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Sterbehilfe Dunkel und noch dunkler

 ·  Es ist ein Tabubruch: Die Sterbehilfe an einem taubblinden belgischen Zwillingspaar zeigt vor allem, wie sehr solche Menschen in der Gesellschaft alleingelassen werden.

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Zwei Brüder beschließen zu sterben. Die eineiigen Zwillinge aus dem belgischen Dorf Putte heißen Marc und Eddy V., sie sind fünfundvierzig Jahre alt und wurden taub geboren. Als sie erfuhren, dass sie nun auch noch erblinden würden, sahen sie den einzigen Ausweg im Tod. Ihr ganzes Leben haben sie Seite an Seite verbracht, gemeinsam bewohnten sie ein Appartement, gemeinsam absolvierten sie eine Ausbildung zum Schuhmacher und gemeinsam starben sie nun kurz vor Weihnachten 2012. Es waren Ärzte des Brüsseler Universitätsklinikums, die ihnen die tödlichen Injektionen spritzten.

In Belgien gibt es seit 2002 das „recht op sterven“, das Recht zu sterben. Dieses Recht bezieht sich nicht ausschließlich auf extreme körperliche Qualen, es schließt auch das seelische Leiden mit ein. Die Entscheidungen des Einzelnen muss akzeptiert werden. Es wäre anmaßend, sein Leid zu beurteilen.

Dennoch ist der Fall der Zwillinge skandalös. Er ist es nicht deshalb, weil zwei Menschen aus Verzweiflung und Angst in den Tod flüchteten, sondern weil sie jemanden fanden, der ihnen beim Sterben half. Die Entscheidung dazu setzt voraus, dass das Leben der Zwillinge, deren Schicksal die Taubblindheit und keine tödliche Krankheit war, als nicht mehr lebenswert eingestuft wurde. Die Schleusen, Sterbehilfe und Behinderung von nun an in einem Atemzug zu nennen, sind damit geöffnet. Für die Betroffenen ist das fatal.

Lieber eine letale Spritze

Taubblindheit hat etwas Monströses. Die doppelte Sinnesbehinderung bedeutet, dass sich der Verlust des einen zentralen Sinnes nicht durch den anderen ausgleichen lässt. Die einfachsten Dinge sind scheinbar unmöglich: Wie soll man eine Straße überqueren, wenn man Autos weder sieht noch hört? Wie einem Arzt Schmerzen erklären? Wie einkaufen? Diese Behinderung weckt die düstersten Assoziationen. Der Laie denkt reflexhaft an lebendiges Begrabensein, an einen stockdunklen, stillen Ort. Gefangen im eigenen Körper bei völligem Bewusstsein.

Deshalb liest man im Internet auch Kommentare wie die folgenden: „Mir ist schleierhaft, was an dem Fall kontrovers sein soll? Taub und blind zugleich zu sein - das ist doch praktisch ein Dasein als lebendiger Leichnam. Etwas Grausameres und Gruseligeres kann ich mir kaum vorstellen.“ Und: „Man kann nur hoffen, dass dieses Modell neben Belgien, Luxemburg, der Schweiz und den Niederlanden auch in verschiedenen anderen EU-Ländern Schule macht. Niemand kann unter so widrigen Umständen zum Leben gezwungen werden, und lieber eine letale Spritze als ein Sprung vom 8.Stock oder unter einen Zug.“

Es geht um Lebenshilfe

Nach Schätzungen des „Gemeinsamen Fachausschusses hörsehbehindert/taubblind“ leben in Deutschland etwa sechstausend Taubblinde. Es existiert eine UN-Konvention, die die Rechte von Menschen mit Behinderungen regelt. Seit 2009 ist sie auch für Deutschland verbindlich. Die Bundesrepublik ist verpflichtet, „wirksame und geeignete Maßnahmen zu treffen..., um Menschen mit Behinderungen in die Lage zu versetzen, ein Höchstmaß an Unabhängigkeit, umfassende körperliche, geistige, soziale und berufliche Fähigkeiten sowie die volle Einbeziehung in alle Aspekte des Lebens und die volle Teilhabe an allen Aspekten des Lebens zu erreichen und zu bewahren.“ Wenn man die Umstände betrachtet, unter denen die meisten Taubblinden hierzulande ihr Leben bewältigen müssen, klingen diese Zeilen wie Hohn. Im Gegensatz zu Blinden oder Gehörlosen haben sie nicht einmal ein eigenes Zeichen, das ihre Behinderung im Schwerbehindertenausweis eindeutig vermerkt.

Irmgard Reichstein hat deshalb vor einigen Jahren die Stiftung „taubblind leben“ gegründet. Sie kämpft dafür, dass sich die Situation der Betroffenen, die durch jegliches Aufmerksamkeitsraster fallen, endlich verbessert. Sie sagt: „Auch für taubblinde Menschen ist ein gutes Leben möglich, dafür gibt es viele positiven Beispiele.“ Bei Taubblindheit handele es sich nicht um Krebs im Endstadium. „Und deshalb ist es auch kein Sterbehilfe-Thema. Es ist das Gegenteil davon: Es geht um Lebenshilfe. Die Gesellschaft muss den Menschen Perspektiven aufzeigen.“

Sozial vernetzt und aktiv

Irmgard Reichstein hat einen taubblinden Bruder, der unter dem Usher-Syndrom leidet. Auch er war wie die belgischen Zwillinge nicht von Geburt an blind, es war ein Prozess, von dem niemand sagen konnte, wie schnell die Erblindung voranschreitet. Mittlerweile nimmt er seine Umwelt nur noch schemenhaft wahr. Irmgard Reichstein sagt: „Sehr viele Menschen, die wie die belgischen Zwillinge eine solche Diagnose bekommen, spielen mit dem Gedanken an Selbstmord.“ Sie durchliefen eine Phase existentieller Verzweiflung. Irmgard Reichstein hat diese Phase hautnah miterlebt, genauso wie die des Auftauchens. Das sozial vernetzte und aktive Leben, das ihr Bruder heute lebt, hätte er selbst niemals für möglich gehalten.

Vor Fällen wie dem in Belgien hatte Irmgard Reichstein immer Angst. Nun ist er eingetreten. Man mag sich nicht ausmalen, wie viele isolierte Taubblinde in Zukunft den Weg der Zwillinge aus Putte gehen werden, weil sie sich keinerlei Vorstellung davon machen können, was für ein Leben möglich ist.

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