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Stuttgarter Hauptbahnhof Die Demonstration frisst ihre Kinder

13.01.2012 ·  Um 3 Uhr wird deeskaliert: Die Polizei umarmt jetzt Freund und Feind von Stuttgart 21. Der Rest des Protests ist schon im Museum.

Von Hubert Spiegel
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Wer vor dem Bauzaun steht, muss denken, es wäre alles längst vorbei. Denn der Bauzaun steht jetzt im Museum, im Stuttgarter Haus der Geschichte: achtzig Meter lang, 3,20 Meter hoch. Fünf Monate lang symbolisierte der Metallgitterzaun am umkämpften Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs, dass die Bahn nun Ernst machen wollte. Aber der Zaun wurde rasch von jenen vereinnahmt, die er auf Distanz halten sollte, und verwandelte sich vom Instrument der Ausgrenzung in einen Ort der Kommunikation. Wer sich hier artikulierte, mit Zetteln, Zeichnungen, Collagen, Parolen, Mahnrufen und Wutausbrüchen, wollte der Sprachlosigkeit in einem politischen Prozess entkommen, der als Kommunikationsdesaster seinen Anfang genommen hatte.

Der Bauzaun ist der einzige Ort im öffentlichen Raum Stuttgarts, an dem der anonyme Projektgegner wieder zum Individuum werden konnte. Er ist die Klagemauer und das soziale Kunstwerk des Wutbürgers, die Chronik der laufenden Ereignisse und das Sammelbecken all jener disparaten Motive, die in der nur scheinbar homogenen Protestbewegung zusammenfanden. Spätestens seit Heiner Geißlers Schlichtungsrunden ist der Konflikt um Stuttgart 21 als Streit der Argumente wahrgenommen worden, als Grabenkrieg der Expertenmeinungen und Gutachten. Doch der Bauzaun ist in erster Linie ein Archiv der verletzten Gefühle.

2506 Objekte hängen hier auf achtzig Zaunmetern nebeneinander, und wer sie ihren kulturhistorischen Bezügen entsprechend chronologisch einordnen wollte, müsste beim Turmbau zu Babel beginnen. Die Liste der Kronzeugen des Protests reicht von Konfuzius, Goethe, Schiller und Kant bis zu Gandhi, Jimi Hendrix, Bob Marley und Joseph Beuys. Die Bewegung schafft sich den Kontext, der ihr gefällt: Wyhl, Wackersdorf und Gorleben, aber auch die Weiße Rose, das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens und die Zerstörung der Buddha-Statuen von Bamiyan durch die Taliban werden herbeizitiert. Man agiert als Protestbewegung und legitimiert sich moralisch als Widerstandskämpfer. Man verhindert nicht den Fortschritt, sondern schützt, gut wertkonservativ, was immer einem als bewahrenswert erscheint: die Stadt, den Bahnhof, den Park, die Platanen.

„Wer wacht so spät in Nacht und Wind / der Parkschützer ist es mit dem Baum, seinem Kind“, heißt es in einer Goethe-Adaption vom „Eurokönig“. Ein bildungssatter Protest, wie fürs Museum gemacht. Das Haus der Geschichte erreicht mit der Ausstellung des Bauzauns die denkbar größte Gegenwartsnähe, doch je länger man sich in die Objekte am Zaun vertieft, desto mehr entrückt ihr Anliegen in eine diffuse Vergangenheit. Museen sind Maschinen für Zeitreisen. Es ist eigentlich kaum zu glauben, dass die Sache draußen immer noch weitergeht.

Nichts ist unumkehrbar

Am Dienstag war es ruhig am Südflügel. Vor Mittwoch, hieß es, würde nichts passieren. Am Mittwoch stehen schon in aller Frühe dreißig Bahnhofsgegner in der Kälte, trinken Kaffee und warten darauf, dass die angekündigten Hundertschaften anrücken, um die bevorstehenden Abrissarbeiten zu schützen. Am Donnerstagmorgen hat sich die Zahl der Aktivisten fast verdreifacht. Jetzt sind es schon etwa neunzig. Die Polizei ist auch da. Zwei Mannschaftsbusse stehen vor dem Südflügel, einige Polizisten schlendern gemächlich auf und ab, zwei Frauen sammeln Müll auf, darunter auch den Plastikbecher, den ein schwerer Stiefel versehentlich zertreten hat. Für 10 Uhr ist ein politischer Frühschoppen angesagt. Ein Friedens- und Konfliktforscher ist gekommen. Mentale Einsatzvorbereitung. Man könne ja einmal über zivilen Ungehorsam sprechen. Ob überhaupt jeder wisse, was das sei?

Am frühen Abend ist es so weit. Per SMS-Kette wird Alarm geschlagen: „Heute Nacht Südflügel-Absperrung voraussichtlich ab 3.00 Uhr mit Polizei-Großaufgebot“. Zwei Stunden nach Mitternacht ist Stuttgarts Innenstadt wie leergefegt. Der Bahnhof ist geschlossen, durch die Gitter kann man die Kehrmaschinen durch die Halle des denkmalgeschützten Bonatz-Baus fahren sehen. „Für schwäbische Besen ist nichts unumkehrbar“, heißt es am Bauzaun im Museum. Jetzt will die Bahn nach fünfzehnmonatigem Stillstand den Gegenbeweis antreten. Weil das Fällen der alten Platanen vorläufig noch nicht genehmigt ist, soll nun der Südflügel geräumt, entkernt und bis Ostern vollständig abgetragen werden.

„Ich lass’ mich nicht deeskalieren!“

Der nächtliche Zeitpunkt der Polizeiaktion ist klug gewählt. Öffentliche Verkehrsmittel fahren nicht mehr, Müdigkeit und Kälte machen mürbe. Manch wackerer Schwabe dürfte jetzt mit schlechtem Wutbürgergewissen und süßen basisdemokratischen Träumen in den Federn liegen, anstatt sich workshopmäßig auf die bevorstehende Sitzblockade vorzubereiten. Seit der deutlichen Niederlage beim Volksentscheid im November hat sich die Protestbewegung entbürgerlicht. Viele bleiben einfach weg. Weit weniger haben sich geschworen, einfach immer weiterzumachen.

Um zehn vor drei morgens wird per Lautsprecherdurchsage verkündet, dass die Mannschaftswagen der Polizei gesichtet wurden. Gleichzeitig sucht eines der neuen Anti-Eskalations-Teams der Polizei den Versammlungsleiter auf, um ihm mitzuteilen, dass um Punkt drei ein Versammlungsverbot in Kraft treten werde. Nach kurzer Beratung entschließt sich der Versammlungsleiter dazu, die Veranstaltung als aufgelöst zu erklären, was aber, wohl nicht ganz zufällig, kein Versammlungsteilnehmer mitbekommt. Als die fast zweitausend Polizisten eintreffen, werden sie von etwa sechs- bis achthundert Demonstranten mit Trillerpfeifen und „Schämt-euch!“-Rufen empfangen. Ein Bläserquartett spielt zuerst „Auf de schwäb’sche Eisebahne“, dann die „Ode an die Freude“. „Deeskalationsteams“ beider Seiten durchstreifen das knapp dreihundert Meter lange Gelände. „Ich lass’ mich von niemandem mehr deeskalieren“, schreit eine Frau. Ein Rentner rüttelt am Zaun und brüllt „Dreckstaat“. Zwei Frauen ketten sich an einen Pfosten an. Eine der beiden erklärt, dass sie Pendlerin sei. Der Protest hat viele Kinder.

Der Wutbürger, die bedrohte Art

Die Polizei lässt sich Zeit. Immer wieder fordern Lautsprecherdurchsagen freundlich dazu auf, das Gelände „ungehindert“ zu verlassen. Um viertel vor fünf taucht Stuttgarts neuer Polizeipräsident Thomas Züfle auf. Eine Stunde später plaudert er entspannt mit dem Sprecher der Parkschützer. Mittlerweile sind die ersten Teilnehmer der Sitzblockade weggetragen worden. Komplikationen hat es nicht gegeben. Was in dieser Nacht geschehen ist, war nicht zuletzt eine Generalprobe für den Tag, an dem die Platanen im Park gefällt werden. Die Polizei hat ihre neue Strategie der Gewaltvermeidung erfolgreich geprobt, sie hat Anti-konflikt-Teams eingesetzt, sich neuer Medien wie Twitter und Facebook bedient und Vertreter der wichtigsten lokalen Medien als „embedded journalists“ umarmen dürfen. Und die Parkschützer wissen nun, dass sie auch nach dem Volksentscheid noch mehrere hundert Menschen mobilisieren können, und sei es auch um drei Uhr nachts.

Für das Projektmanagement der Bahn ist die Räumung des Südflügels zum jetzigen Zeitpunkt unerheblich. Es geht um Symbolpolitik. Was auf der Straße geschieht, ist ja schon längst nicht mehr so wichtig wie die juristischen Auseinandersetzungen und das zähe Taktieren von Bahn und rot-grüner Landesregierung. Der Stuttgarter Wutbürger scheint derzeit ein Kandidat für die Liste der bedrohten Arten zu sein. Dann hätte es seine Richtigkeit, dass der Bauzaun im Museum steht.

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Jahrgang 1962, Redakteur im Feuilleton.

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