Home
http://www.faz.net/-gsf-77yw6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Spieltheorie Kann die Spieltheorie die Probleme der Eurozone lösen und das iranische Atomprogramm aufhalten?

Automatisierte Finanzmärkte, Investmentbanken oder Hedgefonds benutzen spieltheoretische Modelle, um Entscheidungen bei der Euro-Krise zu treffen und Prognosen über Konflikte zwischen Euro-Staaten vorherzusagen. Politiker halten das für eine Reaktion des „Marktes“ und spielen das Spiel mit. Aber die Regeln sind dafür nie gedacht gewesen. Eine Warnung.

© Polaris / StudioX Vergrößern Denkt er so, wie ich denke, dass er denkt? Auch in der Diplomatie - hier Barack Obama und Benjamin Netanjahu - findet die Spieltheorie Anwendung

Zur Einführung: „Die Rolle der Spieltheorie in der Euro-Krise“ von Frank Schirrmacher

Ich habe mich nahezu mein ganzes Leben lang mit theoretischer Ökonomie und Spieltheorie beschäftigt. Ich möchte etwas Gutes tun für die Menschheit und insbesondere für die Menschen in Israel, dem Land, in dem ich geboren wurde und das meine Heimat ist. Ich möchte Einfluss nehmen und Ungerechtigkeiten bekämpfen. Was liegt also näher, als mein berufliches Wissen zu nutzen, um der Welt Erleichterung zu verschaffen? Aber leider habe ich den Eindruck, dass das nicht geht.

Wahrscheinlich sollte ich wieder einmal mit der Frage beginnen: Was ist Spieltheorie? Der Name der Theorie ist sexy, aber in Wirklichkeit ist sie nicht mehr als eine Ansammlung von Begriffen und Modellen über rationales menschliches Verhalten in strategischen Situationen - das heißt in Situationen, in denen die Überlegungen eines rationalen Spielers von seinen Annahmen hinsichtlich des Verhaltens anderer Spieler abhängen. Der rationale Spieler muss sich in andere Spieler hineinversetzen, die ihrerseits vor derselben Aufgabe stehen. Genau diese Zirkularität macht die Spieltheorie kompliziert - und interessant. Die Spieltheorie versucht, den Begriff der Rationalität in einem Kontext mit Inhalt zu füllen, in dem unklar ist, was Rationalität bedeutet.

Hier eine typische Situation aus der Spieltheorie, man nennt sie das Versteckspiel: Ein grausamer Herrscher kann sich in einem von vier Schlössern verstecken, die an einem von West nach Ost fließenden Fluss liegen. Schloss 2 ist vergoldet, die übrigen drei sind weiß gestrichen. Der Suchende kann nur eines der Schlösser angreifen. Der rational handelnde Spieler, der sich verstecken muss, wird sich in dem Schloss verstecken, für das in seinen Augen die geringste Wahrscheinlichkeit besteht, dass der Suchende es angreift. Der rational handelnde Sucher wird das Schloss angreifen, das der Gegenspieler in seinen Augen am ehesten als Versteck auswählt. Die Spieltheorie fragt nun: Wie gehen die beiden Spieler vor, wenn ihre Überlegungen mit der Annahme übereinstimmen sollen, ihr Gegenspieler handle rational? Die „Voraussage“ der Spieltheorie betreffs des Ergebnisses lautet, dass die Chance des Suchenden, den Versteckten zu finden, 1: 4 (25 Prozent) beträgt.

Eine nahezu magische Verbindung zwischen Symbolen und Worten

Im Kern ist die Spieltheorie keine empirische Wissenschaft. Sie erforscht nicht, wie Menschen sich tatsächlich in strategischen Situationen verhalten. Es ist zweifelhaft, ob man überhaupt allgemeine Aussagen darüber treffen kann, wie Menschen sich in Situationen nach Art des Versteckspiels verhalten werden. Schließlich sind die Menschen sehr verschieden. Es gibt Versuchsergebnisse, wonach von Studenten, die das virtuelle Versteckspiel spielen, vierzig Prozent beider Spieler das weiße Schloss Nr. 3 in der Mitte auswählen, etwa 25 Prozent entscheiden sich für das goldene Schloss Nr. 2; und der Rest (35 Prozent) verteilt sich auf die an den beiden Enden gelegenen Schlösser 1 und 4. Bei diesen Versuchen hat der Suchende eine Chance von dreißig Prozent, den Versteckten zu finden - also eine signifikant höhere Chance als die von der Spieltheorie „vorausgesagte“ (25 Prozent). Man darf annehmen, dass ein Versuch mit Lesern dieser Zeitung zu ähnlichen Ergebnissen führte, aber die Zahlen würden sich ändern, sobald diese Ergebnisse den Lesern bekannt wären. Darin spiegelt sich natürlich ein zentrales Problem aller Sozialwissenschaften, wenn es um Voraussagen geht: Anders als Steine, Blume und Schmetterlinge hören und verstehen Menschen solche Voraussagen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Albaner Kapllani zum Skandalspiel Das alles gehört nicht zum Fußball!

Das EM-Qualifikationsspiel zwischen Serbien und Albanien ist nach Auseinandersetzungen zwischen Spielern und Zuschauern abgebrochen worden. Edmond Kapllani, Spieler des FSV Frankfurt, war für Albanien dabei und spricht über das Chaos. Mehr

15.10.2014, 22:30 Uhr | Sport
Brücke in Paris hält Schlössern nicht stand

An Brücken in aller Welt bringen Liebespärchen ein Schloss an und werfen den Schlüssel in den Fluss.So schwören sie sich ewige Treue. Am Pont des Arts in Paris war die Last der Liebe am Ende zu viel: Auf 2,40 Metern stürzte das Brückengeländer ein. Mehr

10.06.2014, 11:02 Uhr | Gesellschaft
Jürgen Klopp im F.A.Z.-Gespräch So eine Delle kann auch mal sinnvoll sein

Borussia Dortmunds Trainer Klopp spricht über personelle Probleme, individuelle Fehler, zu viele Länderspiele und die Frage, was die BVB-Krise mit ihm selbst angestellt hat. Mehr

12.10.2014, 15:07 Uhr | Sport
Amerika darf türkische Stützpunkte nutzen

Die Rauchwolken über Kobane sind weithin sichtbar. Von der türkischen Grenze aus kann man die Kämpfe in der syrischen Stadt sehen. Was sich aber tatsächlich in Kobane abspielt, ist nicht ohne weiteres zu erkennen. Mehr

13.10.2014, 14:00 Uhr | Politik
Eckart von Hirschhausen im Gespräch Bevor sie über dich lachen, müssen sie dich mögen

Zauberei und Kabarett: Auf der Bühne ist er der Medizinmann, im Fernsehen der Quizmaster. Permanent geht es um unsere Gesundheit. Was will Eckart von Hirschhausen damit erreichen? Mehr

09.10.2014, 18:43 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 27.03.2013, 14:00 Uhr

Lorbeer für Comiczeichner

Von Andreas Platthaus

Den königlich-englischen Poet laureate kennt man seit Jahrhunderten. Jetzt soll auch ein Comic-Künstler seine Lorbeeren erhalten und für kindliche Lesefreudigkeit sorgen. Gleich die erste Ernennung ist verblüffend. Mehr 3