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Stichwahl in der Tschechischen Republik Das Schloss und seine Gespenster

Die Prager Burg ist der einsamste Ort der Welt. Umweht wird er von uraltem Geisterspuk. Jedem neuen tschechischen Präsidenten, der dort einzieht, sitzt er im Nacken. Versuch einer Beschwörung.

© Jaromir 99 Vergrößern Kafka sieht Schwarz, wenn er auf die Prager Burg blickt: Grafik von Jaromir 99

Es ist die Schlüsselszene aus Kafkas „Schloss“: Der Landvermesser K. betrachtet die unzugängliche Siedlung auf dem Hügel und stellt enttäuscht fest, dass das Schloss, das er sich so großartig vorgestellt hatte, bloß aus einer Ansammlung von ganz gewöhnlichen Häusern besteht, wie sie auch unten im Dorf stehen. Es ist eine Spiegelung: Der unerreichbare Ort oben wird zum Abbild des Ortes unten. Ich stelle mir Landvermesser K. vor, wie er gerade jetzt am Ufer der Moldau steht und die Prager Burg betrachtet. Das ist ebenfalls eine Anhäufung sehr prunkvoller Paläste und bietet einen Überblick über ganze Baustile - genau wie unten die schöne Stadt voller Touristen, die sich gerade T-Shirts mit dem Bild von Franz Kafka kaufen. Mittendrin fließt langsam die Moldau, unser Schicksalsfluss, wie Johannes Urzidil sie nannte. Auf ihrer Oberfläche zeigt sich alles: die Prager Burg und alle unsere tschechischen Geschichten.

Ich stelle mir K. vor, wie er jetzt vor der Präsidentenwahl zur Prager Burg hochschaut und daran denkt, dass es kein Vergnügen ist, tschechischer Präsident zu sein. Wie groß dieser Schlosskomplex ist! Viel zu groß für unser kleines Land, als zaubere es ihm ein viel bedeutenderes Reich vor. Denn ein fähiger Geodät könnte das Gebiet Tschechiens in ein paar Tagen bequem vermessen. Der Präsident ist in seiner wunderschönen Burg zur Einsamkeit verurteilt. Und er kann sich da leicht verlaufen in den endlosen Gängen. Die Leute in der Stadt unten - sie leben, betrinken sich, gehen ins Kino oder zum Fußball; die Politiker und ihre Kumpel machen Geschäfte. Aber der tschechische Präsident bleibt dort oben in seinem goldenen Käfig mit herrlicher Aussicht, durch eine sonderbare Macht von der Welt getrennt. Vielleicht ist die Burg wirklich dieser geheimnisvolle Ort „zwischen Einsamkeit und Gemeinschaft“, wie Kafka einst im Tagebuch anmerkte.

Die Angst vor den Untoten

Und dann die Knochen all der Toten, die auf der Burg vergraben liegen! Alle die Überreste und Nachlässe von Königen und Präsidenten, von Masaryk über Benes bis zu den Kommunisten Gottwald oder Husák und weiter bis hin zu Václav Havel. Sich da einzurichten erfordert großen Mut. Immer aufs Neue kommt etwas machtvoll aus der Vergangenheit hoch und verwandelt die Prager Burg in einen gespenstischen Ort. Wie sonst kann man erklären, dass unsere Präsidentenwahl tatsächlich von den verstaubten Benes-Dekreten entschieden werden könnte? Wie geht das nur, so einfach die Deutschen-Angst wiederzubeleben, von der wir dachten, sie sei längst ausgestorben?

Vielleicht sind die vertriebenen Deutschen aber immer noch bei uns, genau wie die ermordeten Juden. Und alle leben weiter mit uns, wenn wir das auch nicht mitbekommen. Vielleicht geistern die Deutschen bei uns herum, weil wir seit ihrer Vertreibung mit ihnen schlicht nicht ins Reine gekommen sind. Dieses Thema ist für viele Leute immer noch ein Tabu. Und wer daran rührt, riskiert viel. Vielleicht haben wir ja gar keine Angst mehr vor den Deutschen, aber Angst vor uns selbst. Wir haben Angst zuzugeben, dass nicht nur die Nazis, sondern auch wir Tschechen Menschen verjagt und getötet haben. Wir haben Angst vor unserem eigenen Anblick im Spiegel.

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