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Stammzell-Debatte : Der Preis ist heiß: Deutschland sucht den Stichtag

Auf Stammzellen konzentrieren sich viele Hoffnungen der Medizin Bild: picture-alliance/ dpa

Die Abgeordneten debattieren im Bundestag über das Stammzellgesetz: Soll der Stichtag beibehalten oder, wie Forschungsministerin Annette Schavan es will, verschoben werden? Wohin zieht die ethische Wanderdüne?

          Haben, haben, haben. Oder: Man kann nicht alles auf einmal wollen. Oder: Alles hat seinen Preis. So lautet wahlweise der Titel des Stücks, das heute im Bundestag gegeben wird. Es geht um die Aussprache übers Stammzellgesetz, um die Frage, ob der bestehende Stichtag für verbrauchende Embryonenforschung erhalten, verschoben oder wegfallen soll. Debattiert werden einander mehr oder weniger widersprechende Anträge. Welche Preispolitik verfolgen sie? Wer von ihnen verdirbt die ökonomischen Preise, wer die ethischen? Auf Fragen dieser Art läuft heute eine Generaldebatte zu, die zuletzt „an Schärfe zugenommen hat“ (DFG-Präsident Matthias Kleiner).

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Da die Verfechter der totalen Freigabe, also der Streichung des Stichtags, in puncto Stammzelle kein ethisches Problem sehen, brauchen sie auch keins zu lösen. Sie drehen den Spieß herum und sagen: Der Staat ist es, der zur Rechenschaft zu ziehen sei, wenn er nicht per Streichung des Stichtags dafür Sorge trage, „möglicherweise“ an der Linderung schwerer Krankheiten mitzuwirken. Mit anderen Worten: Es gibt, was die zur Stammzellnutzung erforderliche Tötung von Embryonen angeht, keine ethische Lösung, weil es kein ethisches Problem gibt. Teilt man diese Prämisse, läuft der Antrag rund. Er sagt: Der Preis ist nicht heiß - und lässt nassforsch forschen.

          Die Frische-Forderung ließe sich täglich neu stellen

          So ließe sich die Debatte beenden, noch bevor sie angefangen hat. Allein, die Prämisse der Stichtagstreicher wird nicht von allen im Bundestag geteilt. Die meisten Abgeordneten sind der Ansicht: Der Preis ist heiß. Sie sehen in der Embryonenvernichtung ein ethisches Problem und pochen daher auf Redezeit. Am meisten haben, haben, haben, am meisten alles will jener Antrag, der die Stichtagregelung „einmalig“ von 2002 auf 2007 ausweiten und dies als den „Ritt durchs Dilemma“ (Annette Schavan) zugleich ethisch schmackhaft machen will. Der entsprechende Antrag klemmt sich hinter das Argument, die Forschung brauche, um Alternativen zur embryonalen Stammzellforschung zu finden, „frische“ Stammzellware.

          Bundestag : Diskussion um Stammzellenforschung

          Das Frische-Ware-Argument lässt sich nun aber schlechterdings nicht in Einklang bringen mit dem Versprechen, den Stichtag nur „einmal“ verschieben zu wollen. Wer auf „frische Ware“ setzt, für den gilt: einmal den Stichtag verschieben, immer wieder den Stichtag verschieben. Denn die Frische-Forderung ist eine solche, die sich nur täglich neu stellen lässt - oder gar nicht. Die Ware, die 2008 noch als frisch gilt, wird es naturgemäß 2009 nicht mehr sein, erst recht nicht 2010, 2011 oder 2012. Wie sollte es - bei grundsätzlicher Akzeptanz des Frische-Ware-Arguments - da nicht spätestens 2013 zur nächsten „einmaligen“ Stichtagverschiebung kommen? Warum braucht der Gesetzgeber dann aber überhaupt noch einen Stichtag, wenn er ihn nach Bedarf ohnehin immer wieder verschiebt? Die Forschungsministerin sieht sich dem Vorwurf der ethischen Wanderdüne ausgesetzt. Man kann, wie es aussieht, nicht frisch und einmalig zugleich auftreten.

          Zahlt man zuletzt nicht doch einen ethischen Preis?

          Was Schavans Antrag so unfrei macht, ist, dass er es vermeidet, die Preise klar zu beziffern. Er tut geradezu so, als gebe es hier gar keine festgesetzten Preise, als befinde man sich in einem Ausnahmezustand, in dem die Preise erst noch ausgehandelt werden müssten. Das macht die Faszination des Begriffs Dilemma für seine Verfechter aus. Dabei haben wir es, sobald sich der Dilemma-Nebel lichtet, mit zwei klar erkennbaren Preissorten zu tun: einem ethischen und einem ökonomischen Preis. Alles, was man zu tun hat, ist, sich zu entscheiden, welchen der beiden Preise man entrichten möchte. Das sei zu einfach gedacht? Warum? Nichts hindert die deutschen Bundestagsabgeordneten, für ihr Land bei einer Stichtagregelung zu bleiben, die es im Ausland nicht gibt. Nichts - außer den ökonomischen Kosten, die anfallen, wenn man in der Stammzellfrage seine ethischen Einwände von 2002 auch 2008 ernst nimmt und auf die internationale Anschlussfähigkeit pfeift.

          Aber zahlt man, wenn man so abstimmt, zuletzt nicht doch einen ethischen Preis? Würde Deutschland nicht den Weg blockieren, um Alternativen zur embryonalen Stammzellforschung zu finden, und damit ethisch unbedenkliche Heilungs-Chancen verbauen? Nein, denn um solche Alternativen im Ausland zu erforschen, bedarf es weder Deutschlands Zustimmung noch Mitwirkung. Deutschland kann warten - solange seine Abgeordneten bei der Preispolitik bleiben, für die sie sich 2002 entschieden haben.

          Quelle: F.A.Z., 14.02.2008, Nr. 38 / Seite 31

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