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Stuttgarter Hauptbahnhof : Die Demonstration frisst ihre Kinder

Showdown am Stuttgarter Hauptbahnhof? Eher die lange Nacht der Deeskalation: Demonstranten und Polizisten belauern sich Bild: dapd

Um 3 Uhr wird deeskaliert: Die Polizei umarmt jetzt Freund und Feind von Stuttgart 21. Der Rest des Protests ist schon im Museum.

          Wer vor dem Bauzaun steht, muss denken, es wäre alles längst vorbei. Denn der Bauzaun steht jetzt im Museum, im Stuttgarter Haus der Geschichte: achtzig Meter lang, 3,20 Meter hoch. Fünf Monate lang symbolisierte der Metallgitterzaun am umkämpften Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs, dass die Bahn nun Ernst machen wollte. Aber der Zaun wurde rasch von jenen vereinnahmt, die er auf Distanz halten sollte, und verwandelte sich vom Instrument der Ausgrenzung in einen Ort der Kommunikation. Wer sich hier artikulierte, mit Zetteln, Zeichnungen, Collagen, Parolen, Mahnrufen und Wutausbrüchen, wollte der Sprachlosigkeit in einem politischen Prozess entkommen, der als Kommunikationsdesaster seinen Anfang genommen hatte.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Bauzaun ist der einzige Ort im öffentlichen Raum Stuttgarts, an dem der anonyme Projektgegner wieder zum Individuum werden konnte. Er ist die Klagemauer und das soziale Kunstwerk des Wutbürgers, die Chronik der laufenden Ereignisse und das Sammelbecken all jener disparaten Motive, die in der nur scheinbar homogenen Protestbewegung zusammenfanden. Spätestens seit Heiner Geißlers Schlichtungsrunden ist der Konflikt um Stuttgart 21 als Streit der Argumente wahrgenommen worden, als Grabenkrieg der Expertenmeinungen und Gutachten. Doch der Bauzaun ist in erster Linie ein Archiv der verletzten Gefühle.

          2506 Objekte hängen hier auf achtzig Zaunmetern nebeneinander, und wer sie ihren kulturhistorischen Bezügen entsprechend chronologisch einordnen wollte, müsste beim Turmbau zu Babel beginnen. Die Liste der Kronzeugen des Protests reicht von Konfuzius, Goethe, Schiller und Kant bis zu Gandhi, Jimi Hendrix, Bob Marley und Joseph Beuys. Die Bewegung schafft sich den Kontext, der ihr gefällt: Wyhl, Wackersdorf und Gorleben, aber auch die Weiße Rose, das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens und die Zerstörung der Buddha-Statuen von Bamiyan durch die Taliban werden herbeizitiert. Man agiert als Protestbewegung und legitimiert sich moralisch als Widerstandskämpfer. Man verhindert nicht den Fortschritt, sondern schützt, gut wertkonservativ, was immer einem als bewahrenswert erscheint: die Stadt, den Bahnhof, den Park, die Platanen.

          „Wer wacht so spät in Nacht und Wind / der Parkschützer ist es mit dem Baum, seinem Kind“, heißt es in einer Goethe-Adaption vom „Eurokönig“. Ein bildungssatter Protest, wie fürs Museum gemacht. Das Haus der Geschichte erreicht mit der Ausstellung des Bauzauns die denkbar größte Gegenwartsnähe, doch je länger man sich in die Objekte am Zaun vertieft, desto mehr entrückt ihr Anliegen in eine diffuse Vergangenheit. Museen sind Maschinen für Zeitreisen. Es ist eigentlich kaum zu glauben, dass die Sache draußen immer noch weitergeht.

          Nichts ist unumkehrbar

          Am Dienstag war es ruhig am Südflügel. Vor Mittwoch, hieß es, würde nichts passieren. Am Mittwoch stehen schon in aller Frühe dreißig Bahnhofsgegner in der Kälte, trinken Kaffee und warten darauf, dass die angekündigten Hundertschaften anrücken, um die bevorstehenden Abrissarbeiten zu schützen. Am Donnerstagmorgen hat sich die Zahl der Aktivisten fast verdreifacht. Jetzt sind es schon etwa neunzig. Die Polizei ist auch da. Zwei Mannschaftsbusse stehen vor dem Südflügel, einige Polizisten schlendern gemächlich auf und ab, zwei Frauen sammeln Müll auf, darunter auch den Plastikbecher, den ein schwerer Stiefel versehentlich zertreten hat. Für 10 Uhr ist ein politischer Frühschoppen angesagt. Ein Friedens- und Konfliktforscher ist gekommen. Mentale Einsatzvorbereitung. Man könne ja einmal über zivilen Ungehorsam sprechen. Ob überhaupt jeder wisse, was das sei?

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