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Stierkampf-Debatte in Indien : Pack ihn an den Hörnern

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Stierkämpfer beim traditionellen Stierkampf Jallikattu im indischen Palamedu Bild: dpa

In Indien gilt der Stierkampf als heilig. Vor zwei Jahren wurde er dennoch im Hinblick auf Tierquälerei verboten. Nun hat man es sich anders überlegt.

          Nicht nur in Spanien wird um die Legitimität von Stierkämpfen gestritten. Auch im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu sind Stierkämpfe, die sogenannten Jallikattu, von emotionaler, wirtschaftlicher und kultureller Bedeutung. Im Hinduismus ist der Stier (Nandi) ein mythisches Tier, dessen Darstellung meist vor Tempeln, die dem Gott Shiva geweiht sind, sitzt und dabei die Gottesstatue fest und unentwegt anblickt. Der Nandi gilt als Symbol der Beständigkeit und Treue. Gern weist man auf diese Beziehung zur religiösen Symbolsphäre hin, um die soziale Relevanz von Stierkämpfen zu verteidigen. Seine Gegner sehen in den Jallikattu lediglich einen grausamen Volkssport, der nicht in unsere Zeit gehört.

          Die Bevölkerung hatte gegen das Verbot protestiert

          Im Jahr 2014 wurden die Jallikattu vom Obersten Gerichtshof Indiens verboten, ein Urteil, das nun aber unter Druck der tamilischen Bevölkerung vom selben Gericht wieder aufgehoben worden ist. Vorangegangen war in der tamilischen Hauptstadt Chennai (Madras) und weiteren Großstädten ein Ausnahmezustand: Generalstreik, riesige Volksaufläufe mit Gewaltausbrüchen, Protestbewegungen, als ginge es um Leben oder Tod der Bevölkerung.

          Im Unterschied zu Spanien werden die Stiere in Südindien nicht mit Speeren getötet, sondern an den Hörnern gepackt und umgeworfen. Jallikattu mag deshalb als harmlose Volksbelustigung abgetan werden, doch schrieb die bekannte Tierschützerin und Politikerin Maneka Gandhi dazu: „Die Stiere werden wochenlang in dunklen Räumen gehalten, man gibt ihnen Alkohol zu trinken und schlägt sie. Wenn sie in eine Arena freigelassen werden, werfen sich Dutzende alkoholisierte junge Männer auf sie und versuchen, ihre Hörner wegzureißen. Stiere kommen zu Tode. Menschen kommen zu Tode.“

          Ein moderner Klassiker der tamilischen Literatur, die Novelle „Vaadivaasal“ von C. S. Chellappa (1912 bis 1998), stilisiert allerdings ein Jallikattu zum heroisch-mythischen Kampf zwischen Mann und Tier. Der Stier gilt als mythisches Urtier, das schon auf Siegeln der frühen Industal-Kultur, aber ebenso in den Höhlenmalereien in Europa, zu erkennen ist. Im indischen Stierkampf heutiger Zeit spiegelt sich auch der Gegensatz von mächtigen Landbesitzern, die die Stiere züchten und in den Kampf schicken, und armen Bauernjungen, die auf diesem Weg als Kämpfer gegen die traditionelle soziale Ordnung protestieren. Chellappas Novelle, 2013 in englischer Übersetzung erschienen, macht deutlich, wie tief die Wurzeln dieses gefährlich-grausamen Kampfes in die Volkspsyche reichen.

          Der Nervenkitzel überwiegt dem schlechten Gewissen

          Auch in Indien ist Tierquälerei, die öffentlich stattfindet, inzwischen weitgehend verboten. Im Zirkus dürfen keine Tiere mehr auftreten; Hahnenkämpfe, Stierwettrennen über schlammige Wege, Kämpfe zwischen Bülbüls (eine Vogelsorte) sind verboten. Nur wenn Mann gegen Tier kämpft, scheint Quälerei noch akzeptiert zu werden. Denn auch der Mensch kann zu Schaden kommen, obwohl er stets der Stärkere ist. Das Schuldgefühl gegenüber der Kreatur, schreibt Dipankar Gupta in der „Times of India“, weiche einer „teilnehmenden Euphorie, und dies gibt den Stierkämpfen den Anschein, sie wären harmlos und ein Teil der Kultur“.

          Nachdem das Verbot des Jallikattu aufgehoben ist, befürchtet die Zivilgesellschaft, dass auch im Falle weiterer verbotener Sportarten die Gerichte angerufen werden. Man muss diesen Trend hin zur Wertschätzung regionaler Sporttraditionen als Teil der Opposition zu globalisierenden Strömungen aus den Städten sehen. In diesen Massenwettkämpfen sieht man sich noch als Mensch in seinen Urinstinkten bestätigt.

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