18.10.2005 · Vom Ende der Welt bis zu den Anfängen des Universums: Der Physiker Stephen Hawkings verschafft seinen Berliner Zuhörern Einblicke in die astrophysikalische und kosmologische Forschung.
Von Christian SchwägerlWas für eine Show. Zuerst die Opernkritik in „Bild“: „Madame Butterfly“ am Samstag in der Berliner Staatsoper - „interessant, aber es funktionierte nicht“. Dann am Sonntag die Aufzeichnung bei „Beckmann“ in Adlershof - der Gast verkündet das Ende der Welt, wahlweise binnen hundert Jahren (Treibhauseffekt) oder fünf Milliarden Jahren (die Sonne erlischt). Und schließlich ein Auftritt vor vierzehnhundert Studenten und Professoren der Freien Universität Berlin, nicht über das Ende, sondern den Anfang des Universums.
Für ein solches Themenspektrum bedarf es eines sehr intelligenten Mannes, wenn nicht des klügsten Menschen der Welt, wie er mitunter genannt wird, also eines Stephen Hawking. An der Freien Universität wurde ihm ein rhetorischer roter Teppich ausgerollt, in dem sich nur eine einzige Bodenwelle zeigte, als nämlich Präsident Dieter Lenzen den Gast aus Cambridge im „deutschen Oxford“ begrüßte und eher für die Fragwürdigkeit der Aussage als für die ungewollte innerbritische Spitze Gelächter erntete.
Newton - Einstein - Hawking
„Newton - Einstein - Hawking“, in dieser kurzen Genealogie wurde der Kosmologe präsentiert. Das Publikum zeigte sich beeindruckt und zückte ungeniert die Handys zum Fotografieren. Die Aufnahmen mit professionellen Kameras dagegen wurden nach einer Weile verboten, denn ihre Infrarotstrahlen stören die Maschine, mit deren Hilfe der gelähmte Hawking kommuniziert. Der Physiker bedankte sich für den warmen Empfang zur „Einstein Lecture“ mit einem Vortrag, in dem Einstein nicht vorkam, im Gegensatz zum afrikanischen Boshongo-Stamm, dessen Schöpfungsmythos einer von Gott erbrochenen Sonne am Anfang der Betrachtung stand.
Ja, so habe man sich den Anfang aller Dinge einmal vorgestellt, mindestens bis zur klärenden Berechnung des Bischofs Usher, der Schöpfungsakt sei um vier Uhr am 10. Oktober des Jahres 4004 vor Christus vollzogen worden. Aber wie sieht es heute aus, hundert Jahre nach Einsteins Wunderjahr? Hawking setzt an diesem wunden Punkt öffentlichen Wissenschaftsverstehens mit bewundernswerter Ausdauer dazu an, einem breiten Publikum Einblicke in die astrophysikalische und kosmologische Forschung zu verschaffen oder wenigstens einen Eindruck von deren Fragestellungen.
Die Sache ist verzwickt
Sein Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“ hat Beckmann zufolge jeder siebenhundertfünfzigste Mensch zu Hause stehen, doch weil sich nicht alle die Zeit genommen haben, es zu lesen oder gar zu verstehen, legt Hawking nun mit der „Kürzesten Geschichte der Zeit“ nach. Die Sache ist verzwickt. Denn nach dem Anfang der Zeit zu fragen ist Hawkings neueren Erkenntnissen zufolge wegen der Krümmung derselben offenbar so sinnlos wie ein irdisches Örtchen südlich des Südpols zu suchen. Noch offenbarer leben wir in einem von vielen Universen, nur daß unseres den Vorteil hat, nicht schon als Miniuniversum von der Wahrscheinlichkeit verstoßen worden zu sein. Das Paralleluniversum etwa, das ein Mäuseparadies ist, weil in ihm der Mond aus Käse besteht, ist eher unwahrscheinlich.
Unser Universum hat im Gegensatz zu anderen eine kritische Größe erreicht, die es vor dem sofortigen Kollaps schützte. Unklar ist allerdings, ob unser All auf immer wächst oder aber doch kollabiert, irgendwann, wenn die Sonne längst verglüht ist. Mit solchen Aussagen krümmte Hawking die Zeit, denn die Veranstaltung ging früher zu Ende als geplant, und das Publikum lachte beherzt. Was für eine Show.