11.02.2012 · Syrische Spione spähen in Berlin Oppositionelle aus. Je mehr das Regime unter Druck gerät, desto dreister gehen sie vor.
Von Karen KrügerManchmal muss tatsächlich erst die Polizei kommen, damit sich kurz der Vorhang lüftet zu einer Welt, die man eigentlich im Kino verortet hat. Vergessen Sie alles, was Sie von Geheimagenten wussten. Vergessen Sie Sean Connery, Timothy Dalton, Roger Moore, Pierce Brosnan und Daniel Craig. Vergessen Sie auch die Bücher von John Le Carré. Der arabische Frühling hat die Welt auf den Kopf gestellt, nun bringt er auch unser kulturelles Koordinatensystem durcheinander. Er räumt auf mit der romantisierten Vorstellung, dass Geheimagenten immer auf der Seite des Guten stehen. In Syrien ist der Geheimdienst gleichbedeutend mit Assad. Dass der Druck auf den wächst, bekommen auch die etwa 30 000 in Deutschland lebenden Syrer zu spüren. Seit dieser Woche ist sicher, dass der Arm von Assads Schergen auch sie erreicht.
Viel hat die Staatsanwaltschaft bisher nicht über die zwei syrischen Spione verlauten lassen, die Anfang dieser Woche in Berlin aufgeflogen und verhaftet worden sind. Der eine, 47 Jahre alt, ist Deutsch-Libanese. Der andere, 34 Jahre alt, war Botschaftsangestellter. Fest steht, dass sie Syrer, die sich von hier aus für die Revolution engagieren, ausspionierten. Stellvertretend für die Oppositionellen in Deutschland werden in Syrien deren Familien terrorisiert. Die Überwachung hat System.
Schon 2010, Monate bevor die Revolution überhaupt begonnen hatte, stellte der Verfassungsschutz fest, dass der syrische Geheimdienst seine Aktivität hier ausbauen will. Im Dezember wurde Ferhad Ahma, Grünen-Politiker und Mitglied des Syrischen Nationalrats, nachts in seiner Wohnung in Berlin überfallen - Ahma glaubt, dass die Männer Schergen des Geheimdienstes waren. Offenbar nehmen die Syrer die deutschen Behörden so wenig ernst, dass sie auf Fingerspitzengefühl verzichten. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn man sich unter den syrischen Oppositionellen umhört. Einschüchterungsversuche sind für sie so selbstverständlich wie für andere Menschen morgens ihr Nutella-Brot. Sie leben in einer Welt aus Angst und Verfolgung, von der man nicht ahnte, dass sie hier existiert.
Nein, er verlasse sein Haus nicht, das sei zu riskant, auch zu Demonstrationen gehe er nur noch selten, hatte Tamer Al-Awam am Telefon gesagt, als ich ihn anrief, um mich mit ihm in einem Café zu verabreden. Die Adresse, die er dann nennt, ist ein schäbiges Haus in einem Viertel weit weg von den Orten, an denen die Berliner Republik über das Schicksal Syriens berät. Tamer Al-Awam kam vor knapp einem Jahr nach Berlin, er ist Theater-, Filmemacher und Journalist. Man kann sagen, er ist ein Auge der Revolution, vielleicht sogar ihr wichtigstes.
Mord und Entführung
Das Assad-Regime will verschleiern, was im Land geschieht, hindert Reporter an der Einreise. Doch Leute wie Al-Awam haben Wege gefunden, dass dennoch Bilder an die Öffentlichkeit kommen. Die meisten Filme, die es im Internet über die Gewalt gibt, gehen auf sein Konto. Viele Beiträge, die in den Nachrichten laufen, auch. Als er noch in Syrien war, drehte er sie selbst. Jetzt schicken ihm Verbündete ihr Material per E-Mail, Al-Awam leitet es an die Presse weiter. Das Regime Assad hasst ihn dafür.
Al-Awam schaut durch das Fenster, dann erst öffnet er die Tür; ein schmaler Mann Mitte dreißig, der älter aussieht, als er ist. Er zieht die Vorhänge wieder zu. Niemand soll sehen, was in der Wohnung vor sich geht. Im Halbdunkeln steht ein Tisch mit Stühlen, ein Sofa, davor ein Aschenbecher und Al-Awams aufgeklappter Laptop. Er ist sein Lebensmittelpunkt; Facebook und Skype sind seine Waffen in dieser Revolution. Al-Awam ist 24 Stunden am Tag online. Gerade hat ihm ein Freund aus Homs geschrieben. Die Lage ist katastrophal.
Al-Awam setzt sich, erzählt vom Geheimdienst. Wie ihn Agenten in Syrien tagelang verhörten, wie sie seine Familie jagten, bis der Vater sagte: Er ist nicht mehr mein Sohn. Alles Vorstellbare sei dort vertreten, vom Spezialisten, der begriffen hat, dass nicht Prügel, sondern menschliche Beziehungen das beste Material der Spionage sind, bis hin zum plumpen Schläger, der sein Walkie-Talkie in einer Zeitung aus dem Vorjahr einwickelt und glaubt, das sei gute Tarnung. Im Minutentakt poppen auf dem Laptop Skype-Nachrichten aus Syrien auf. Al-Awam beachtet sie nicht, redet weiter über den syrischen Geheimdienst. Es entsteht das Bild eines allmächtigen, korrupten Riesenapparates, der sich in seiner Gier nach Macht verliert, wie Fresssüchtige an einem All-you-can-eat-Buffet. In Syrien bot Al-Awam Agenten Geld, damit sie mit ihren Handys im Gefängnis die Häftlinge fotografieren. Er bekam die Bilder.
Als er im vergangenen Jahr an der türkischen Grenze syrische Deserteure interviewte, wollte der Geheimdienst ihn kidnappen. Seitdem hat er Deutschland nicht mehr verlassen: „In der Türkei und den Ländern des Nahen Ostens schrecken die Agenten nicht vor Entführung, vor Mord zurück. Hier trauen sie sich das noch nicht.“ Er ist sich sicher, dass er in Berlin beobachtet wird. „Sie wollen wissen, mit wem ich zusammenarbeite.“ Mehrmals sei man ihm auf der Straße gefolgt. Woran erkennt man einen Agenten? Al-Awam überlegt, sagt: „Das kann ich nicht erklären. Wenn man mit ihnen zu tun hat, entwickelt man ein Gespür.“
Für Menschen, die in einem demokratischen Land wie dem unseren aufgewachsen sind, ist das kaum vorstellbar. Geheimdienste agieren zum Schutz, nicht zum Schaden, hat man uns erzählt. Dass sich nun offenbart, wie in dieser Parallelwelt gearbeitet wird, zeigt, dass sie aus den Fugen gerät. Syrien ist in Aufruhr, der Druck, den die Demonstranten erzeugen, zwingt die Handlanger des Regimes zum schnellen Handeln. Sie begehen Fehler. Sichtbar wird, was unsichtbar sein soll.
Den syrischen Studenten, die in Berlin in das Fadenkreuz der Agenten geraten sind, fehlte es an Erfahrung. Fünf von ihnen stimmen einem Treffen in einem Café zu, wollen ihre Nachnamen aber nicht in der Zeitung lesen und nur so fotografiert werden, dass man sie nicht erkennt. Sie kamen vor mehreren Jahren für die Promotion hierher. Die „National Union Syrischer Studenten“ nahm sie in Empfang, eine Organisation des syrischen Bildungsministeriums. Als die Revolution ausbrach, schickte sie den Studenten E-Mails, man solle Demonstrationen für Assad organisieren. Das aber wollten sie nicht: „Wir haben hier das erste Mal Demokratie erlebt, das verändert.“
Sie traten aus der Union aus, gründeten einen Gegenverein, die „Union für syrische Studenten und Akademiker“. Sie veranstalteten Diskussionsrunden, sammelten Spenden und organisierten Demonstrationen. Bei einer in Berlin wurden sie fotografiert. Die Bilder tauchten bei Facebook auf, darunter ihre Namen mit Angaben, wo sie arbeiten, wo sie wohnen, an welcher Uni sie studieren, und der Aufruf, Vorschläge zu machen, was mit ihnen passieren soll: „Verprügeln“, schrieb einer, „Hinrichten“, ein anderer, und: „Bei der Rückkehr in Syrien verhaften und verschwinden lassen“. Ihre Eltern erhielten Drohanrufe, auch Hausbesuche machte der Geheimdienst. Die Eltern sollten dafür sorgen, dass der Sohn sich wieder benimmt.
Das Regime will die Studenten wieder unter Kontrolle haben. Das geht am besten, indem man sie zwingt, zurückzukehren. Ihre Stipendien wurden gestrichen, trotz der hervorragenden Gutachten ihrer deutschen Doktorväter. Ein Freund von ihnen war DAAD-Stipendiat. Als Arzt hatte er in Dara Verletzte versorgt, dabei identifizierten ihn Agenten. Das syrische Bildungsministerium habe mündlich mitgeteilt, dass es nicht bereit sei, ihn weiter zu fördern, schrieb der DAAD.
Wie ihr Leben weitergehen soll, wissen die fünf nicht. Sie sind mit Frau und Kindern hier. Vollzeit arbeiten dürfen sie nicht. Zu Beginn der Revolution hätten sie bei Telefongesprächen mit Verwandten aus Angst Codes verwendet. Anfangs hatte Assad behauptet, die Menschen seien auf der Straße, um Gott für den Regen zu danken. „Regnet es?“, war fortan der Code, um zu erfahren, wie die Lage ist. Inzwischen sprechen sie am Telefon offen über die vielen Toten. Die Frage, wann sie wieder nach Syrien zurückkehren, stellt niemand mehr.
@Monika Lorenz
Andreas Salm (andisalm)
- 13.02.2012, 06:46 Uhr
Da werden also "Oppositionelle" ausgespäht
Monika Lorenz (Diaulina)
- 12.02.2012, 20:41 Uhr