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Putins neues Russland : Wer nicht jubelt, ist ein Volksfeind

  • -Aktualisiert am

Russlands Präsident Wladimir Putin hat die Welt, die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut wurde, in die Luft gesprengt. Bild: Sergey Maximishin/PANOS/VISUM

Russland nach der Krim: Alle reden von Krieg. Alle wollen irgendeine Erschütterung. Wladimir Putin erlebt seine Sternstunde. In den Augen seines Wahlvolks ist er der Sieger.

          Ich habe viele meiner russischen Freunde verloren. Ich kann diese Begeisterung in den Augen nicht sehen, wenn von „Anschluss“ die Rede ist oder von „Annexion“ oder davon, dass die Ukrainer „bald nichts mehr zu essen haben werden und dann selbst darum bitten werden, sich mit uns zu vereinigen“. In Moskau heuert man ukrainische Gastarbeiter mit Schadenfreude für die allerunqualifiziertesten Arbeiten an. Ein ungeheurer Ausbruch von Patriotismus.

          In keinem Restaurant bekommt man mehr Krimsekt, alles wurde bei Siegesfeiern ausgetrunken. Ständig ist davon die Rede, dass wir ohne Gefühle von Gotterwähltheit, ohne imperiale Emotionen gar nicht mehr wir wären, das russische Volk. Vor den Einberufungskommissionen drängen sich russische Freiwillige, die es den „Bandera-Leuten“ zeigen wollen.

          Wer nicht für uns ist, ist gegen uns

          Mich hat Gorbatschow erstaunt. Selbst er ließ sich von der nationalistischen Welle erfassen und erklärte, die Krim hätte schon längst heimgeholt werden müssen. Dass die historische Gerechtigkeit wiederhergestellt sei. Da allenthalben die antiwestliche Hysterie angefacht wird, redet auch er nicht mehr vom europäischen Weg, von der Partnerschaft mit Europa, von allgemeinmenschlichen Werten.

          Wer nicht jubelt, ist ein Volksfeind. Gehört zur fünften Kolonne, zu den Finsterlingen vom State Departement. Das stalinistische Vokabular ist vollständig wiederhergestellt: Verräter, Abtrünnige, Helfershelfer der Faschisten. Mit dem einzigen Unterschied, dass die Stalinisten jetzt orthodox sind. In Kaluga tötete während eines Betriebsfestes ein Bankangestellter einen Kollegen. Die beiden stritten über die Ukraine.

          Am verhasstesten sind jetzt die Liberalen. Die Liberalen sind schuld an den verfluchten neunziger Jahren, am Verlust des Imperiums. Das Volk verlangt, die Wohnungen der Liberalen zu konfiszieren, sie einzusperren, zu erschießen. Das von Gott erwählte Volk! Das Fernsehen führt die Feinde vor. Etwa den bekannten Rockmusiker Andrej Makarewitsch, dem alle Auszeichnungen und sein Orden für Verdienste ums Vaterland aberkannt werden sollen. Der Historiker Andrej Subow sollte aus der Diplomatenhochschule gejagt werden (zum Glück wurde die Entscheidung rückgängig gemacht). Sie haben das Vaterland angeschwärzt. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.

          Das normale Russland hält still

          Schon erklingen Aufrufe, keine amerikanischen Waren mehr zu kaufen. Auf den Straßen von Ufa wird eine Obama-Puppe verbrannt, als Antwort auf die Sanktionen. Ich habe mit Dutzenden Leuten gesprochen. Niemand hat Angst vor Sanktionen, niemand fürchtet den „Eisernen Vorhang“. Sie erinnern sich, dass man zu Sowjetzeiten auch in der Isolation lebte. Na und? Dafür hat das Leben jetzt einen Sinn: Den Brüdern zu helfen, das ist wichtiger als Wurst im Kühlschrank.

          Man hat das Gefühl, das Land befinde sich im Kriegszustand. Alle wünschen sich neue Siege: „Und was ist mit Alaska?“ Man hat Angst, den Fernseher einzuschalten. Im Fernsehen wird gedroht, Amerika in Nuklearstaub zu verwandeln, und die Möglichkeit erwogen, ganz Europa zu besetzen.

          Das normale Russland hält still. Versuch nur etwas zu sagen, man kann dich denunzieren, sogar einsperren lassen. Eine Bekannte erzählte mir, wie ihre Tochter eine Stelle an einer Hochschule antrat. Sie ist Mathematikerin. Als Erstes wurde sie nach ihrer Meinung zur Krim gefragt. Sie sagte: „Ich unterstütze Russlands Krimpolitik nicht. Russland verhält sich aggressiv und verstößt gegen internationale Regeln.“ „Ach, Sie wollen wohl, dass Amerika auch bei uns eine bunte Revolution anzettelt!“

          „Alle Homosexuellen deportieren und erschießen!“

          Bald wird man fragen, warum jemand nach Ägypten oder in die Türkei in Urlaub fährt und nicht nach Sotschi. Warum hörst du fremdländische Musik und keine russische? Wir haben nicht die Krim wiederbekommen, sondern die Sowjetunion.

          Die Sprache der Gewalt durchtränkt das ganze Leben. Morgens schaltet man den Computer an und liest immer das Gleiche: Die Russen kommen, die Russen haben sich erhoben. Überall, wo Gewalt wieder ein Ideal ist, findet sich auch ein Karadžić, der die Leute davon überzeugt, dass man mit der Maschinenpistole Gutes tun kann.

          Die roten Fahnen sind wieder da, der „rote“ Mensch ist wieder da. Alles erweist sich als quicklebendig. Fünfzehn Jahre hat Putin daran gearbeitet. Tag für Tag reanimierte das Fernsehen die sowjetischen Ideen. Und wir dachten, sie wären tot.

          Russland erwies sich als nicht aufnahmefähig für die westlichen Werte, für das westliche Christentum. In den Kirchen wird gepredigt: „Man drängt uns wieder ein fremdes Entwicklungsmodell auf, bei dem wir unsere Spiritualität verlieren.“ Ich fragte einen mir bekannten Priester, was denn unsere Spiritualität ausmache. „Alle Homosexuellen in eine Stadt deportieren und dort erschießen!“, lautete die Antwort. Und dass alle Russen sich in einem obrigkeitlichen Staatskörper zusammenschließen sollten. Wir seien jetzt stark und könnten unsere Leute auch im Baltikum oder in Tadschikistan beschützen.

          Putin schafft seinen eigenen Journalismus

          Wohin treibt Russland? Statt Reformen wählen wir den Krieg. Der Durst, verlorenes Land zurückzugewinnen, kann Millionen Menschen um den Verstand bringen. Und zwar vernünftige Menschen, die noch gestern von einem europäischen Russland träumten. Heute geloben sie im Chor: „Wegen der Krim verzeihen wir Putin alles!“ Orthodoxe Publikationen bezeichnen allen Ernstes Putin als Heiligen. Es stellt sich heraus, dass er in einem früheren Leben Fürst Wladimir war und Russland getauft hat. Es gibt Gerüchte, dass in einigen Kirchen aus Putin-Ikonen Myrrhe tropfe. Ein Heiliger! Ein Wundertäter! Er lebt wie ein Mönch. Er ist mit Russland verheiratet.

          Die Kirche, das sind nicht nur Ikonen, Kerzen, Gebete. Die Kirche ist eine der Reserven des Oberkommandierenden.

          Nach den Gesetzen des Kriegszustandes werden die Medien gesäubert. Alle alternativen Informationsquellen, die eine andere Sichtweise zulassen, werden zerstört. Jedes wahrhaftige Wort wird einem Aufruf zum Regimewechsel gleichgesetzt, nicht genehme Internetseiten werden blockiert. Unlängst wurde der Chefredakteur des größten Nachrichtenportals „Lenta“ gefeuert. Aus Protest gingen nach ihm vierzig Redaktionsmitglieder. Anstelle der weggesäuberten Publikationen schafft Putin seinen eigenen Journalismus und setzt Leute, die die Kremllinie durchsetzen, auf leitende Posten.

          Die Welt wird nie mehr die gleiche sein

          Das Internet ist voller Ideen zum Überleben. Auch hier kommt den Leuten die Sowjeterfahrung zunutze. Für alle Fälle habe auch ich mir einige sowjetische Rezepte aufgeschrieben: sich mit den Babuschkas anfreunden, die vorm Haus auf der Bank sitzen, und mit Taxifahrern, sie geben schnell Informationen weiter. Flugblätter drucken (alle kaufen Scanner und Drucker), in einen Klub eintreten, zum Beispiel in einen Schach- oder Sportverein, das erweitert den Bekanntenkreis. Noch sind Facebook und Twitter nicht gesperrt. Auch SMS sind ein gutes Mittel, um Informationen zu verbreiten.

          Die Welt wird nie mehr die gleiche sein. Putin hat die Welt, die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut wurde, in die Luft gesprengt. Wird der Westen dieses Russland mitnehmen oder es zurückstoßen? Dann bleibt es allein mit seinen Gasleitungen.

          Aus dem Russischen von Kerstin Holm

          Svetlana Alexijewitsch erhielt im vergangenen Jahr den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Zuletzt erschien ihr Buch „Secondhand-Zeit – Leben auf den Trümmern des Sozialismus“.

          Quelle: F.A.Z.

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