eigener Vater, ein Intellektueller, das Haus der Familie Coates war voller Bücher, hat ihn wieder und wieder verprügelt, wenn er Fehler machte, aus Sorge, dass der Sohn sonst von der Polizei verprügelt wurde.

So würde es jedem gehen

Coates erzählt in seinem Buch auch von einem Studienfreund, der 2000 von einem Undercoverpolizisten getötet wurde: eine Verwechslung, sechzehn Schüsse und keine Anklage, eine schreckliche Geschichte, die einem Muster folgt, das man aus Ferguson und Staten Island und Baltimore kennt, sie hat Coates dazu gebracht, mit dem Schreiben anzufangen (sein Förderer war übrigens David Carr, der große Journalist und Reporter, der Anfang des Jahres gestorben ist).

Prince Jones hieß dieser Freund, und wäre Amerika ein anderes Land, dann würde dieser Name noch heute eine Reaktion hervorrufen wie im Moment der von Eric Garner, Freddie Gray, oder von Trayvon Martin, der mit siebzehn erschossen wurde und von dem Obama sagte: Wenn ich einen Sohn hätte, dann sähe er aus wie Trayvon. Was er meinte, war: Ich kenne die Gefahr, und wir teilen sie alle, weil wir schwarz sind.

Die Fahne über dem Kapitol von South Carolina weht übrigens nicht mehr.

Quelle: F.A.S.

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