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Staatsressource Privatvermögen : Sagt die Wahrheit!

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Fordert eine Seite Eigenkapitalerhöhung, antwortet die Gegenseite mit einer Rede von Josef Ackermann: die Deutsche Bank in Frankfurt Bild: Reuters

Was sich gegenwärtig Politik nennt, ist das Weiterreichen von Zeitbomben. Den europäischen Regierungen bleibt als letzte Ressource nur das Privatvermögen ihrer Bürger.

          Meine französischen Großeltern bewahrten eine Staatsanleihe auf, unter Glas. Sie war grün und trug das Siegel des Zaren. Irgendein Urahn hatte seine hart verdienten Francs im Vertrauen auf den emerging market im Osten in emprunts russes angelegt und den Titel, der nach 1917 bloß noch ein grünes Blatt war, mit dem Altpapier vererbt. Später hing er auf dem Klo. Der Zinssatz, das Einzige, was der des kyrillischen Alphabets Unkundige auf dem Blatt entziffern konnte, betrug 2,5 Prozent. Es sollte also konservativ angelegt werden, und wer konnte so eine Philosophie glaubwürdiger verkörpern als der russische Zar, zu jener Zeit, da Lenin noch ein Gerücht unter Cafébesuchern war.

          Dann verschwand das russische Reich vom Radar der Ratingagenturen, und viele Franzosen verloren ihr Vermögen. Wenn es zum historischen Crash kommt, geht alles zugleich unter: das Geld, die Banken, die bürgerliche Gesellschaft, der Staat, sein Oberhaupt und dessen ganze Familie.

          Staat und Finanzsektor erpressen sich gegenseitig

          Darum sind diese Wochen jetzt so nervtötend: Wie Zuschauer eines Tennismatches blicken wir von der Spielhälfte der Staaten zu der Spielhälfte der Banken, Börsen und Versicherungen und wieder zurück und verfolgen, wie sie einander entsicherte Handgranaten zuspielen. Die Konfusion der aktuellen Nachrichtenlage erinnert an die letzten Tage von Enron oder Madoff Securities: Alle Verantwortlichen versuchen panisch, die Komplexität zu erhöhen, um das böse Ende hinauszuzögern, auf dass niemand merke, wie deprimierend schlicht die Wahrheit ist. Der Versuch, die Mittel des ESFS zu erhöhen, gleicht den verzweifelten Bemühungen des späten Michael Jackson, einen Koffer voller Dollarnoten durch die Kräfte von Stierblut oder eines afrikanischen Marabus auf den vielfachen Wert zu hebeln. Es ist moderne Alchimie.

          Man mag darüber sinnieren, wie es so weit kommen konnte, dass den vom Volk gewählten Regierungen solche illegitimen Gegner erwachsen konnten und dass relevante Regierungsberatungen sonntags stattfinden müssen, weil nur dann Ruhe ist vor diesen Börsenhysterikern. Aber das Bedauern über die Macht einer manisch-depressiven Branche, die keinen nennenswerten realwirtschaftlichen Zweck erfüllt und bleibende Werte nur für wenige schafft, ändert nichts an der Lage: Staat und Finanzsektor erpressen sich gegenseitig. Fordert eine Seite todesmutig die Eigenkapitalerhöhung, antwortet die Gegenseite mit der Herabstufung eines Staates oder mit einer Rede von Josef Ackermann - als ob sich der eine Sektor von dem anderen lösen könnte.

          Eine Situation wechselseitig garantierter Zerstörung

          Es gibt keine Staaten mehr, die unabhängig vom Finanzmarkt funktionieren können. Darum sind die verständlichen Wünsche nach einer Zähmung, Einhegung und Enteignung der Geldhändler nicht bald umzusetzen. Der Glaube an den Wert von Papieren und Schuldtiteln, Anleihen und Banknoten, an die Unantastbarkeit des Eigentums und an die Schönheit des Reichtums gehört zu unserem Betriebssystem. All diese Ansprüche sind rechtlich geschützt. Nur Operettenstaaten können übers Wochenende eine neue Währung erfinden und alle alten Zahlungsmittel zu Altpapier erklären, um neu durchzustarten. Aber wahr ist auch: Ohne Staat gibt es überhaupt kein Geld. Goldman Sachs mag zwar die Welt regieren - aber Geld drucken dürfen sie nicht, das kann nur ein Staat. Kein Wunder, dass sie immer mal wieder versuchen, sich einen zu kaufen.

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