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Stimmen zu Venters Schöpfung Weltweit Bewunderung und leichtes Schaudern

21.05.2010 ·  Die Schaffung eines lebenden Bakteriums mit einem chemisch hergestellten Genom löst bei Fachleuten weltweit Staunen und vielfach Bewunderung aus. Viele Fragen aber bleiben. Eine Umfrage.

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Prominente Biologen, Wissenschaftshistoriker, Theologen und Bioethiker zur Bedeutung des jüngsten Experiments von Craig Venters Team.

Noch kein Regelungsbedarf
Jörg Hacker, Mikrobiologe und Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina:

"Die aktuelle Veröffentlichung ist eine sehr interessante Studie, die nicht überraschend kommt. Das Team um Craig Venter und Hamilton Smith arbeitet seit Jahren auf diesem Gebiet und hat immer wieder Teilerfolge veröffentlicht. Diese Publikation ist technologisch spannend für den weiteren Weg in der Synthetischen Biologie: Es ist gelungen, ein Genom synthetisch herzustellen und in - sehr einfache - Bakterien zu transplantieren, so dass diese DNA-Sequenz dort als Erbgut funktioniert. Die nun an primitiven Organismen erprobte Methode wird zunächst im Bereich der Bakterien eine Rolle spielen, später wohl in einfachen Eukaryonten, etwa Hefepilzen.

Diese Technologie erfordert momentan noch keinen Regelungsbedarf, etwa in Hinblick auf das Gentechnikgesetz, jedoch muss man die jeweiligen Experimente beurteilen und wenn nötig regulatorisch eingreifen.

Das menschliche Leben ist sehr viel komplexer als das dieser Mikroben. Unser Verständnis von Leben verändert sich dadurch nicht."

Schluss mit den Zweifeln

Drew Endy, Biotechnologe und Pionier der Synthetischen Biologie an der Stanford-Universität:

„Die Arbeit sollte endgültig die Zweifel beseitigen, dass in der Genomsequenz etwas Magisches fehlen würde, um einen vermehrungsfähigen Orgsanimsus zu reproduzieren. Die verwendeten künstlichen Genome sind Rekonstruktionen der natürlichen Vorbilder. Craig sagte, ihm sei wichtig, dass hier Software ihre eigene Software erzeugt. Im Grunde haben wir aber erst die Drucker zur Software. Uns fehlen immer noch die Sprache und die Grammatik, um wirklich neue Programme schreiben und lebende Systeme formulieren zu können.“

Ein lange erwartetes Ergebnis
George Dyson, Wissenschaftshistoriker und Autor von "Darwin among the Machines", auf der Website Edge:

"Es gibt zwei Sichtweisen auf dieses Experiment. Vom technologischen Gesichtspunkt aus, ist ein im digitalen Computer generierter Code zum selbstreplizierenden Genom einer Zelllinie geworden. Vom biologischen Gesichtspunkt aus, ist ein im lebenden Organismus generierter Code in seine digitale Repräsentation übergeführt worden, um repliziert, bearbeitet und in andere Zellen eingebracht zu werden. 1953, als die Struktur der DNA entdeckt wurde, standen auf der Erde 53 Kilobite an schnell abrufbarem elektronischem Speicher zur Verfügung. Zwei vollkommen verschiedene Formen von codierter Information waren damit auf einen Kollisionskurs gebracht. Wie einfach das auch klingen mag: Wir stehen nun vor einem der lange erwarteten Ergebnisse."

Zuerst die Details
Stimmen aus der Kirche

Der Vatikan will sich mit voreiligen Bewertungen zum angeblichen Sensationsfund des amerikanischen Gen-Forschers Craig Venter zurückhalten.

Man wolle erst mehr Details wissen und mehr Informationen abwarten, sagte Vatikansprecher Federico Lombardi am Freitag. In der Vergangenheit habe es mehrfach ähnliche Ankündigungen gegeben, die sich später als überzogen herausstellten, fügte er hinzu. Erzbischof Bruno Forte von Chieti-Vasto äußerte sich zurückhaltend zu Meldungen, der Schritt zur Schaffung künstlichen Lebens sei gelungen. „Ich bewundere die Intelligenz, die das zustande bringt, aber ich frage mich, ob es ethisch richtig ist“, sagte er im „Corriere della Sera“.

Was ist künstlich?
Christoph Rehmann-Sutter, Professor für Theorie und Ethik der Biowissenschaften am Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung der Universität zu Lübeck:

„Ob es sich um ein künstliches Lebewesen handelt, ist nicht nur eine Frage der Technik, sondern sie hängt von der Definition von Künstlichkeit ab, die wir verwenden. Venters Definition ist genetizistisch: Weil die DNA synthetisch ist (obwohl nach natürlichem Vorbild hergestellt), sei das Lebewesen synthetisch. Das ist eine Verkürzung. Die wissenschaftliche Bedeutung ist jedenfalls nicht zu unterschätzen.“

Ein großer technischer Schritt
Martin Fussenegger, Biotechnologe an der ETH Zurich in Basel, Experte für Synthetische Biologie:

„Das ist eine schöne Geschichte, neu aufgelegt: Nobelpreisträger Hamilton Smith, der die Gentechnik mit angestoßen hat, ist zurück an der Front, diesmal für Craig Venters neuestes Projekt - um künstliches Leben zu schaffen. Der Anspruch, neues oder künstliches Leben geschaffen zu haben, ist schwer zu erfassen. Der Mensch hat im Laufe seiner Evolution kaum jemals etwas wirklich Neues geschaffen, wir haben uns mit materiellen Dingen beholfen, die schon da waren und haben daraus immer komplexere Produkte hergestellt. Die Technik, die Venter und seine Kollegen in die Tat umgesetzt haben, wird schlicht die Geschwindigkeit, mit der neue Organismen kreiert werden können, deutlich erhöhen. Die Ergebnisse sind jedenfalls ein phänomenaler Erfolg. Nie zuvor war es jemandem gelungen, ein synthetisches Genom mit so großer Präzision zusammenzufügen, dass man damit einen gesamten Organismus programmieren kann. Technisch gesehen ist es ein echter Fortschritt, konzeptuell aber eher nicht. Sicher, Craig Venters Meisterstück ist geschichtsträchtig, es wird insbesondere die gezielte genetische Veränderung von Organismen, die bisher unzugänglich für gentechnische Eingriffe waren, enorm voranbringen.“

Wer darf, wer soll regulieren?
Peter Dabrock, Professor für Sozialethik, Leiter der Forschungsgruppe „Bioethik“ im Zentrum für Synthetische Mikrobiologie, Marburg:

„Craig Venter ist nicht Gott und spielt nicht Gott, wenn er einen künstlichen Mikroorganismus herstellen kann. Dennoch liegen die Arbeiten der Synthetischen Biologie in der Fluchtlinie einer zunehmenden Instrumentalisierung und Verdinglichung der Natur. Statt diese Entwicklung einfach zu verteufeln oder unkritisch zu bejubeln, sind ihre technischen und sozialen Folgen und Nebenfolgen von Anfang an mit zu bedenken: Wo liegen die technischen und sozialen Risiken, wo die Missbrauchsmöglichkeiten? Werden mögliche Erfolge der Synthetischen Biologie zu einer weiteren Beschränkung des allgemeinen Erbes der Menschheit führen (Stichwort: Patentierung von Lebewesen)? Wer darf, wer soll regulieren? Zugleich müssen die Fragen und Bedenken in manchen, vor allem religiösen Teilen der Bevölkerung gegenüber dieser Technisierung des Lebens ernsthaft berücksichtigt und gehört werden. Sich auf solche Debatten einzulassen, hat der Forschung in den letzten Jahren durchaus mehr genutzt als geschadet.“

Auf dem Weg zur Einsicht in die Komplexität des Lebens
Andres Moya, Evolutionsbiologe und Philosoph an der Universität von Valencia:

„Das ist ein enorm wichtiger Erfolg für die Biologie. Immer wieder haben Wissenschaftler behauptet, wir könnten niemals die ganze Komplexität des Lebens erfassen, und sie hatten bislang recht behalten, weil wir mit sämtlichen Methoden bisher gescheitert sind. Was soll‘s, sagt sich Venters Gruppe. Ihre Strategie ist es erst gar nicht, die volle Komplexität auf einmal verstehen zu wollen. Sie versuchen statt dessen zuerst, die Information einer Bakterienspezies mit dem Rest einer anderen zu kombinieren und zu sehen, was passiert. So haben sie durch Versuch und Irrtum eine schimäre Zelle erhalten, die funktioniert. Natürlich ist damit die Komplexität immer noch nicht verstanden, aber die Chance, das Rätsel mit weiteren solchen Experimenten zu lösen, ist damit größer geworden.“

Perspektive auf eine Neudefinition des Lebens
Kevin Kelly, Herausgeber von „Wired“ und Autor von "Außer Kontrolle" auf der Website Edge:

„Der wesentliche Effekt dieser Veröffentlichung wird sein, uns zu einer Neudefinition von Leben zu zwingen. Denn einstweilen gehen wir davon aus, dass nichts Leben sein kann, was wir selbst herstellen.“

Noch kein künstliches Leben
Regine Kollek, Leiterin der Forschungsgruppe Technologiefolgenabschätzung der modernen Biotechnologie in der Medizin/Neurowissenschaften an der Universität Hamburg:

„Ich habe größten Respekt vor der technischen Brillanz von Craig Venter und seiner Gruppe. Mit der Synthese eines vollständigen Genoms und dessen Transplantation in eine andere Bakterienart ist man bio- und gentechnisch über das hinausgegangen, was mit Hilfe der Gentechnik bisher üblicherweise getan wurde, nämlich nur wenige Gene oder Genomabschnitte zu übertragen. Aber handelt es sich hier um die Schaffung „künstlichen Lebens“, wie es zumindest in vielen Artikeln zur Ankündigung dieser Entdeckung behauptet wird? Ich meine nicht.

Erst wenn nicht nur das Genom, sondern auch die Wirtszelle selbst Molekül für Molekül nachgebaut ist, könnte man möglicher Weise zu Recht von „synthetischem“ Leben sprechen. Ansonsten bleibt das Ganze ein Lego-Spiel auf hohem molekularem Niveau.

Wichtig ist jedoch, dass auch solche Entwicklungen hinsichtlich möglicher Risiken evaluiert werden müssen. Besonders wenn neue Stoffwechselwege oder Eigenschaften in solche Gebilde eingeschleust werden, muss man deren gesundheitlichen und ökologischen Konsequenzen prüfen. Wie wir aus der Risikodebatte um gentechnisch veränderte Organismen wissen, entstehen aus solchen Eingriffen nicht immer nur die gewünschten Eigenschaften, sondern aufgrund der Vielzahl und Komplexität beteiligter Prozesse manchmal auch unerwartete, nicht immer unproblematische. Im Zusammenhang mit solchen Organismen muss also die Debatte um die Risiken der Gentechnologie auf neuer Ebene weiter geführt werden.“

Wir Europäer sind dabei

Helga Nowotny, Präsidentin des Europäischen Forschungsrates ERC, österreichische Wissenschaftstheoretikerin:

„Die Herstellung des Mycoplasma mycoides ist ein weiterer Beweis für das enorme Potential der Lebenswissenschaften. Der Begriff „Leben“ wird in Zukunft nicht mehr nur umfassen, was wir jetzt darunter verstehen, sondern vermehrt all das, was wir zum Leben - und zum Ueberleben der Menschheit - benötigen. Ich bin überzeugt, dass die europäische Forschung an dieser Entwicklung voll beteilgt sein wird.“

Minimalzellen bringen mehr Sicherheit

Alfred Pühler, Biotechnologe am Centrum für Biotechnologie an der Universität Bielefeld:

„Aus meiner Sicht ist diese Arbeit sehr reizvoll. Faszinierend ist die technologische Möglichkeit, Erbgut am Schreibtisch beziehungsweise Computer als Konstrukt zu entwerfen und nach der Sythese dann in Zellen zum Leben zu erwecken. Man könnte Bakterien mit einer minimalen Genausstattung generieren, die sie nur im Fermenter unter kontrollierten Bedingungen gedeihen lässt. Solche Minimalzellen können dann als Chassis mit Synthesefunktionen versehen zur Produktion von gewünschten Substanzen genutzt werden. Dieser Ingenieurgedanke hat jetzt einen weiteren Fortschritt erfahren und ist besonders aus Sicherheitsgründen von Reiz. Die Gefahr, dass veränderte Bakterien aus dem Genlabor in die Umwelt gelangen, lässt sich damit praktisch verhindern.“

Europas Biopolitik muss sich ändern

Joyce Tait vom ESRC Innogen Centre der University of Edinburgh. Sie forscht über die sozialen und ökonomischen Folgen moderner Genomtechniken:

„Die schon lange versprochene synthetische Zelle ist also endlich da. Noch ist es viel zu früh zu sagen, ob diese oder eine andere technik zu dem gewünschetn Ergebnis, zur Produktion neuer Impfstoffe oder Biosprit führen wird. Aber natürlcih müssen wir an die Risiken für Mensch und Umwelt denken, schon jetzt. Das Vorsorgeprinzip der Europäischen Union, das in der grünen Gentechnik angewandt wird, ist als Verfahren zum Risikomanagement in Verruf geraten, allenfalls als politisches Instrument zum Management der öffentlichen meinung hat es sich bewährt. Es wäre schön, wenn wir Europäer an diese neue Generation von Biotechniken etwas ausgewogener herangehen würden und einen intelligenten Weg finden würden, mit Risiken umzugehen, die eine akzeptables Maß an Sicherheit bieten ohne uns gleichzeitig die Chancen für einen möglichen Nutzan zu verbauen.
Sicher werden wir in den nächsten Wochen noch einiges über die potentiellen Terrorgefahren hören, die vom Mißbrauch der Synthetischen biologie ausgehen könnten.“


Eine Herausforderung für Ethiker

Joachim Boldt, Bioethiker am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Freiburg:

„Das unqualifizierte Schlagwort von der Schöpfung von Leben ist irreführend, auch wenn Craig Venter es selbst gerne im Munde führt. Auch bei dem neuesten Erfolg aus Venters Labor wird mit Bausteinen lebendiger Organismen gearbeitet. Dennoch wird man etwas vorsichtiger von der Schaffung neuer Lebensformen sprechen können.

Es wird möglich, Bakterien systematisch mit Eigenschaften auszustatten, für die es kein Vorbild in der Natur gibt. Dies stellt zweifellos eine facettenreiche ethische Herausforderung dar. Was bedeutet es eigentlich, wenn nicht mehr die Natur, sondern wir Menschen Urheber sind von sich entwickelnden und der evolutionären Entwicklung unterworfenen Lebensformen? Wie kann eine angemessene Risikobewertung für eine solche Tätigkeit aussehen?“

Zusammengestellt von Joachim Müller-Jung und Sonja Kastilan

Quelle: FAZ.NET
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