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Statusangst Die inszenierte Mittelschichtspanik

17.06.2010 ·  Angestoßen durch eine Wissenschaft, die ins Fernsehen will: Die Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung über eine angeblich schrumpfende Mittelschicht ist soziologisch wertlos.

Von Jürgen Kaube
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Um herauszufinden, welchen Steuersatz man zahlt, braucht man keinen Soziologen. Aber wissen Sie beispielsweise, welcher Schicht Sie angehören? Die allermeisten werden ratlos sein - Ist „Angestellter“ eine Schicht? Ist Rentner eine? -, aber sie werden jedenfalls wissen, dass sie nicht Teil der Oberschicht sind. Oder aber sie ordnen sich der Mittelschicht zu. Da die allermeisten sich dann aber trotzdem in ziemlich vielen Dimensionen von einander unterscheiden, wäre damit zunächst noch wenig gesagt. Jedenfalls dann nicht, wenn „Schicht“ mehr meinen soll als den Steuersatz.

Der angehende Studienrat ist Mitglied der Oberschicht

Lange meinte Schicht soziologisch auch tatsächlich mehr. Es wurden den Schichten Berufsauffassungen, Konsumstile oder Erziehungsideale zugeordnet, ihren Angehörigen gemeinsame Interessen und vergleichbare Einstellungen, beispielsweise politische Überzeugungen oder Ambitionen für ihre Kinder.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat jetzt festgestellt, dass die Mittelschicht - die „sogenannte Mittelschicht“ heißt es an einer Stelle, in der Überschrift aber fällt der Vorbehalt ebenso weg wie sonst im Text - in diesem Land schrumpft. Das einzige Kriterium für Schichtung war dabei das Nettoeinkommen. Zur Mittelschicht wurden Haushalte gerechnet, die über mindestens 70 Prozent und über nicht mehr als 150 Prozent des mittleren Einkommens verfügen. Der kritische Wert nach unten waren dafür 2005 - im preisbereinigten Basisjahr der Studie - 860 Euro Monatsnetto, der kritische Wert nach oben 1844 Euro. Addiert man darauf noch die geringfügige Veränderung des Preisniveaus seit 2005, ergeben sich die gegenwärtigen Eintritts- und Austrittsgrenzen aus der Mittelschicht.

Abenteuerliche Befunde

Wer so misst, für den sind dann beispielsweise angehende Studienräte in Deutschland, sofern sie allein leben, Mitglieder der Oberschicht. Dort fände er sich dann mit Verfassungsrichtern, Eishockeyspielern und Lena wieder. Oder Haushalte, in denen die Frau im Krankenhaus Stationsschwester ist und der Mann eine KfZ-Werkstatt im Zweimannbetrieb hat: Oberschicht. Anderseits gehören viele Studenten, sofern sie nur studieren, nach diesen Kriterien zur Unterschicht (Einkommen aus der Schattenzone der Wirtschaft gehen naturgemäß nicht in die Schichtungsdiagnose ein).

Wie kommt es zu solchen zumutungsreichen Einteilungen? Dass sie als Befund über Schichten abenteuerlich sind, gibt die Studie insofern selbst zu, als sie zwar vom Schrumpfen der Mittelschicht redet - nur noch 61,5 Prozent der Haushalte gehören dazu, nicht mehr 64 Prozent wie noch vor zehn Jahren. Eine Zunahme der Oberschicht hingegen behauptet sie nicht, sondern belässt es bei der Bezeichnung „hohe Einkommen“, wenn sie das Wachstum dieser „oberen Gruppe“, wie der Lena-Studienrat-Jo Ackermann-Komplex dann auch verlegen genannt wird, festhält. Auch die Soziologen trauen sich also nicht, dem KfZ-Mechaniker und dem Studienrat die Schichtung auf den Kopf - und gewissermaßen aus dem Steuersatz beziehungsweise der Besoldungstabelle gelesen - zuzusagen.

Manche Modelle kennen ein gutes Dutzend Schichten

Was für eine Art von Soziologie zeigt sich in dieser Forschung? Schichtungstheorien gibt es seit langem eigentlich nur in zwei Varianten. Die eine kennt zwei Schichten, die andere drei. Die eine sieht im Verhältnis von Arbeit und Kapital den Gegensatz von Arbeitern und Kapitalisten. Alle weiteren Schichten - der Adel, das Bürgertum, die Bauern oder was man sich sonst noch so als Schicht vorstellen mag - lösen sich in diesem Modell über kurz oder lang in jener Dichotomie von „unten“ und „oben“ auf. Am Ende steht ein Konflikt und, bei Marx und allen seinen Nachfolgern, die Erwartung, mit der Entscheidung dieses Konflikts entfalle dann Schichtung überhaupt.

Das Dreiermodell hingegen kennt die Ober-, die Unter- und die Mittelschicht. Auch hier kann man sich weitere Differenzierungen vorstellen: die obere Unterschicht, das mittlere Beamtentum, die Facharbeiter oder das Kleinbürgertum. Manche Modelle kennen ein gutes Dutzend Schichten, woran man schon sieht, dass es in ihnen mit dem Klassenkampf nichts wird. Entscheidend ist hier die Dreierstruktur. Denn sie findet in der Mitte, die darum auch zu einem politisch attraktiven Begriff geworden ist, die Ausgleichszone für extreme Positionen.

Verschleierung von Konflikten

Hier läuft die Gesellschaft nicht auf einen riesigen Konflikt zu, sondern erscheint als eine, deren soziale Mobilität sich im Bereich des unauffälligen Lebens zuträgt: als Aufstieg von Arbeitern, als Hinwendung größter Teile des Adels zum bürgerlichen Berufsleben, als Bildungsaufstieg, aber auch als damit kombinierbare wirtschaftliche Abwärtsmobilität, wenn etwa die Kinder von selbständigen Metzgern Sozialpädagogik studieren, dadurch aber die Mittelschicht weder nach oben noch nach unten verlassen. Schichtung und Einkommen sind eben nur lose verbunden.

Aus der Sicht dieses Dreischichten-Modells ist die Zweischichten-Welt eine Welt unvollständiger Modernisierung, eine Entwicklungsländerwelt etwa, in der sich Unterschichten und Großgrundbesitz gegenüberstehen und es an Bürgertum fehlt. Aus der Sicht des Zweischichten-Modells ist die Dreischichten-Welt eine der bürgerlichen Illusionen oder, noch giftiger, der Verschleierung von Konflikten. Die Anhänger der Mittelschicht würden sagen: Das Zweischichten-Modell vereinfacht zu Kampfzwecken. Die Anhänger des Klassenkampfs würden sagen: Die kapitalistische Gesellschaft selbst bringt diese Vereinfachung hervor.

Stabilisierende Wirkung der Mittelschicht?

Die Studie des DIW ist gewissermaßen der strategische Kompromiss beider Modelle. Sie entspricht der grimmigen Freude eines Marxisten, der sich Zahlen für die Behauptung zurechtgelegt hat, dass der Soziologe Helmut Schelsky mit seiner These von der nivellierten Mittelstandsgesellschaft der Bundesrepublik - es ging damals um die fünfziger Jahre, die ziemlich viel an Einkommenspolarisierung, sprich: Lohnzurückhaltung kannten - am Ende unrecht behält.

Von der „stabilisierenden Wirkung einer breiten Mittelschicht“ spricht auch die DIW-Studie, um dann aber aus einer Veränderung von 2,5 Prozent in zehn Jahren, in die auch Entwicklungen wie die Zunahme der Single-Haushalte eingehen, schon Warnmeldungen abzuleiten, womöglich sei die soziale Kohäsion gefährdet. Die These lautet: Wir hätten ja so gern die Schelsky-Welt, aber der Kapitalismus hat etwas dagegen. Oder noch einmal anders formuliert: CDU und FDP wollen euch die Mittelschicht wegnehmen.

Messideologisch angerichtete Konfusion

Eine Variante diese Denkart liegt in der Behauptung, die Mittelschicht wirke an ihrem Abstieg selbst mit, indem sie sich selbst irrtümlicherweise zu den Vermögenden rechne und aufgrund dieser Illusion falsch, nämlich gegen ihre Interessen, wähle. Wie jetzt? Gehört der Studienrat nun doch nicht zur Oberschicht, sondern bildet sich das nur ein? Dann ist die Mittelschicht aber vielleicht gar nicht geschrumpft; man müsste ihn und seines(Einkommens)gleichen erst noch dazuzählen. Oder gehört er dazu? Wieso hat er dann aber falsch gewählt?

Was am oberen Ende der Mittelschicht eine messideologisch angerichtete Konfusion ist, führt am unteren Ende zu sozialer Verblendung. Der Abstand der unteren zur mittleren Einkommensgruppe, weiß die DIW-Studie mitzuteilen, ist zwischen 2008 und 2009 um 27 Euro im Monat gestiegen. Aber was sind diese 27 Euro, wenn man sie mit den Folgen einer einzigen Gesetzesnovelle im Unterhaltsrecht oder mit der Entwicklung von Hypothekenzinsen vergleicht? Nicht, dass es keine Unverschämtheiten in den Bereicherungszonen der Wirtschaft gäbe. Nicht dass 27 Euro wenig wären für jemand, dem das Wasser am Hals steht. Aber dass über Lohnverhandlungen oder Steuersätze Schichtung verändert werden könnte, ist selbst eine unverschämt ahnungslose Behauptung.

Statusangst allein genügt nicht

Noch unverschämter ist nur, was die Autoren am Ende der Studie machen. Sie warnen vor Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhass, die sich aus Statusängsten der Mittelschicht ergeben könnten. Und verweisen an dieser Stelle auf das Buch „Deutsche Zustände, Folge 8“ des Bielefelder Pädagogen Wilhelm Heitmeyer. Just die darin enthaltenen Studien aber geben keinen signifikanten Hinweis auf mehr Fremdenfeindlichkeit als Folge der jüngsten Wirtschaftskrisen. Nicht einmal für Statuspanik. Von Mittelschichten ist in ihnen überhaupt nicht die Rede.

Das komplettiert das Bild der Soziologie, mit der wir es hier zu tun haben. Gewissenhaftes Messen und Durchdenken eines Begriffes wie „Schicht“ würde einfach zu keiner Berichterstattung führen. Und da man bei Heitmeyer liest, dass die Leute in der Krise für die Gesellschaft pessimistisch, für sich selbst aber relativ zuversichtlich sind, besteht doppelte Sorge: Selbst die Statusangst, die man der Mittelschicht, also den Adressaten der entsprechenden Berichterstattung, einreden will, scheint nicht anzukommen. Also legt man noch ein bisschen Fremdenfeindlichkeits-Prognose oben drauf.

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