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Veröffentlicht: 24.10.2016, 12:01 Uhr

Massaker von Wolhynien 1943 Jeder hat seinen blinden Fleck

Ein Spielfilm über das Massaker von Wolhynien im Jahr 1943 bringt eine Tragödie wieder ins Gedächtnis, die Polen und Ukrainer schmerzlich verbindet – und noch immer unversöhnlich trennt.

von Gerhard Gnauck, Warschau
© Verleih Erst werden die Hühner geschlachtet, dann die Menschen: Szene mit trügerischem Idyll aus dem Film „Wolhynien“

Gibt es in der eigenen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg einen letzten blinden Fleck? So scheinen es neuerdings viele Polen zu empfinden. Vor 1989 sei das Thema offiziell tabu gewesen; seitdem, so hört und liest man jetzt, habe das Gebot der Völkerverständigung, also „politische Korrektheit“, verhindert, dass man sich damit intensiver befasst hätte. Gemeint ist das Massaker von Wolhynien, das im Schatten der deutschen Besatzung stattfand, im Wesentlichen 1943, mit späteren Ausläufern. Polen waren die Opfer, ukrainische Nationalisten die Täter. In Polen werden die Ereignisse zumeist als „wolhynisches Gemetzel“ bezeichnet; jenseits der Grenze dagegen als „die wolhynische Tragödie“.

Seit einer Woche ist ein neuer polnischer Spielfilm zu sehen. Er heißt schlicht „Wołyń“, wie die Region selbst. 430.000 Menschen haben ihn bereits gesehen. Er wird, wenn es glimpflich abgeht, die Hürden der Korrektheit, die „Wolhynien“ umgaben, zertrümmern; und wenn es schlecht ausgeht, wird er für eine internationale Krise sorgen, womöglich unter Mitwirkung Russlands. Das sagt zumindest ein Professor und hauptamtlicher Berater des polnischen Präsidenten Andrzej Duda. Seine Befürchtung, gleich nach Verlassen des Kinosaals geäußert, mag übertrieben sein. Sicher scheint, dass „Wolhynien“ einen tiefen Eindruck hinterlässt und in der Ukraine wie in Russland ein Echo finden wird.

Die Gewalt war gewollt

Dabei beginnt der Film idyllisch: Wir sind im Sommer 1939, eine polnisch-ukrainische Hochzeit wird gefeiert. Aber in Wolhynien, damals noch Teil der Ostgebiete Polens, heute der Nordwesten der Ukraine, gab es schon damals Hühnchen zu rupfen. Polen unterdrückte die nach Millionen zählende ukrainische Minderheit, worauf deren Nationalisten mit handfestem Terror antworteten. 1939 kommt infolge des Hitler-Stalin-Pakts die Rote Armee, zwei Jahre später die Wehrmacht. Das genügt für die jeweiligen Besatzer, die Juden der Region zu ermorden, viele Polen nach Sibirien zu deportieren und die Wolhynien-Deutschen „heim ins Reich“ zu holen. Vieles davon scheint auch in diesem Film auf. 1943 kündigt sich ein weiterer Wechsel der Herrschaft an, und die ukrainischen Nationalisten wähnen ihre Stunde gekommen.

Wer jetzt in gemischter Ehe lebt, kann schnell für beide Seiten zum Feind werden. Und wer in diesen ländlichen „Bloodlands“ weiß, wie man mit der Axt umgeht, wer noch dazu vier Jahre Gewalt vor Augen hat, der wird für seine Nachbarn schnell zum Wolf. Die Gewalt von Mensch zu Mensch, der Kopf unter der Axt, das Abziehen der Haut mag den Nachgeborenen immer noch grausamer erscheinen als die MG-Salve, die nackte Jüdinnen am Rand der Grube trifft. Diese Gewalt war weniger Ausbruch von „Volkszorn“ als vielmehr gewollt: von den Organisationen und Partisanengruppen der Nationalisten. Die Gewalt suchte und fand von Dorf zu Dorf - in Wolhynien, auch in Ostgalizien - ihre Opfer, insgesamt etwa 100.000. Es war eine ethnische Säuberung, für manche in Polen heute, etwa den Verband der Wolhynien-Überlebenden, sogar ein Genozid.

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