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Veröffentlicht: 27.03.2013, 14:00 Uhr

Spieltheorie Versprechen oder Bluff?

Die Euro-Krise wird von automatisierten Märkten spieltheoretisch gelesen und modelliert. Der Preis ist permanentes Misstrauen, ein fast kafkaeskes Hineinversetzen in das strategische Denkens des anderen.

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© AP Die Freiheit, die ich meine: Statue in Nikosia im Mondlicht

Menschliches Handeln wird von digitalen Systemen vermehrt spieltheoretisch modelliert. (Der Mathematiker Ariel Rubinstein über praktische Anwendungen der Spieltheorie in Wirtschaft, Politik und internationaler Militärstrategie.) Vor wenigen Tagen erläuterte Markus Morgenroth von der Firma Cataphora in der F.A.Z., dass die von seiner Firma vorgenommene Tiefenanalyse nach spieltheoretischen Modellen erfolgt: Auf diese Weise sollen die „wahren Absichten“ der Einzelnen in den E-Mails und in der digitalen sozialen Kommunikation in den Systemen der Kunden aufgedeckt werden. Doch nicht nur bei der Analyse sozialen Verhaltens in Unternehmen finden diese Modelle Anwendung, sondern auch in automatisierten Finanzmärkten.

Schon beim ersten Höhepunkt der Euro-Krise empfahlen Investmentbanker und Autoren internationaler Wirtschaftszeitungen die Anwendung der nichtkooperativen Variante des Spiels, um die Krise zu überleben. Dieser Deutung zufolge entwickelt sich die Euro-Krise zu einem Nullsummenspiel, in dem des einen Gewinn des anderen Verlust ist - in diesem Fall Deutschlands, das dafür die Wut der Südeuropäer auf sich zieht. Analysten der Bank of America beispielsweise behaupteten bereits letztes Jahr mithilfe der Theorie, dass nicht Griechenland, sondern Italien am meisten von einem Austritt aus der Eurozone profitieren würde. Sie behaupten, dass, wie Simon Nixon im „Wall Street Journal“ schrieb, die Euro-Krise am Ende in einem „Bluff“ zwischen Deutschland und Italien kulminieren werde: „Das bedeutet nicht, dass dies das beste Ergebnis für beide Seiten sein wird; in der Spieltheorie ist das wahrscheinlichste Ergebnis nicht das (...), was allen Spielern das beste Ergebnis liefert. Stattdessen wird das ,Nash-Gleichgewicht’ für die Eurozone - die Situation, in der kein Spieler mehr einen Anreiz hat, seine Strategie zu ändern, weil eine gemeinsame Änderung sie schlechter dastehen lassen würde - darin bestehen, dass Italien sich weigert, seine Wirtschaft zu reformieren, und Deutschland sich weigert, Italien herauszukaufen, um das Land zum Bleiben zu bewegen.“

Was auf dem Spiel steht

Das Problem solcher Modelle in Finanzmärkten liegt darin, dass sie produzieren können, was sie beschreiben. Ariel Rubinstein hat die Anwendung des Modells für strategische und ökonomische Entscheidungen stets kritisiert. Ihr Preis sei endemisches Misstrauen. Wie sehr er recht behalten hat, zeigt gerade die Zypern-Krise, in der wie so oft seit Ausbruch der Krise wie im „chicken game“ zwei Autos aufeinander zurasten, bis eines, jenes der Zyprer, auswich.

Das Spiel ist damit aber noch nicht zu Ende. Aus Sorge vor falschen Schlussfolgerungen hat die Bundesregierung sofort die deutschen Sparguthaben garantiert. Aber ist diese Garantie real oder ein Bluff? Ist die Sorge unbegründet oder ein Ziel des Spiels, in dem den Mitspielern wie in einem zivilen Kalten Krieg durch die Erzeugung von Angst Rationalität beigebracht werden soll? So jedenfalls wird die Krise von automatisierten Märkten gelesen und modelliert. Der Preis ist permanentes Misstrauen, ein fast kafkaeskes Hineinversetzen in das strategische Denkens des anderen: „Was tut er, wenn er weiß, dass ich weiß, dass meine Sparguthaben bedroht sein könnten?“ Es bewirkt ferner eine Veränderung des politischen Diskurses: Kooperation wird durch ökonomische Drohungen und das „Gleichgewicht des Schreckens“ erzwungen, aber politisch nicht gestaltet.

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Der Preis des Spiels könnte der Zerfall der europäischen Idee sei. Vielleicht haben die Analysten ja recht und Italien wird der Ernstfall (die ersten Äußerungen von Grillo sprechen dafür, dass auch er das Spiel zu spielen versteht) - aber wird es das vielleicht am Ende nur, weil das Modell die Handlungsanweisungen liefert und alle nicht-ökonomischen Optionen ignoriert? Wofür taugt der Nash-Formalismus in der nicht-kooperativen Spieltheorie eigentlich - und wofür nicht?

Quelle: F.A.Z.

 

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