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Staunen über den Vatikan Was steht in Williamsons Akte?

02.02.2009 ·  Der Lefebvre-Bischof Williamson war auf der ganzen Welt als Holocaust-Leugner bekannt, nur in Rom angeblich nicht. Benedikt XVI. gefährdet mit seinem Vorgehen im Falle der Pius-Bruderschaft die Autorität des Konzils. Der Vergleich mit einem ähnlichen Fall unter seinem Vorgänger Pius XI. verstärkt diesen Eindruck noch.

Von Patrick Bahners
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Das weltweite Kopfschütteln über die Umstände, unter denen Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation der vier 1988 von Erzbischof Marcel Lefebvre geweihten Bischöfe aufgehoben hat, dauert an. Jede Mitteilung über die bürokratische Innenseite des Vorgangs bietet neuen Grund zum Staunen. Ungläubig hat man vernommen, dass der federführende Kurienkardinal, der Kolumbianer Darío Castíllon Hoyos, wissen ließ, ihm sei nicht bekannt gewesen, dass es sich bei einem der vier Begünstigten des päpstlichen Dekrets, dem Engländer Richard Williamson, um einen Holocaust-Leugner handelt.

Dazu ist zu sagen, dass diese Tatsache niemandem, der sich überhaupt mit Bischof Williamson beschäftigte, unbekannt geblieben sein kann. Die Holocaust-Leugner bilden ihre eigene Weltkirche, eine diabolische Travestie der universalen Kirche des Geistes. Sie sehen sich als Hüter der von der Welt geleugneten Wahrheit und kommunizieren, da sie überall, wo sie sich hervorwagen, strafrechtlich verfolgt oder wenigstens sozial geächtet werden, im Internet. Auf den einschlägigen Seiten der antisemitischen Fanatiker wird Williamson seit Jahren als Kronzeuge zitiert. So soll er schon 1989 in einer Predigt in einer der Muttergottes von Lourdes geweihten Kirche in Kanada den Holocaust als „Lügen, Lügen, Lügen“ bezeichnet haben. Wäre dieses Sakrileg nicht Grund genug gewesen, Williamson von der Aufhebung der Exkommunikation auszuschließen?

Grund zu äußerster Vorsicht

Den ebenfalls gern von den Judenhassern zitierten Satz des Bischofs, Gott habe den Menschen, wenn sie die Wahrheit wissen wollten, die „Protokolle der Weisen von Zion“ in die Hände gelegt, findet man bis heute in der Serie der Pastoralbriefe Bischof Williamsons auf der Seite der kanadischen Sektion der Bruderschaft. Auf diese Exzesse angesprochen, die innerhalb der weltweit verstreuten, aber zahlenmäßig überschaubaren Pius-Gemeinde nicht unbekannt bleiben konnten, pflegten Williamsons Verteidiger bislang immer zu entgegnen, es handele sich um eine Privatmeinung in einer historischen Frage, die die Lehre der Brüderschaft nicht berühre. Es ist eine der erschreckenden Einzelheiten der Angelegenheit, dass die allererste Äußerung des Papstsprechers Lombardi, die Exkommunikation habe mit den Ansichten Williamsons nichts zu tun, als vatikanische Approbation dieser Apologetik verstanden werden konnte.

Das Interesse der Bruderschaft, die Holocaust-Leugnung Williamsons zu leugnen oder kleinzureden, liegt auf der Hand. Die vier Bischöfe sind die Überlebensgarantie der Lefebvre-Sekte. Dass die Weihen von 1988 gültig sind und weitergegeben werden können, hat die Bruderschaft überhaupt nur in die Lage gebracht, mit dem Papst zu verhandeln. In der säkularen Öffentlichkeit, die die Zahlen nebeneinanderlegt (Pius-Bruderschaft: 600 Priester, katholische Kirche: 408.000 Priester), wird das Gewicht der allein durch die Existenz der vier Bischöfe gegebenen schismatischen Gefahr für die Urteilsbildung des Papstes wahrscheinlich unterschätzt. Die apostolische Sukzession, die ununterbrochene Weitergabe der Bischofsweihe seit den Aposteln, ist für das Selbstverständnis der Kirche konstitutiv. Seit 1988 steht das Gespenst einer Gegenkirche im Raum. Die Einheit der Kirche würde durch eine Abspaltung unter bischöflicher Führung ganz anders beschädigt als durch den Abfall Luthers. Aber die starke Position, die die Tatsache der Weihe den vier Lefebvre-Bischöfen gibt, müsste für Rom Grund sein, in den Verhandlungen mit äußerster Vorsicht vorzugehen.

Zuspitzung eines Geschichtsbildes

Das Weltbild Bischof Williamsons bildete für die Pius-Bruderschaft, soziologisch betrachtet, eine tödliche Gefahr. Die katholische Kirche könnte einen Kriminellen unter ihren Bischöfen (2008: 4841) relativ leicht aus dem Verkehr ziehen. Doch man stelle sich vor, die Pius-Bruderschaft wäre genötigt, Bischof Williamson auszuschließen: ein Viertel des Episkopats! Warum hat der Papst diesen Ausschluss nicht zur Bedingung der Versöhnung mit der Bruderschaft gemacht? Bei Williamsons notorischen Ansichten handelt es sich eben nicht um eine Privatsache, sondern um die wahnhafte Zuspitzung eines Geschichtsbildes, das für die Getreuen Marcel Lefebvres charakteristisch ist.

Die 1988 von Johannes Paul II. eingesetzte päpstliche Kommission Ecclesia Dei dient ausschließlich dem Zweck, die mit der Lefebvre-Bewegung gegebene schismatische Gefahr abzuwenden. Kardinal Hoyos präsidiert der Kommission seit 2000, seit 2006 ist er nicht mehr Präfekt der Kleruskongregation. Ohne Ablenkung konnte er sich der Aufgabe der Wiedereingemeindung der Pius-Brüder widmen, die er dem Vernehmen nach vor seinem Eintritt ins Kurienpensionsalter von achtzig Jahren vom Tisch bekommen wollte. Was steht in der Akte der Kommission über Bischof Williamson, wenn dort wirklich keine seiner Einlassungen zur jüdischen Weltverschwörung abgeheftet ist? Es muss diese Akte geben, denn die Bruderschaft ist für alle kirchenpolitischen Zwecke nun einmal mit den vier Bischöfen identisch. Kann man glauben, dass Kardinal Hoyos nicht wusste, wer Williamson ist? Kann es sein, dass es in der Kurie kein Internet gibt?

Kontrast zwischen 1928 und 2008

Immerhin kennt die jüngere Kirchengeschichte einen ähnlich bizarren Fall des bösen Erwachens eines kurialen Bürokraten. Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf widmet ihm ein Kapitel seines jüngsten Buches „Papst & Teufel. Die Archive des Vatikan und das Dritte Reich“. 1928 löste Pius XI. eine kirchliche Vereinigung namens „Amici Israel“ auf. Diese Freunde des jüdischen Volkes, darunter zahlreiche Kardinäle und Bischöfe, hatten sich zusammengeschlossen, um für die Bekehrung der Juden zu beten. Vergeblich setzte sich die Vereinigung für eine Neufassung der Karfreitagsfürbitte über die Juden ein. Nicht nur wurde der Antrag, antisemitisch klingende Wendungen dieses Formulars zu ändern, zurückgewiesen; der Verein wurde verboten, auf Betreiben des Sekretärs des Heiligen Offiziums, Kardinal Merry del Val. Wie hatte der Großinquisitor von den Absichten der Israelfreunde erfahren? Aus der Einladung zur Jahresversammlung der Vereinigung, deren Mitglied er war.

Auch jenseits der bürokratischen Posse ist die Episode von 1928 instruktiv. Wie Wolf aus den Akten nachweist, ließ sich Pius XI. in der Abwicklung der wegen der Verwicklung hochrangiger Prälaten delikaten Angelegenheit von der Maxime leiten, in der weltlichen Öffentlichkeit dürfe auf keinen Fall der Eindruck entstehen, der Papst bekräftige einen kirchlichen Antisemitismus. In diesem Sinne wurde das Verbotsdekret redigiert - und deshalb, so Wolfs These, enthält es die Verdammung jenes Hasses, „den man heute mit dem Namen ,Antisemitismus' zu bezeichnen pflegt“. Der Kontrast zwischen 1928 und 2008 ist erstaunlich: Die Rücksicht auf die Empfindlichkeiten der Weltöffentlichkeit, die Pius XI. vor dem Holocaust walten ließ, war für Benedikt XVI. allem Anschein nach keinen Gedanken wert.

„Zeitbomben des Konzils“

Bis heute macht der Ratti-Papst in den Geschichtsbüchern eine gute Figur, weil er fünf Jahre vor 1933 den Antisemitismus verdammte. Wolf legt allerdings dar, dass in der kirchlichen Kommentierung des Dekrets ein schlechter, biologischer von einem guten, theologischen Antisemitismus getrennt wurde. Erst das Zweite Vatikanische Konzil brachte mit der Erklärung Nostra Aetate die Wende.

Heute könnte Merry del Vall sein Missgeschick nicht mehr passieren. Eine Gebetsvereinigung zur Bekehrung der Juden unter kurialem Patronat ist undenkbar geworden. Nur noch in der lateinischen Karfreitagsfürbitte in der von Benedikt XVI. revidierten Version wird diese Gebetsintention noch ausgesprochen. Irreführend schreibt Wolf, das Konzil spreche statt von der Bekehrung von „einem eigenen Heilsweg der Juden“. Dieser Heilsweg soll nach dem Wortlaut von Nostra Aetate in der Annahme des Glaubens an Christus enden: Die Kirche „erwartet den Tag, der nur Gott bekannt ist, an dem alle Völker mit einer Stimme den Herrn anrufen und ihm ,Schulter an Schulter' dienen“. Der jüdisch-katholische Dialog wird also auch dadurch erschwert, dass man sich jüdischerseits auf eine irrige katholische Konzilsdeutung berufen kann, wenn man daran Anstoß nimmt, dass der Papst an der eschatologischen Hoffnung auf die endgültige Bekehrung der ganzen Menschheit festhält.

Auf einem anderen Blatt, nämlich auf dem Standpunkt des christlichen Antisemitismus von 1928, stehen Verlautbarungen der Priesterbruderschaft St. Pius X. In einem zuletzt 2008 nachgedruckten Aufsatz des deutschen Oberen Franz Schmidberger erscheint die Erklärung zu den Juden unter den „Zeitbomben des Konzils“. Ausdrücklich verwirft der Aufsatz die in Nostra Aetate ausgesprochene Verdammung des Gottesmordvorwurfs. Juden seien Gottesmörder, solange sie sich nicht bekehrten. Benedikt XVI. hat von den wieder in die Kirchengemeinschaft aufgenommenen Bischöfen nicht den Widerruf dieser Aufrufe zum Ungehorsam gegenüber dem Konzil verlangt. Er hat sich seine Zeitbombe selbst gebastelt.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Feuilleton.

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