17.12.2009 · Neue Unruhe um die Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung: Der polnische Historiker Tomasz Szarota hat den Wissenschaftlichen Beraterkreis verlassen. Die anderen Mitglieder erfuhren dies aus der Zeitung.
Von Regina MönchDer polnische Historiker Tomasz Szarota hat am Tag nach der konstituierenden Sitzung des Wissenschaftlichen Beraterkreises der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung dieses Gremium verlassen.
Die anderen acht Wissenschaftler aus Deutschland, Tschechien und Ungarn und der Direktor der Stiftung, der Münchner Historiker Manfred Kittel, erfuhren dies an diesem Mittwoch aus der Zeitung. Während der Sitzung in Berlin hatte Szarota sich weder erklärt noch seinen Schritt angedeutet.
„Gazeta Wyborcza“, Polens größte überregionale Zeitung, teilte dazu mit, Szarota habe im Wissenschaftlichen Beraterkreis die „polnische Sichtweise über die Nachkriegsaussiedlung der Deutschen repräsentieren“ sollen. Bei den Polen aber habe das „sichtbare Zeichen“ von Anfang an Befürchtungen geweckt. Sie hätten Angst, dass die „deportierten Deutschen als Opfer des Krieges und Polen als Verbrecher“ dargestellt würden. Dies zu verhindern, sei Szarota nach Berlin entsandt worden. Die Unterzeile des Artikels enthält die unmissverständliche Botschaft, dass an diesem Museumsprojekt kein Pole mitarbeiten werde. Vor einem Jahr klang das noch anders. Als das Projekt „Sichtbares Zeichen“ von der Bundesregierung auf den Weg gebracht wurde, wollte Polen auf keinen Fall eine Mitarbeit mit politischem Auftrag. Den hat der Beraterkreis aber auch nicht. Hier geht es vielmehr um eine wissenschaftliche Begleitung, deren Gegenstand die historische Wahrheit ist. Gefragt ist die differenzierte Sicht von Historikern und kein politischer Kampf um was auch immer.
Nur noch acht
Ursprünglich neun, nun also nur noch acht Wissenschaftler, mit ihren Arbeiten und ihrer Sachkenntnis ausgewiesene Experten für das komplexe Thema Flucht, Vertreibung und Versöhnung gehören zu dem Beraterkreis der Bundesstiftung gleichen Namens. Der Politikwissenschaftler Hans Maier, einst streitbarer bayerischer Kultusminister, wurde zum Vorsitzenden gewählt. Neben der Publizistin Helga Hirsch gehört auch der ungarische Historiker Kristián Ungvary dem Gremium an; die tschechische Historikerin Kristina Kaiserová kommt aus Ústí nad Labem, der Holocaust-Forscher Raphael Gross ist Direktor des Jüdischen Museums und des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt am Main; Silvio Peritore leitet in Heidelberg das Dokumentations- und Kulturzentrum deutscher Sinti und Roma; der Historiker Matthias Stickler lehrt an der Universität Würzburg, und der Literaturhistoriker Peter Becher leitet den deutsch-tschechischen Adalbert-Stifter-Verein. Andreas Kossert („Kalte Heimat“), wie Kittel mit herausragenden Publikationen zum schwierigen Thema hervorgetreten, konnte als Mitarbeiter gewonnen werden, weitere sollen folgen.
Sie wurden alle berufen, um - unter anderem - am Konzept für die Dauerausstellung des künftigen Dokumentationszentrums im Berliner Deutschlandhaus mitzuwirken. Die Ausstellung, mit der frühestens in drei Jahren zu rechnen ist, soll das Jahrhundert der Vertreibungen in Europa widerspiegeln. Ein Hauptakzent wird natürlich die Flucht und Vertreibung von zwölf Millionen Deutschen als Folge des Zweiten Weltkrieges sein. Fest steht auch, dass die Darstellung in den historischen Kontext sogenannter ethnischer Säuberungen seit dem neunzehnten Jahrhundert, vor allem aber des zwanzigsten Jahrhunderts, gestellt wird. Auch darum arbeiten Historiker wie Kaiserova, Ungvary und Gross mit.
Es geht nicht um Steinbach
Um nationale Staatsräson, wie sie Polen jetzt auch der wissenschaftlichen Begleitung dieses Projekts aufnötigen will, geht es jedenfalls nicht. Es kann auch nicht um Erika Steinbach gehen und darum, ob sie im Stiftungsrat sitzen darf oder ihr Stuhl, weil es Polen und der deutsche Außenminister wünschen, leer bleibt. Das ist und bleibt eine politische Entscheidung, die selbst am Rande der konstituierenden Sitzung vom Montagnachmittag keine Rolle spielte. Dort befasste man sich mit inhaltlichen Fragen, etwa dem Architektenwettbewerb für das Deutschlandhaus in Berlin-Kreuzberg oder wissenschaftlichen Tagungen, die das schwierige Thema Flucht und Vertreibung erörtern sollen und von denen zwei bereits im kommenden Jahr stattfinden sollen.
Schon am 25. Januar lädt die Stiftung zu einer außergewöhnlichen Buchpremiere ins Zeughauskino des Deutschen Historischen Museums ein. Der von jüngeren polnischen Zeithistorikern vorgelegte „Atlas Zwangsaussiedlung, Flucht und Vertreibung. Ostmitteleuropa 1939 bis 1959“ (Verlag Demart S.A., Warschau) ist jetzt in deutscher Übersetzung erschienen - in Polen war er zum wichtigsten historischen Buch dieses Jahres gekürt worden. Er behandelt die von Zwangsmigration geprägten Schicksale von Polen im Dritten Reich und in der Sowjetunion, die der Juden im Zweiten Weltkrieg und im kommunistischen Nachkriegspolen, die Vertreibung von Deutschen und Ukrainern. Vor allem aber sind die Entstehung und Rezeption dieses bemerkenswerten Buches ein deutlicher Beweis für eine neue, offene Geschichtskultur in Polen, von der man hierzulande viel zu wenig weiß, weil alte, sorgsam gepflegte Konflikte den Blick verstellen.
Um Tomasz Szarota, der am Historischen Institut der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau arbeitet, gab es schon bald nach seiner Berufung in den Kreis der Berater Gerüchte, er werde unter Druck gesetzt. Sollte er dem jetzt nachgegeben haben, ist das, abgesehen vom fragwürdigen Stil, diesen Rückzug über die Zeitung mitzuteilen, ein schlechtes Zeichen. Es stört die europäische Verständigung. Zu hoffen bleibt aber, dass sich andere polnische Historiker nicht für politische Zwecke instrumentalisieren lassen.