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Geräuschvoll abgewählt : Eine krachende Niederlage

Ruhe kann eine Wonne sein: Vor der Wahl in NRW war es zuletzt stiller um Martin Schulz (SPD) geworden. Nach der Wahlkampf-Niederlage ließ es der Kanzlerkandidat dagegen „krachen“. Bild: dpa

Stillstand in der linken „Herzkammer“: Die Sozialdemokraten gehen nicht, ohne zuvor eine Abschiedsarie der besonderen Art anzustimmen.

          Früher waren die Sitten einfach doch rauher. Wie man aus dem Geschichtsunterricht weiß (siehe René Goscinny und Albert Uderzo: „Asterix und der Avernerschild“, Stuttgart 1972), hat Vercingetorix bei seiner Kapitulation vor dem Heerführer der Römer die Waffen nicht niedergelegt, sondern diesem auf die Füße geschleudert. Was Cäsar mit einem „Aua!“ quittiert haben soll und wofür er sich später mit der Hinrichtung des Galliers revanchierte. Das Werk des belgisch-französischen Historikerduos überliefert leider keinen O-Ton: Der Avernerfürst schmiss 52 vor Christus sozusagen nonverbal hin.

          Nach dem Wahlabend in Nordrhein-Westfalen wüsste Vercingetorix, dass er, in der Sprache der Politik, auch einfach eine „krachende Niederlage“ hätte eingestehen können. Denn neuerdings „kracht“ es nicht nur, wenn sich da vorne zwei oder mehrere Autos ineinander verkeilt haben, sondern auch ganz besonders laut an Wahlabenden. Erst war es der Abgeordnete Karl Lauterbach, der mit bedeckter Stimme „eine krachende Niederlage“ eingestand, dann kam aus Berlin der SPD-Kanzlerkandidat, der ebenfalls diese Wendung verwandte – gerade so, als hätte man sich abgestimmt. Wollte sich Martin „Da, wo ich herkomme“ Schulz besonders eindrucksvoll vor laufender Kamera geißeln? Folgte er PR-Beratern, die über die Authentizität des Würseleners wachen? Ist die Niederlage allein, ohne schmückendes Adjektiv, nicht genug? Nach dem großen Schweiger Vercingetorix waren Niederlagen schwer, schlimm, verdient, bitter, herb – sie hatten mithin einen Beigeschmack. Heute haben sie ein Nebengeräusch. Und zwar ein ziemlich lautes, obzwar der Wahlvorgang als solcher geräuscharm ist.

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          Gut, auch ein Ehekrach kann laut werden. Der Süden kennt die Krachlederne, die von sich aus aber kein Geräusch macht, und das Kracherl, also die Limonade, die auch im unteren Dezibelbereich liegt. Die Germanisten erinnern sich an Max Frisch, der in seiner Erzählung „Der Mensch erscheint im Holozän“ als zwölfte Donnerart seiner Typologie den „ächzenden oder Lattendonner“ einführt: „Ein kurzer und heller Krach, wie wenn man eine Holzlatte bricht“. Wie auch immer: Wirklich „lange“, wovon Lauterbach träumt, werden die Wahlkämpfer nicht Zeit haben, die Ursachen des Krachreizes in NRW zu analysieren, und warum sich die Niederlage ausgerechnet in der (ausweislich linken) „Herzkammer“ der Sozialdemokraten zutrug. Die Wähler aber müssen sich auf dem langen Marsch zur Bundestagswahl auf weitere metaphorische Kracher einstellen. Einen ersten Vorgeschmack lieferte der selten um eine Sprachneuschöpfung verlegene Horst Seehofer, der befand, die Stimmung der Wähler könne sich „fast torpedoartig ändern“.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

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