Es ist die Schlüsselszene aus Kafkas „Schloss“: Der Landvermesser K. betrachtet die unzugängliche Siedlung auf dem Hügel und stellt enttäuscht fest, dass das Schloss, das er sich so großartig vorgestellt hatte, bloß aus einer Ansammlung von ganz gewöhnlichen Häusern besteht, wie sie auch unten im Dorf stehen. Es ist eine Spiegelung: Der unerreichbare Ort oben wird zum Abbild des Ortes unten. Ich stelle mir Landvermesser K. vor, wie er gerade jetzt am Ufer der Moldau steht und die Prager Burg betrachtet. Das ist ebenfalls eine Anhäufung sehr prunkvoller Paläste und bietet einen Überblick über ganze Baustile - genau wie unten die schöne Stadt voller Touristen, die sich gerade T-Shirts mit dem Bild von Franz Kafka kaufen. Mittendrin fließt langsam die Moldau, unser Schicksalsfluss, wie Johannes Urzidil sie nannte. Auf ihrer Oberfläche zeigt sich alles: die Prager Burg und alle unsere tschechischen Geschichten.
Ich stelle mir K. vor, wie er jetzt vor der Präsidentenwahl zur Prager Burg hochschaut und daran denkt, dass es kein Vergnügen ist, tschechischer Präsident zu sein. Wie groß dieser Schlosskomplex ist! Viel zu groß für unser kleines Land, als zaubere es ihm ein viel bedeutenderes Reich vor. Denn ein fähiger Geodät könnte das Gebiet Tschechiens in ein paar Tagen bequem vermessen. Der Präsident ist in seiner wunderschönen Burg zur Einsamkeit verurteilt. Und er kann sich da leicht verlaufen in den endlosen Gängen. Die Leute in der Stadt unten - sie leben, betrinken sich, gehen ins Kino oder zum Fußball; die Politiker und ihre Kumpel machen Geschäfte. Aber der tschechische Präsident bleibt dort oben in seinem goldenen Käfig mit herrlicher Aussicht, durch eine sonderbare Macht von der Welt getrennt. Vielleicht ist die Burg wirklich dieser geheimnisvolle Ort „zwischen Einsamkeit und Gemeinschaft“, wie Kafka einst im Tagebuch anmerkte.
Die Angst vor den Untoten
Und dann die Knochen all der Toten, die auf der Burg vergraben liegen! Alle die Überreste und Nachlässe von Königen und Präsidenten, von Masaryk über Benes bis zu den Kommunisten Gottwald oder Husák und weiter bis hin zu Václav Havel. Sich da einzurichten erfordert großen Mut. Immer aufs Neue kommt etwas machtvoll aus der Vergangenheit hoch und verwandelt die Prager Burg in einen gespenstischen Ort. Wie sonst kann man erklären, dass unsere Präsidentenwahl tatsächlich von den verstaubten Benes-Dekreten entschieden werden könnte? Wie geht das nur, so einfach die Deutschen-Angst wiederzubeleben, von der wir dachten, sie sei längst ausgestorben?
Vielleicht sind die vertriebenen Deutschen aber immer noch bei uns, genau wie die ermordeten Juden. Und alle leben weiter mit uns, wenn wir das auch nicht mitbekommen. Vielleicht geistern die Deutschen bei uns herum, weil wir seit ihrer Vertreibung mit ihnen schlicht nicht ins Reine gekommen sind. Dieses Thema ist für viele Leute immer noch ein Tabu. Und wer daran rührt, riskiert viel. Vielleicht haben wir ja gar keine Angst mehr vor den Deutschen, aber Angst vor uns selbst. Wir haben Angst zuzugeben, dass nicht nur die Nazis, sondern auch wir Tschechen Menschen verjagt und getötet haben. Wir haben Angst vor unserem eigenen Anblick im Spiegel.
Der Wahrheitsliebling und der Dschungelkapitalismus
Die Prager Burg ist ein geheimnisvoller Ort, das muss jeder Präsident wissen. Wir können uns hier in seiner Einsamkeit und Verzweiflung beispielsweise Edvard Benes vorstellen, als das Münchner Abkommen unterzeichnet wurde und Hitler unser Land besetzte. Und dann später, als er schon als schwerkranker Mann die erwähnten Dekrete unterzeichnete, die uns bis heute verfolgen. Die Macht rissen damals die Kommunisten an sich, an der Spitze Klement Gottwald. Auch dieser Stalinist, ein ausgebildeter Schreiner, musste sich bald in den pompösen Räumlichkeiten sehr allein fühlen, als er - zerstört durch Alkohol und eine Geschlechtskrankheit - die vielen Urteile gegen einstige Freunde und Parteigenossen unterzeichnete und sie unters Henkersbeil schickte. Szenen wie aus einem Horrorfilm. Auch diese Toten spuken immer noch bei uns herum.
Ebenso einsam musste Gustáv Husák dort leben, den die russischen Panzer auf die Prager Burg gebracht hatten und der sich bemühte, beim Volk die Erinnerung an den Prager Frühling auszurotten. Er tat das so intensiv, dass ihn Milan Kundera als „Präsidenten des Vergessens“ beschrieb. Eine lange Zeit der Einsamkeit sollte hier oben auch Václav Havel verbringen, besonders in der Zeit, als sein berühmtes Motto vom „Sieg der Wahrheit und der Liebe über die Lüge und den Hass“ als Beleidigung herhalten musste und zur Charakterisierung eines naiven Träumers wurde: „Wahrheitsliebling“. Und wie allein war er, als seine Ideale vom November 1989 in den dicken Limousinen der Vorkämpfer des Dschungelkapitalismus davonfuhren. Heute noch brettern diese Leute durch die engen Gassen der Prager Altstadt, und es werden eher mehr als weniger.
Dorfkneipe gegen Schlosshotel
Einsam fühlen muss sich sogar der jetzige Präsident, Václav Klaus, den seine Isolation dort oben von einem Ökonomen plötzlich in einen skurrilen Experten der Erderwärmung verwandelte. Zu diesem unguten Bild trägt auch die Amnestie bei, die er bei der Neujahrsansprache im Fernsehen verkündete. Diese Rede ist ohnehin für jeden Präsidenten ein Belastungstest, weil sich das Volk in dem Moment mit dem Silvesterkater herumschlägt und deshalb nicht ganz zurechnungsfähig ist. Die unerwartete Amnestie hat den Katzenjammer indes besser vertrieben als jedes Katerfrühstück. Denn unser Präsident begnadigte nicht nur Kleinkriminelle, sondern auch viele Gauner mit Schlips und Kragen, die über Jahre systematisch unser Land ausgeraubt haben. Klaus begnadigte kurzerhand seine ganze Ära. In diesem Moment wandten sich sogar noch seine treuesten Anhänger unten in der Stadt von ihm ab.
Gegen all das wirkte der Wahlkampf um die Prager Burg zuerst noch wie die uralte tschechische Komödie, wie eine TV-Serie von Kabarettauftritten kurioser und schriller Kandidaten, von denen der eine das Gesicht zutätowiert hatte und die andere als Botschafterin der Liebe auftrat. Lange ging es bodenständig, gemütlich, verrückt zu wie in einer tschechischen Dorfkneipe mit viel Bier, das ja ohnehin unser Wahrheitselixier ist. Doch jetzt, vor der entscheidenden Runde, bekommen die Gespenster der Burg endgültig die Oberhand. Der Ton wird rauh, da wir zwischen den gegensätzlichen Welten von Karel Schwarzenberg und Milos Zeman zu entscheiden haben. Im Unterschied zu Zeman weiß Schwarzenberg immerhin, wie man auf Schlössern wohnt. Schließlich gehören ihm einige. Und er weiß, dass das kein Zuckerschlecken ist. Vielleicht ist ihm darum auch so wohl zwischen den gutaussehenden jungen Leuten unten in der Stadt, die für ihn Rockkonzerte veranstalten und für die er der Held ist.
Der Fürst als Punker
Zeman hingegen ist der König der verräucherten Dorfkneipe. Da erzählt er Witze, macht den Schwejk und fasst die Politik in simplen Worten zusammen. Er raucht eine Zigarette nach der anderen und bestellt für alle den Magenlikör Becherovka. Wählt mich, sagt er, weil ich bin wie ihr! Wählt mich, weil ich euch vor allem Bösen beschütze, auch vor den Sudetendeutschen, wenn sie eure Häuschen wiederhaben wollen! Damit punktet er nur bei der älteren Generation, denn die Jungen interessiert das Thema überhaupt nicht mehr. Doch genau in diesem Punkt unterstützt ihn Václav Klaus, der sich jetzt offen in den Wahlkampf einschaltet und mit Zeman einen nationalistischen Block formt. Wählt Zeman, ruft auch er, und setzt auf die niedrigsten Instinkte, Ängste und Frustrationen. Wählt ihn, dann wird es euch in unserer Kneipe gut ergehen wie früher!
Zemans Anhänger witzeln über Schwarzenberg, dass sie ihn nicht verstehen, wenn er redet. Dass er uns an die Deutschen verkaufen will. Dass er ein Fremder ist und wieder nach Österreich gehen soll. Und alle amüsieren sich darüber, wie er bei Versammlungen einschläft. Und es ist wahr, dass Schwarzenberg in der Öffentlichkeit zuweilen einnickt. Seine Fans halten das jedoch für eine liebenswürdige Grille - ebenso wie sein etwas archaisches Tschechisch. Und für den Beweis, dass der Fürst Sinn für Humor und Selbstironie besitzt. Und es macht ihm nichts aus, die Vertreibung der Deutschen zu verurteilen, damit an Václav Havel anzuknüpfen und sich mit der Vergangenheit zu versöhnen. Schwarzenbergs Fans laufen durch Prag mit T-Shirts, die den Fürsten als Punker zeigen, und sie beherrschen spielend die social media. Zeman dagegen schreiben sie Nationalismus zu, Aggressivität, Selbstherrlichkeit. Und sie begreifen in ihm die Verkörperung der vielen Korruptionsskandale seiner Regierungszeit. Es wurmt sie, dass der vermeintliche Rechte Klaus öffentlich den vermeintlich Linken Zeman unterstützt. Und in der Tat: Wenn wir Zeman wählen, dann wählen wir die Fortsetzung von Klaus mit anderen Mitteln.
Eine böhmische Kneipenschlägerei
Schwarzenbergs Anhänger stellen Zeman als Mann der Vergangenheit dar. Doch paradoxerweise sehnen sie sich selbst noch viel weiter in die Vergangenheit zurück. In eine Märchenzeit irgendwann vor dem Jahr 1918, in dem Österreich-Ungarn auseinanderfiel, als die Tschechoslowakei entstand und auf der Prager Burg Tomás Garrigue Masaryk einzog, der große Republikaner und Widersacher der Monarchie, den wir als „Befreier-Präsidenten“ ehren. Schwarzenbergs Fans sehnen sich womöglich unterbewusst danach, dass auf der Prager Burg nicht nur ein Präsident herrscht, sondern jemand mit blauem Blut. Wenn schon kein König oder Kaiser mehr, dann wenigstens ein Fürst.
Wir stehen damit vor einer schicksalhaften und zugleich irgendwie surrealen Wahl. Wir bekommen entweder einen verlogenen Schwejk oder die Verkörperung des altösterreichischen Adels, gegen den wir Tschechen über Jahrhunderte gekämpft haben. Doch vielleicht ist gerade dieser fürstliche Europäer Schwarzenberg die richtige Wahl, schon damit wir uns nicht immer weiter mit Geistern herumschlagen, die in der Prager Burg bis heute spuken und uns einen Zeman oder Klaus als Vogelscheuchen hinhalten.
Aber ob es so kommt? Unser Held K. schaut versonnen auf den Prager Burghügel. Er weiß, dass man sich bei uns an die Ministerpräsidenten und ihre guten Taten und schlimmen Schlamassel nicht wirklich erinnert. Aber unsere Präsidenten, die für uns fast so etwas sind wie Könige, vergessen wir nie. Darum wohl schaukeln sich im Wahlkampf jetzt die Emotionen derart hoch. Je länger es geht, desto hysterischer wird das Geschrei. Künstler, Schauspieler, Schriftsteller zerstreiten sich öffentlich über den richtigen Kandidaten. Wer weiß, am Ende gibt es noch eine echte böhmische Kneipenschlägerei. Und nur die Moldau fließt ruhig weiter. Im Winter hat sie eine eigentümlich dunkle Farbe. Genau wie die Burg oben, wenn sie sich im Wasser spiegelt.
Jaroslav Rudis, geboren 1972, ist einer der bekanntesten tschechischen Autoren, Verfasser unter anderem der Romane „Die Stille in Prag“ und „Grandhotel“. Gegenwärtig lehrt er als Siegfried-Unseld-Gastprofessor an der Berliner Humboldt-Universität. Die Verfilmung der von ihm gemeinsam mit dem Zeichner Jaromir 99 verfassten Comic-Trilogie „Alois Nebel“ erhielt im Dezember den Europäischen Filmpreis für die beste Animation. Im März erscheinen bei Voland & Quist seine Bildergeschichten „Leben nach Fahrplan“. (F.A.Z.)