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Sterbehilfe : Dosiertes Mitgefühl

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Der Tod kommt unvermittelt: Joan Didion 1977 mit ihrem Mann John Dunne Bild: AP

In Kalifornien regt sich heftiger Widerstand gegen die Zulassung der Sterbehilfe. Der Protest kommt von Politikern beider Lager, Ärztevertretern, Patientenorganisationen und katholischer Kirche.

          Der Tod, schreibt Joan Didion in ihrem jüngsten Buch „The Year of Magical Thinking“, einer bewegenden Auseinandersetzung mit dem Sterben ihres Mannes John Gregory Dunne (siehe auch: Bericht vom Tod: Joan Didion erhält den National Book Award), der Tod eines geliebten Menschen treffe die Hinterbliebenen auch deshalb so unvermittelt und hart, weil das Sterben seit den dreißiger Jahren mehr und mehr aus dem Alltag des Westens verschwunden sei, ausgelagert in Krankenhäuser und Heime, beinahe unsichtbar für die Lebenden.

          Nicht nur sterbe niemand mehr daheim, notiert die Schriftstellerin, der Tod habe durch die Professionalisierung seiner Abwicklung auch alles Selbstverständliche, Familiäre verloren und überfalle die Angehörigen daher mit der Wucht des Beschwiegenen, Unsagbaren, Tabuisierten.

          Toast und warme Brühe

          In einer Mischung aus Erstaunen und Melancholie zitiert Didion aus einem 1922 erschienenen Benimmbuch, in dem ganz selbstverständlich Ratschläge für das Verhalten nach Todesfällen erteilt wurden: Ein Freund der Familie möge der Beerdigung fernbleiben, heiße es dort, um das Haus zu hüten, Feuer zu machen und dafür zu sorgen, daß Toast und warme Brühe serviert werde - Trauernde frören leicht und litten häufig unter Appetitlosigkeit.

          Heutzutage, da das Leben, wie Joan Didion bemerkt, von „der Pflicht beherrscht“ werde, „das Dasein zu genießen“, muß ein solch lebenspraktischer Umgang mit dem Sterben irritierend, beinahe obszön wirken. Er verstößt gegen den Imperativ der guten Laune, gegen die uramerikanische Diktatur des „Have Fun!“, die nirgends brutaler regiert als in Kalifornien, wo Didion und ihr Mann in den siebziger Jahren lebten. Aber mag Kalifornien auch die Weltzentrale der Unterhaltungsindustrie sein, es war stets zugleich ein soziales Labor, ein amerikanischer Seismograph, der nervös auf jede gesellschaftliche Veränderung reagiert, und so ist es wohl kein Zufall, daß derzeit ausgerechnet an der Westküste intensiver über das Sterben diskutiert wird als anderswo in den Vereinigten Staaten. Die Stichworte, die die Debatte beherrschen, sind dieselben, die aus Joan Didions Reflexionen sprechen: Autonomie und Würde.

          Gesetz über Mitgefühl und Wahlfreiheit

          Zum zweiten Mal in wenigen Jahren haben Abgeordnete der Demokratischen Partei dem kalifornischen Landesparlament in Sacramento einen Entwurf für ein Sterbehilfegesetz vorgelegt, das den harmlosen Namen „California Compassionate Choice Act“ trägt (zu deutsch etwa: kalifornisches Gesetz über Mitgefühl und Wahlfreiheit). Die Initiative soll es unheilbar Kranken erlauben, selbst den Zeitpunkt ihres Todes zu bestimmen. Wer nach Diagnose zweier Mediziner weniger als sechs Monate zu leben hat, könnte sich von seinem Arzt ein schnell wirkendes Gift verschreiben lassen, um sich das Leben zu nehmen. Siebzig Prozent der Kalifornier hätten in Umfragen die Idee des ärztlich assistierten Selbstmords unterstützt, behaupten die Initiatoren des Gesetzes, der Abgeordnete Lloyd Levine etwa, der seinen Vorschlag mit den Erfahrungen begründet, die er gemacht hat, als er seine Großmutter an Lungenkrebs sterben sah.

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