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SS-Division „Frundsberg“ Grass hätte Hitler befreit

Ganz allein, mit Tollkühnheit und Cleverness, gegen einen überlegenen Feind: Das war die Vision in der SS-Division „Frundsberg“, der auch der Schriftsteller Günter Grass als 17jähriger angehörte. Seine Truppe sollte Hitler aus Berlin herausholen. Doch es kam anders.

© AP Vergrößern Zwischen Roman und Wirklichkeit: Günter Grass

Am Ende des ersten Kapitels waren sie alle tot. So erinnert sich Günter Grass im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an den vorzeitigen Tod der Figuren seines ersten, verlorengegangenen Romans, den er fast noch als Kind geschrieben hatte. Der Roman spielte in der Zeit des Interregnums. Unordnung, Femegerichte und Untergang überall. Was sich der ganz junge Grass da ausgedacht hatte, sollte er bald ähnlich selbst erleben. Wie Wechselstrom ging es zwischen den Wirklichkeiten hin und her, irgendwann wurde der Nobelpreisträger Herrscher über das Schaltpult aller Impulse.

Was dann und bis heute folgte, gelebt wie geschrieben, ist nichts anderes als der deutsche politische Roman des zwanzigsten Jahrhunderts in einer Biographie, bei dessen Pointe wir gerade ankommen. Denn das einmal im Krieg entwickelte Garn spinnt sich wie von Geisterhand immer weiter und weiter, wie man gerade erfährt. Als Grass sich mit fünfzehn Jahren als Freiwilliger zu den U-Booten vormeldete, war das nicht untypisch für einen jungen Mann, der sich hervortun wollte.

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Ganz allein, mit Mut, Tollkühnheit und Cleverness

Die Marine war vornehmer als das Heer, und zumal die vermeintliche Wunderwaffe der Ein-Mann-U-Boote mußte bei vielen jungen Männern eine Art Robin-Hood- oder David-gegen-Goliath-Reflex ausgelöst haben: ganz allein, mit Mut, Tollkühnheit und Cleverness einen überlegenen Feind zu schlagen. Daß die Engländer mit Hilfe des Radars die kleinen und überdies langsamen Boote leicht orten konnten und sämtlich abschossen, stand auf einem anderen Blatt.

Aber Grass entging dem Schicksal der Nicht-Seemänner auf der „Wilhelm Gustloff“, hat aber in seiner Erzählung „Im Krebsgang“ darüber geschrieben. Als Angehöriger der SS-Panzerdivision „Frundsberg“ aber kam Günter Grass zu einer Truppe, deren Odyssee über die Kriegsschauplätze nicht weniger makaber endete als das Abenteuer der Mini-U-Boote. Mochte ihm der erste Drill auch nicht gefallen haben, so könnte der „Ehrenname“ der 10. SS-Panzerdivision den jungen, historisch interessierten Mann doch schlagartig in eine Welt versetzt haben, wie sie seinem Roman nicht ganz unähnlich war.

Ein offizielles Kriegstagebuch existiert nicht

Georg von Frundsberg nämlich, nach dem die SS-Division seit dem Oktober 1943 „durch Führerbefehl“ benannt worden war, galt zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts als „Vater aller Landsknechte“. Im kaiserlichen Dienst forcierte er die Wendung von der Kavallerie zur Infanterie nach Schweizer Vorbild. Den Spruch „Viel Feind, viel Ehr“ hat er vielleicht nicht erfunden, aber durch ihn wurde er sprichwörtlich.

Und für einen jungen Mann wie Grass, der nach Höherem strebte, war es sicher schmeichelhaft, daß der Namenspatron seiner Einheit sogar einen Platz in der Walhalla hatte. Anstelle solch stolzer Überlieferung verzeichnet das Bundesarchiv in Koblenz lediglich, daß es über diese SS-Division wie über viele andere Divisionen dieser Art nur eine äußerst lückenhafte Überlieferung gibt. Ein offizielles Kriegstagebuch etwa existiert nicht. Zur Prosa der SS-Division „Frundsberg“ zählt nicht zuletzt der Name seines vorletzten Kommandanten, des berüchtigten Karl von Treuenfeld, der die Division vom November 1943 bis zum 1. Mai 1944 führte.

Kriegsgefangenschaft und Selbstmord

Treuenfeld war maßgeblich an den Vergeltungsmassakern an Tschechen nach dem Attentat auf Heydrich am 27. Mai 1942 beteiligt, bevor er wegen Differenzen mit der Gestapo zur Division „Frundsberg“ versetzt wurde. Als Chef der Waffen-SS Italien geriet er später in amerikanische Kriegsgefangenschaft und beging 1946 Selbstmord.

Als der junge Grass zu der Division stieß, die hauptsächlich aus Angehörigen des Reichsarbeitsdienstes zusammengestellt worden war, worauf der Buchautor Rolf Michaelis aufmerksam macht, war aber vermutlich schon der neue Kommandeur Heinz Harmel an die Stelle von Treuenfelds getreten. Die 10. SS-Panzerdivision mit einer Sollstärke von 19.513 Mann war 1943 aufgestellt worden und hatte im Frühsommer 1944 gerade die Verlegung von der ukrainischen Ostfront an die Westfront hinter sich, wo sie in die Kämpfe gegen die alliierte Invasion eingriff.

Karrierist und wortgewandter Vielversprecher

Die Division hatte den Auftrag, die im Kessel von Falaise eingeschlossenen deutschen Truppen zum Durchbruch freizukämpfen. Im Dezember 1944 war die Einheit an der Abwehr der alliierten Luftlandeoperation „Market Garden“ beteiligt, für die Kommandeur Harmel die Schwerter zum Ritterkreuz verliehen wurden. Ob Grass bei diesen Kämpfen schon beteiligt war, ist fraglich. Die Division war weiter beim Brückenkopf Colmar eingesetzt, wurde dann nach Cottbus-Spremberg verlegt.

Der Kommandeur Harmel, nach Meinung von Rolf Michaelis zwar kein politischer Einpeitscher wie sein Vorgänger, aber ein Karrierist und wortgewandter Vielversprecher, wurde 1984 mit der Gedenkmedaille des Küstenortes Bayeux ausgezeichnet im „Zeichen der deutschfranzösischen Versöhnung“. Harmel allerdings war, anders als Günter Grass, nicht mehr bei seiner Truppe, als die, so war es geplant, von Spremberg in der Lausitz vorstoßend Hitler aus Berlin herausholen sollte. Mit anderen Worten: Grass hätte Hitler befreit. Man blieb aber in Spremberg, Grass befreite Hitler nicht.

Quelle: F.A.Z. vom 14. August 2006

 
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