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Streit um Traditionsverlag Wer Suhrkamp schadet

Ein Ende von Suhrkamp wäre traurig - auch wenn es nicht das Ende seiner Autoren wäre. Hätten sich die vorgeblichen Sachwalter der Suhrkamp-Kultur normal verhalten, existierte gar keine Gefahr für den Geist.

© Verlag Vergrößern Programmschrift einer realen Tragödie? Ulla Unseld-Berkéwiczs Buch „Reine Erfindung“ ist für den 20. Mai 2013 angekündigt

Für das Frühjahr ist bei Suhrkamp ein Band mit dem Titel „Reine Erfindung“ angekündigt. Er passt zum Haus, in dem er erscheinen soll. Denn die Vorgänge um den bedeutendsten deutschen Literaturverlag legen seit langem literarische Begriffe nahe. Absurdes Theater, Familienserie, Seifenoper - all diese Vokabeln sind auf die Prozesse, Entlassungen, Rücktritte und Zerwürfnisse schon angewendet worden, die seit zehn Jahren das Bild des Verlages prägen - so lange währt nun schon der Streit um das Unternehmen des im Oktober 2002 gestorbenen Verlegers Siegfried Unseld.

Jürgen Kaube Folgen:  

Dieser Streit steckt tatsächlich voller Romanpersonal. Ein Sohn, dem der Vater das Erbe nicht zutraute, was der Sohn nicht persönlich hätte nehmen müssen, weil jener es ohnehin niemandem zutraute. Eine zweite Ehefrau, der Unseld es am Ende doch zutraute, ihr, die von der Schauspielerei zum Schreiben gefunden hatte, ohne sich dadurch Aktionen hinter der Bühne und im theatralischen Fach zu entfremden. Die nach dem Tod des Gatten ihren Namen noch einmal änderte, wodurch am Ende aus Ursula Schmidt Ulla Unseld-Berkéwicz wurde. Dann ein Anwalt, der ihr die sagenhaft komplexe Stiftungs- und Gesellschaftskonstruktion ausdenkt, in der sie bewirtschaftet, was ihr aus dem Erbe zusteht. Außerdem viele weitere Anwälte und immer neue Geschäftsführer.

Die fatale Produktivität der Anwälte

Schließlich ein Schweizer Kapitalgeber, der sich im Streit mit der Witwe öffentlich zurückzieht, woraufhin seine Anteile an zwei Hamburger Unternehmer gehen; die ihrerseits wenig mit Literatur zu tun haben, aber von denen einer, Hans Barlach, in einen Anerkennungskampf mit der Witwe eingetreten ist, der für Suhrkamp nun bedrohlich wird.

Die Klagen und Gegenklagen zwischen Witwe und Medieninvestor sind an zwei Händen nicht mehr abzuzählen. Die Anwälte dürften mehr Seiten an „Suhrkampmaterial“ in Akten gelesen haben als die meisten Leser in philosophischen Werken oder Romanen. Und höhere Rechnungen geschrieben als die meisten Autoren.

Vorgeblichen Sachwalter mit Verantwortung

Werke gegen Geschäftsbücher, Tradition gegen Rendite, Literatur gegen Heuschrecke - das ist die Formel, auf die viele Beobachter das bringen. Hier die Welt von Bernhard und Blumenberg, Enzensberger, Goetz und Habermas, Handke, Schalansky und Tellkamp. Dort ein Geschäftsmann, der schnell die Geduld mit dem verliert, was ihm nichts als Ärger einträgt. Hier der Verlag als Zentrum geistiger Lebendigkeit und in der alten Bundesrepublik Lieferant der Stichworte zur geistigen Situation der Zeit. Dort der Verlag als „Cash-Cow“ von Interessenten, die Kracauer für eine Wurstsorte halten.

Doch das ist eben nur die Kitschversion jenes Romans, der „Unselds“ heißen könnte. Eine Version, an der vor allem die Anwälte der Verlegerin ein prosaisches Interesse haben. Wenn mancher Literaturkritiker jetzt „Haltet Barlach auf!“ ruft, darf daran erinnert werden, dass die manifesten Rechtsbrüche bislang nicht auf der Seite des Investors liegen. Ohne sie wären dem, was man ihm als Zerstörungswillen attestiert, sehr viel engere Grenzen gesetzt. Hätten sich die vorgeblichen Sachwalter der Suhrkamp-Kultur normal verhalten, existierte gar keine Gefahr für den Geist.

Ein literarischer Salon im Abseits

Suhrkamp sei wie ein Korallenriff, hat Alexander Kluge gesagt, so schön wie gefährdet. Auch durch sich selbst. Denn was hat es mit Kultur zu tun, die eigene Villa indirekt dem Mitgesellschafter auf die Rechnung zu setzen, indem man sie teilweise an den Verlag vermietet? Dies war der Grund der Klage Barlachs, der jetzt entsprochen wurde. Welche intellektuelle Tradition legte es nahe, das so einzurichten, dass der gehasste Kompagnon es fast nicht hätte merken können, weil die Kaltmiete gerade so unter der Grenze zur Mitteilungspflicht lag?

Was soll das sein, ein literarischer Salon in Berlin-Nikolassee - „jottwedee“ wie es in Berlin heißt -, wo nach Sloterdijk-Lesungen eine offene Diskussion - „detticknichlache“ - unter den anregendsten Köpfen stattfindet, weswegen sich der Mitgesellschafter beteiligen soll? Und worin besteht der geistige Beitrag von Unternehmensverlusten und der Aggression gegen Mitgesellschafter, von denen erwartet wird, dass sie sich an jenen Verlusten beteiligen?

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Die Abberufung der Suhrkamp-Geschäftsführung unter Ulla Unseld-Berkéwicz hat das Gericht jetzt angeordnet, weil es gar keinen Unterschied machen kann zwischen Beklagten, die Rilke drucken, und solchen, die mit Schrott handeln. Gewiss, ein Ende von Suhrkamp wäre traurig, auch wenn es nicht das Ende der Autoren wäre, die dem Verlag viel verdanken. Doch die Dienstpflicht am Symbol hätte gerade dem Gewissen derjenigen bewusst sein müssen, die das symbolische wie das ökonomische Kapital nur geerbt, nicht erarbeitet haben. Die Rationalität des Ausschlachtens eines Verlages wäre eine schäbige. Die Irrationalität seiner Nutzung zur Selbsterhöhung aber ist eine törichte.

„Dem Als-ob schlägt die Stunde“, heißt es in der Werbung zum Bändchen „Reine Erfindung“. Wir vermuten, dass Ulla Berkéwicz - hier dann wiederum doch nicht „Unseld-Berkéwicz“ - dem zugestimmt hat, denn es handelt sich um ihr Buch. Die Zeit, in der sich Unseld oder Suhrkamp spielen ließ, ist tatsächlich abgelaufen. Vielleicht aber auch schon die, sich noch einmal zu besinnen.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 12.12.2012, 10:10 Uhr

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Von Regina Mönch

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