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Sünden der Feuilletonredaktion Raus aus den Schulden!

02.01.2008 ·  Es bleibt uns nur noch der Neujahrstag, um die Schreibschulden des vergangenen Jahres abzugelten. Dabei geht es um Schreibschulden im weitesten Sinn: nicht nur um ungeschriebene Texte, auch um geschriebene, aber zu revidierende - um Revision überhaupt.

Von Frank Schirrmacher
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Raus aus den Schulden! Wann, wenn nicht jetzt? Jetzt legen wir alles auf den Tisch und geben unsere Schreibschulden preis. Wie heißt der entscheidende Text, den wir im Jahr 2007 nicht geschrieben haben, welche Briefe haben wir nicht verschickt, welche Zweifel nicht gemeldet? Welche Forderung steht offen, und wo haben wir über unsere Verhältnisse gelebt?

Schreibschulden, das ist nicht pure Desorganisation und Tagedieberei, es ist ein Wort Balzacs, dieses vitalsten und fleißigsten Schreibers von allen, wie er (so sagt es sein Biograph), „gehetzt von Geld- und Schreibschulden“ zur Marquise de Castries nach Aix-les-Bains flieht, so furchtbar geprügelt von den Furien ungeschriebener Texte, dass er sich den Fuß verstaucht und lahm bei der Geliebten ankommt. Schreibschulden! Das ist für Redaktionen und Redakteure wie Gerichtsvollzieher und Hinkefuß in einem: Man läuft weg, aber kommt nicht voran. Es gibt Vorgänge, Bilder, Bücher, Ausstellungen, die scheinen besprochen und erledigt, aber sie sind es nicht.

Schreibschulden im weitesten Sinn

Sie entwickeln sich weiter, während man schon anderen Geschäften nachgeht. Die verschwenderisch gelobte „documenta“ ist dafür ein Beispiel; das Unausgesprochene, Missverstandene wächst dem Kritiker im Laufe eines Jahres wie ein Schuldenberg über den Kopf. Erkenntnis auf Raten: da fehlt ein letztes Wort, eine Korrektur, ein Abschluss. Also bleibt nur die Verjährung.

Also bleibt nur noch der 1. Januar, um uns unseren Gläubigern zu stellen und die Schreibschulden des vergangenen Jahres abzugelten - eines Jahres, über das wir in F.A.Z. und Sonntagszeitung täglich, von Montag bis Sonntag, berichtet haben. Man ahnt, wie viele Rechnungen das sind, die nicht beglichen wurden, Antworten, die nicht gegeben wurden, Artikel, die nicht geschrieben wurden - und es sind kleine pelzig-nagende Zweifel, deren Zähne nie gezeigt wurden. Hier geht es um Schreibschulden im weitesten Sinn, nicht nur um ungeschriebene Texte, auch um geschriebene, aber zu revidierende, um Revision überhaupt.

Heimo Schwilks Kraft liegt in seiner Selbstbegrenzung

Auf meine Schreibschuld kommt ein Buch und ein Autor. Ein Buch, das nicht besprochen wurde. Die Gründe dafür hat sein Verlag, nicht aber der Autor sich zuzuschreiben. Wie es steht, spielen die Gründe Monate später keine Rolle mehr. Aber es ist eine Schuld, sie muss beglichen und das Buch gelobt werden: Heimo Schwilks Ernst-Jünger-Biographie. Wir halten in dieser Sekunde die Zeit an und sagen: wer die Fakten von Jüngers Leben verstehen will, für den ist es ein wichtiges und lehrreiches Buch. Schwilk hatte Zugang zu unveröffentlichten Briefen und Materialien, und er zeigt ein Leben, das man nicht anders als mit schmerzlichem Staunen verfolgen kann.

Schwilks Kraft liegt in seiner Selbstbegrenzung: Er philosophiert nicht, und er nimmt durch Auslegungen auch nicht einen Klassiker des Jahres 2067 vorweg. Dazu ist sein Gegenstand übrigens noch viel zu lebendig und sind die Abgründe, die er berührt, zu groß. Schwilk beschreibt nicht den metaphysischen Austausch des Mannes mit seiner Zeit, sondern, bis hin zu den Drogenexzessen, den geistigen Austausch wie einen metabolischen. Das ist eine Ernst-Jünger-Biographie für Verbraucher, für solche, die den gelesenen Stoff nicht horten, sondern ganz und gar umsetzen und anwenden wollen.

Die erste Rate ist beglichen, die weiteren folgen hier: Die Sünden der Feuilletonredaktion 2007.

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Jahrgang 1959, Herausgeber.

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