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Veröffentlicht: 22.08.2007, 13:41 Uhr

Stefan Aust im Interview Wer die RAF verstehen will, muss „Moby Dick“ lesen

Andreas Baader als rasender Kapitän Ahab im Kampf gegen den weißen Wal: Ein Gespräch mit Stefan Aust, dem Autor des Klassikers „Der Baader Meinhof Komplex“, über die führenden Köpfe der RAF und ihre Decknamen, die sie „Moby Dick“ entliehen. Von Frank Schirrmacher und Christian Geyer.

Andreas Baader als rasender Kapitän Ahab, der gegen den großen weißen Wal kämpft: Ein Gespräch mit Stefan Aust, dem Autor des Klassikers „Der Baader Meinhof Komplex“, über die führenden Köpfe der RAF und ihre Decknamen, die sie dem Roman „Moby Dick“ entliehen.

Soeben sind die Urteile zum Mord an Siegfried Buback zur Einsicht freigegeben worden. Die Bundesanwaltschaft stellte darauf ab, dass jede Tat zuvor von den RAF-Leuten gemeinsam besprochen und entschieden wurde, sie unterstellt eine Art Diskursmodell der Schuld. Demgegenüber haben Aussteiger wie Volker Speitel stets das Gegenteil betont: Man sei draußen abhängig von den Befehlen der Inhaftierten gewesen. Was hat es mit diesem Widerspruch auf sich?

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Es ist beides richtig. Die Gefangenen im Hochsicherheitstrakt von Stammheim verkörperten für die Terroristen der zweiten und dritten Generation die RAF - sie waren die RAF. Ihr Wunsch war den anderen Befehl. Sie verlangten von den Kommandos draußen, befreit zu werden, um jeden Preis. Sie drohten sogar damit, den Nachfolgegruppen den Namen RAF zu entziehen. Operativ waren die Gruppen draußen selbständig. Sie konnten Entscheidungen fällen, Abläufe absprechen, Morde und Entführungen planen. Wobei deutlich sein muss, dass eine ähnliche Kommandostruktur, wie sie in der Anfangsphase von Baader und Ensslin dominiert wurde, bei der nächsten Generation ebenfalls vorhanden war. Ich denke, die entscheidende Figur im Deutschen Herbst war Brigitte Mohnhaupt. Nach dem Selbstmord von Ulrike Meinhof war sie nach Stammheim verlegt worden, im Hochsicherheitstrakt wurde sie von den RAF-Gründern geradezu systematisch auf ihre neue Rolle vorbereitet.

"Spiegel"-Chefredakteur Stefan Aust © picture-alliance/ dpa/dpaweb Vergrößern „Ich habe eine Menge darüber gelernt, wie der Mensch in den Wahn gelangt”: Stefan Aust

Ihr Buch „Der Baader Meinhof Komplex“ ist zu einem Standardwerk geworden. Es liegt auch dem Film „Die RAF“ zugrunde, den Bernd Eichinger gerade dreht und der 2008 im Kino laufen wird. Woher rührt Ihr jahrelanges Interesse für die RAF?

Dass ich mich so intensiv mit dem Terrorismus beschäftigt habe, hat biographische Gründe. Ich bin in Stade zur Schule gegangen und habe dort zusammen mit Wolfgang Röhl, dem jüngeren Bruder von Klaus Rainer Röhl, eine Schülerzeitung gemacht. Klaus Rainer Röhl war damals Herausgeber von „Konkret“ und mit Ulrike Meinhof verheiratet. Beide habe ich noch während meiner Schulzeit kennengelernt. 1966, sofort nach dem Abitur, bin ich dann selbst zu „Konkret“ gegangen, keineswegs weil ich extrem links war - ich war nicht linker als viele andere meiner Generation -, sondern einfach deshalb, weil ich Zeitung machen wollte. Bei „Konkret“ bin ich sehr vielen Leuten begegnet, die dann in der Studentenbewegung eine Rolle spielten. Einige von ihnen sind später auch in der RAF gelandet. Ich war drei Jahre bei „Konkret“ und habe danach für den NDR gearbeitet.

Haben Sie auch Baader und Ensslin persönlich gekannt?

Nein, die beiden habe ich nie kennengelernt. Aber außer der Meinhof kannte ich etwa Horst Mahler, Jan-Carl Raspe sowie die damaligen Anwälte Hans-Christian Ströbele und Otto Schily. Mein allererster Beitrag für den NDR war übrigens ein Film über Ulrike Meinhof. Danach habe ich mich fünfzehn Jahre mit dem Thema beschäftigt. Immer wieder hat man mich losgeschickt, um dazu Beiträge zu machen - über die Haftbedingungen etwa, über Probleme, die mit Geheimdiensten zusammenhingen, 1975 zum Überfall auf die Botschaft in Stockholm oder zu Stammheim. Und dann wollte ich es ganz genau wissen und habe zu Anfang der Achtziger drei Jahre lang nichts anderes gemacht, als für das Buch „Der Baader Meinhof Komplex“ zu recherchieren, das schließlich 1985 erschien. Als ich für das Buch recherchierte, haben viele Kollegen gemeint, das will doch heute niemand mehr wissen.

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