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Sachbücher des Jahres

Staat und Familie in Pakistan Von Onkels und Regenten

Wenn der Staat nichts bieten kann, sorgt der Clan für die Absicherungen des Lebens: Wie das Family System in Pakistan funktioniert.

© AP Vergrößern Arbeit, Sport und Spiel, die Familie macht mobil: auch bei diesem Tuchfärber aus Peschawar mit seiner Tochter und deren Freundin.

Bei den Parlamentswahlen in Pakistan ist die Partei des ehemaligen Cricketspielers Imran Khan (PTI) zur zweitstärksten Kraft geworden. Die Bekämpfung des Nepotismus ist ein zentraler Punkt ihres Programms, Parteiämter sollen durch Abstimmungen und nicht als Gunstbezeigung vergeben werden. Eine ganz neue Mode im politischen System Pakistans, das wie die Wählerschaft selbst auf Familien- und Clanbeziehungen setzt.

Pakistan besitzt eine witzige, vitale und bei allem Chaos erstaunlich funktionierende Gesellschaft, und der Irrwitz dabei ist, dass diese Tatsache kaum nach außen dringt. Wer würde schon meinen, dass etwas funktioniert in einem Land, das durch Terroranschläge, politische Instabilität, Armut und Korruption gegeißelt ist und dessen Ruf kaum ruinöser sein könnte?

Pakistan - der gescheiterte Staat

Dass aber am Flughafen Abu Dhabi verlorengegangene Koffer unbeschädigt in Lahore ankommen, dass die Post verlässlich ausgetragen wird, dass die im Lande neuartigen, aber schon sehr begehrten Cappuccinos und Muffins ziemlich gut schmecken, dass so viele Pakistaner ein gewandtes Englisch sprechen, dass sie tagtäglich miteinander handeln, voneinander lernen und auch insgesamt fortkommen - obwohl der Staat so wenig dazu beitragen kann - ist doch erstaunlich. Oft hört man die Pakistaner selbst in Verwunderung ausbrechen: Komisch, dass es klappt!

Pakistan gilt gemeinhin als gescheiterter Staat, der sich vom Bruderkrieg mit Indien nicht emanzipieren mag, der ein neurotisches Verhältnis zu Amerika pflegt und sich lieber in den von Militär und Geheimdienst inszenierten Nebelgefechten verirrt, statt sich auf innenpolitische Reformen und strukturellen Wandel zu konzentrieren. Nur wird bei dieser Betrachtungsweise zwischen Staat und Gesellschaft nicht angemessen differenziert. Die Gesellschaft hat nämlich eine Alternative zum Staat, sie fußt auf dem so genannten Family System, das den Einzelnen trägt und alles Versagen des Staates auszugleichen sucht.

Arrangements zwischen Ausbeutung und Selbstverantwortung

Für uns, die einen Sozialstaat genießen, ist das Family System schwer zu verstehen. Für Pakistan aber muss man diesen Begriff radikal denken: Die Familie ist der Hauptarbeitgeber im Land und nicht das Militär, wie oft falsch behauptet wird, denn in den Haushalten des Mittelstandes und der Oberschicht arbeiten Millionen Menschen aus der Unterschicht. Ganze Familien und Generationen in regelrechter Erbfolge - vom Greis bis zum Kind - werden in den Privathaushalten beschäftigt, wobei Einzelne oft nur kleine Aufgaben übernehmen und kleines Geld dafür sehen, das aber konstant über das ganze Leben hinweg.

Da kommt morgens ein junges Mädchen ins Haus, das die Betten macht und bügelt, eine ältere Frau wäscht, schleudert und trocknet mittags und ein alter Diener geht auf den Markt und trägt die Lebensmittel und fährt das Auto. Ob solche Arrangements eher ausbeuterisch oder sozialverantwortlich gemanagt werden, ist oft Glückssache.

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