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Statusangst : Die inszenierte Mittelschichtspanik

Tendenz absteigend: Die sogenannte Mittelschicht schrumpft, behauptet die DIW-Studie Bild: Dieter Rüchel

Angestoßen durch eine Wissenschaft, die ins Fernsehen will: Die Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung über eine angeblich schrumpfende Mittelschicht ist soziologisch wertlos.

          Um herauszufinden, welchen Steuersatz man zahlt, braucht man keinen Soziologen. Aber wissen Sie beispielsweise, welcher Schicht Sie angehören? Die allermeisten werden ratlos sein - Ist „Angestellter“ eine Schicht? Ist Rentner eine? -, aber sie werden jedenfalls wissen, dass sie nicht Teil der Oberschicht sind. Oder aber sie ordnen sich der Mittelschicht zu. Da die allermeisten sich dann aber trotzdem in ziemlich vielen Dimensionen von einander unterscheiden, wäre damit zunächst noch wenig gesagt. Jedenfalls dann nicht, wenn „Schicht“ mehr meinen soll als den Steuersatz.

          Der angehende Studienrat ist Mitglied der Oberschicht

          Lange meinte Schicht soziologisch auch tatsächlich mehr. Es wurden den Schichten Berufsauffassungen, Konsumstile oder Erziehungsideale zugeordnet, ihren Angehörigen gemeinsame Interessen und vergleichbare Einstellungen, beispielsweise politische Überzeugungen oder Ambitionen für ihre Kinder.

          So sieht das DIW die Lage: Im vergangenen Jahr hatten noch 61,5 Prozent der Menschen mittlere Nettoeinkommen zwischen 860 und 1844 Euro
          So sieht das DIW die Lage: Im vergangenen Jahr hatten noch 61,5 Prozent der Menschen mittlere Nettoeinkommen zwischen 860 und 1844 Euro : Bild: dpa-infografik

          Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat jetzt festgestellt, dass die Mittelschicht - die „sogenannte Mittelschicht“ heißt es an einer Stelle, in der Überschrift aber fällt der Vorbehalt ebenso weg wie sonst im Text - in diesem Land schrumpft. Das einzige Kriterium für Schichtung war dabei das Nettoeinkommen. Zur Mittelschicht wurden Haushalte gerechnet, die über mindestens 70 Prozent und über nicht mehr als 150 Prozent des mittleren Einkommens verfügen. Der kritische Wert nach unten waren dafür 2005 - im preisbereinigten Basisjahr der Studie - 860 Euro Monatsnetto, der kritische Wert nach oben 1844 Euro. Addiert man darauf noch die geringfügige Veränderung des Preisniveaus seit 2005, ergeben sich die gegenwärtigen Eintritts- und Austrittsgrenzen aus der Mittelschicht.

          Abenteuerliche Befunde

          Wer so misst, für den sind dann beispielsweise angehende Studienräte in Deutschland, sofern sie allein leben, Mitglieder der Oberschicht. Dort fände er sich dann mit Verfassungsrichtern, Eishockeyspielern und Lena wieder. Oder Haushalte, in denen die Frau im Krankenhaus Stationsschwester ist und der Mann eine KfZ-Werkstatt im Zweimannbetrieb hat: Oberschicht. Anderseits gehören viele Studenten, sofern sie nur studieren, nach diesen Kriterien zur Unterschicht (Einkommen aus der Schattenzone der Wirtschaft gehen naturgemäß nicht in die Schichtungsdiagnose ein).

          Wie kommt es zu solchen zumutungsreichen Einteilungen? Dass sie als Befund über Schichten abenteuerlich sind, gibt die Studie insofern selbst zu, als sie zwar vom Schrumpfen der Mittelschicht redet - nur noch 61,5 Prozent der Haushalte gehören dazu, nicht mehr 64 Prozent wie noch vor zehn Jahren. Eine Zunahme der Oberschicht hingegen behauptet sie nicht, sondern belässt es bei der Bezeichnung „hohe Einkommen“, wenn sie das Wachstum dieser „oberen Gruppe“, wie der Lena-Studienrat-Jo Ackermann-Komplex dann auch verlegen genannt wird, festhält. Auch die Soziologen trauen sich also nicht, dem KfZ-Mechaniker und dem Studienrat die Schichtung auf den Kopf - und gewissermaßen aus dem Steuersatz beziehungsweise der Besoldungstabelle gelesen - zuzusagen.

          Manche Modelle kennen ein gutes Dutzend Schichten

          Was für eine Art von Soziologie zeigt sich in dieser Forschung? Schichtungstheorien gibt es seit langem eigentlich nur in zwei Varianten. Die eine kennt zwei Schichten, die andere drei. Die eine sieht im Verhältnis von Arbeit und Kapital den Gegensatz von Arbeitern und Kapitalisten. Alle weiteren Schichten - der Adel, das Bürgertum, die Bauern oder was man sich sonst noch so als Schicht vorstellen mag - lösen sich in diesem Modell über kurz oder lang in jener Dichotomie von „unten“ und „oben“ auf. Am Ende steht ein Konflikt und, bei Marx und allen seinen Nachfolgern, die Erwartung, mit der Entscheidung dieses Konflikts entfalle dann Schichtung überhaupt.

          Das Dreiermodell hingegen kennt die Ober-, die Unter- und die Mittelschicht. Auch hier kann man sich weitere Differenzierungen vorstellen: die obere Unterschicht, das mittlere Beamtentum, die Facharbeiter oder das Kleinbürgertum. Manche Modelle kennen ein gutes Dutzend Schichten, woran man schon sieht, dass es in ihnen mit dem Klassenkampf nichts wird. Entscheidend ist hier die Dreierstruktur. Denn sie findet in der Mitte, die darum auch zu einem politisch attraktiven Begriff geworden ist, die Ausgleichszone für extreme Positionen.

          Verschleierung von Konflikten

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