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Soziale Schere Die schnittigste Phrase der Deutschen

 ·  Von einem Bundespräsidenten wurde das Bild populär gemacht, von Gauck elegant hinterfragt: Wird die Schere zwischen Arm und Reich immer größer? Was klemmt, wenn die Deutschen über die soziale Ungleichheit sprechen.

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© INTERFOTO Scheren-Trauma der Deutschen: Konrads Daumen-Therapie

Phrasen stärken das Gemeinschaftsgefühl und retten die Alltagskommunikation. Und es ist nicht immer leicht zu entscheiden, warum sie plötzlich zum Ärgernis werden. Wie zum Beispiel die Redewendung, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklafft. Dabei ist ja weder zu leugnen, dass in weiten Teilen der Welt die sozialen Gegensätze immer drastischer aufeinanderprallen, noch dass das Bild der Schere zur Beschreibung dieses Vorgangs eine gewisse Eleganz besitzt.

Misstrauisch aber stimmt, dass diese Schere in Deutschland seit einiger Zeit in fast jeder Talkshow und jedem oppositionellen Wahlkampf munter klappert, ohne zu wirken. Sie scheint sich nicht im Geringsten abzuwetzen, obwohl der Abstand zu den europäischen Nachbarn in puncto Wohlstand immer größer wird und man in Deutschland allenfalls eine relative Armut im Vergleich zu den mittleren Einkommen bemisst, während die „absolute Armut“ in Entwicklungsländern einem Tageseinkommen von weniger als einem Dollar entspricht. Diese Beobachtung kann freilich die gesellschaftlichen Missstände hierzulande nicht schmälern.

Weiter ist bemerkenswert: Obwohl in Spanien, den Vereinigten Staaten oder China das soziale Auseinanderdriften von Armen und Reichen, Jungen und Alten, Einheimischen und Migranten ebenfalls in aller Munde ist, existiert die soziale Schere nur in der deutschen Sprache. Täuscht der Eindruck, dass die Scheren-Rhetorik die wahren sozialen Probleme unserer Zeit eher übertönt und durch ihre inflationäre Überzogenheit von den konkreten Nöten der sozial Schwachen ablenkt? Einen wirklich Bedürftigen wird die Schere wenig beeindrucken, eher schon die Mittelschicht, die in ihr sowohl enttäuschte Aufstiegshoffnung als auch konkrete Abstiegsängste findet. Das Sprachbild ist keines des Mitleids, sondern eines der beobachtenden, taxierenden Außensicht.

Fast mechanische Kausalität

Seit Jahrhunderten greift man in Deutschland zum Bild der Schere, um Abstracta wie Freiheit und Brüderlichkeit auszudrücken - oder besser: die bürgerliche Angst vor ihrem Verlust. Der Deutsche lässt sich ungern etwas abschneiden. Fürchtet er eine Beschränkung seiner Gedanken, spricht er von der Schere im Kopf, droht er mit dem Aufkündigen der Solidarität, greift er zum Bild des zerschnittenen Tischtuchs. Den dritten der republikanischen Werte, die Gleichheit, berührt dann die soziale Schere.

All diese Redewendungen gehorchen einer fast mechanischen Kausalität: Wenn ich in einer bestimmten Weise fehlhandle, kommt die Schere ins Spiel und trennt, was einmal zusammengehörte. Das deutsche Scherentrauma lässt sich in das Bild des Schneiders aus dem „Struwwelpeter“ fassen, der mit riesigem Exemplar gegen die Lutschdaumen des Knaben Konrad einschreitet. Die Schere schlägt zu, wenn man sich kindisch seiner Gedankenverlorenheit hingibt: „Messer, Gabel, Schere, Licht dürfen kleine Kinder nicht.“

Man muss schon sagen: Im Bild der geöffneten Schere macht die soziale Ungleichheit einen denkbar großen emotionalen Effekt. In der deutschen Literatur der Klassik begegnet uns die Schere bei Schiller, Hölderlin und im „Faust II“ in Gestalt der Parzen, die den Faden des Lebens spinnen, um ihn am Ende abzutrennen, was der Schere einen Schicksalsbezug verleiht. Die Angstbesetztheit des Gegenstands verbindet sich mit der - das hat die Verhaltensforschung gezeigt - allgemein menschlichen und vielleicht besonders deutschen Angst vor sozialem Abstand, der erst dann so richtig unerträglich wird, wenn man ihn ins Bild setzt. Die Schere vergrößert sich dabei selbst.

So kam die Schere in die Politik

Ist es von Belang, dass die soziale Schere eine andere Bewegung vollführt als jene, die Gedanken und Tischtücher zertrennt? Sie geht ja vor allem auf - und zwar immer weiter, was dem Bild insofern eine Schiefe verleiht, als der Öffnungsgrad einer Schere begrenzt ist. Kann man aus dem Bild der geöffneten Schere ableiten, dass die Möglichkeit des Wiederschließens tröstlich mitgedacht ist? Immerhin unterscheidet ihre beidseitige Beweglichkeit die soziale Schere vom gesellschaftlichen Abgrund - eine Flexibilität, die auf die deutschen Verhältnisse durchaus zutreffen würde und je nach Akzentuierung einen Sonderweg der sozialen Hoffnung begründen könnte. Dagegen aber spricht die Genese der Scheren-Phrase in der deutschen Politik.

In einem annähernd sozialen Kontext erschien das Bild der Zwischen-Schere erstmals in der deutschen Ökonomie. So sprach man schon in den fünfziger Jahren geläufig von der „Kosten-Preis-Schere“ oder der „Lohnschere“, welcher im Englischen interessanterweise das gröbere Werkzeug des „tax wedge“ entspricht, des Steuerkeils. Noch in den siebziger Jahren wurde das Bild im deutschen Bundestag eher finanzpolitisch verwendet, im Sinne der „Schere zwischen privatem Reichtum und öffentlicher Armut“, die der SPD-Abgeordnete Hans Hermsdorf zur Verteidigung des Bundeshaushalts von 1971 erstmals ins Spiel brachte.

Es ist bezeichnend, dass das Bild schon bald darauf bundespräsidial wurde. So nannte das Statsoberhaupt Walter Scheel, der vormalige Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, in seiner Rede zum Neujahrstag 1978 das Schicksal der Entwicklungsländer die „eigentliche soziale Frage unserer Zeit“. Nur wenn die Industriestaaten „die Bereitschaft zeigen, die Schere zwischen Arm und Reich nicht noch weiter auseinanderklaffen zu lassen“, könne der Weltfriede dauerhaft gesichert werden.

Hilfsmetapher eines politisch Handlungsbeschränkten

Der hier erstmals im Scherenzusammenhang auftretende Gegensatz von Arm und Reich bezog sich zunächst noch auf den globalen Vergleich. Für zusätzliche Distanz sorgte die Überführung einer konkreten Ungerechtigkeit in metaphorisch-diplomatische Kunstsprache (Auseinanderklaffen, Bereitschaft zeigen), die direktes Engagement eher als Überforderung erscheinen ließ. Die „Schere“ klingt zwar schön, würde stattdessen aber von „Abstand“ geredet, hätte man wenigstens das Gefühl, dass jemand etwas ausmessen und sich für eine echte Analyse interessieren würde.

Auch der sozialdemokratische Bundespräsident Johannes Rau benutzte das Bild im Jahr 2000, erstaunlicherweise mit Stoßrichtung gegen den demographischen Wandel, den er angesichts des weltweiten Bevölkerungswachstums als „Luxusproblem“ bezeichnete: „Auch bei diesem Thema sieht man, dass die Schere in der Welt immer weiter auseinandergeht.“ Durch die globale Schere relativierte Rau ein innenpolitisches Problem, das Bild wirkte dabei gesucht. Es stand da wie die Hilfsmetapher eines politisch Handlungsbeschränkten; der symbolische Politiker benötigt das Benennen von Scheren, um sein Amt zu rechtfertigen.

Erst im Jahr 2006, im sozial verschärften Klima der umgesetzten Agenda 2010, wurde das Bild konkreter und wieder auf seine ökonomischen Wurzeln zurückgeführt. Im Interview mit der „Bild“-Zeitung unterbreitete Bundespräsident Horst Köhler, ganz Mann des Volkes, den Vorschlag, „Arbeitnehmer stärker am Ertrag oder am Produktivvermögen der Unternehmen zu beteiligen“, um der „Schere zwischen Lohn- und Gewinneinkommen“ entgegenzuwirken. Die Zwischenschere spreizte sich hier zwischen den Tarifgruppen, auf ganz Deutschland hat sie bis heute kein Bundespräsident bezogen.

Epochale Wendung im Scheren-Diskurs

Das geschah jedoch im Gefolge des von Rot-Grün beauftragten Armutsberichts, bei dessen Vorstellung im Jahr 2001 Bundesarbeitsminister Walter Riester erstmals von einer Schere zwischen Arm und Reich „in Deutschland“ sprach, die jedoch, so der Minister, auf die Regierungszeit Helmut Kohls zurückzuführen sei. Ein Vorwurf, den nach dem zweiten Armutsbericht von 2005 Volker Kauder mit der Feststellung konterte, dass „seit dem Amtsantritt von Bundeskanzler Schröder die Schere zwischen Arm und Reich in diesem Land immer weiter auseinandergegangen“ sei. Sigmar Gabriel sprang ihm im Jahr 2010 sogar inhaltlich bei, als er in programmatischer Abkehr von Schröders Agenda-Politik feststellte: „Bundesregierungen unter sozialdemokratischer Beteiligung ist es nicht gelungen, die soziale Schere zwischen Arm und Reich zu schließen.“ Spätestens jetzt konnte man die zum Kampfbegriff gewordene Scheren-Phrase nicht mehr hören. Sie war reihum gegangen, gepflegt von denen, die gerade in der Opposition waren oder sich von ihren Vorgängern abzusetzen gedachten.

Die geradezu epochale Wendung im Scheren-Diskurs am 23. März dieses Jahres ist daher überhört worden. Gleich in der Einstiegspassage seiner Antrittsrede reihte sich Bundespräsident Joachim Gauck in die Scheren-Riege ein. Er begann, als knüpfte er nahtlos an ein laufendes Gespräch vom Vortag an: „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, wie soll es denn nun aussehen, dieses Land, zu dem unsere Kinder und Enkel einmal sagen sollen ,unser Land’?“ Dann das bekannte Bild - formuliert in einer Frage: „Geht die Schere zwischen Arm und Reich weiter auf?“ Und dann folgten andere abgegriffene Wendungen wie: „Verschlingt uns die Globalisierung?“. Die Pointe aber war, dass Gauck diese angstbesetzten Sozialphrasen nur versammelte, um ihnen im Verlauf seiner Rede mit dem Hinweis „Ängste mindern unseren Mut“ den Boden zu entziehen.

Zu einer Phrasen-Schere im Kopf führte Gaucks Rede nicht. Fünf Tage später wurde Bundeskanzlerin Merkel bei einer Bürgerveranstaltung in Bielefeld mit den vorsichtigen, aber verständnisvollen Worten zitiert, offenbar treibe viele Menschen die Sorge um, „dass sich die Schere zwischen Arm und Reich im Land weiter öffnen werde“. Das war eine Aussage, die aus dem Mund einer Regierungschefin, die kein entsprechendes Gegenrezept anfügte, nun wirklich verwunderte und deshalb die Frage provoziert: „Warum nehmt ihr die Schere nicht einfach in die Hand oder den Leuten wenigstens die Angst?“

Wie würde also die Sozialschere am 1. Mai 2012, dem Tag der Arbeit, eingesetzt werden? Die Rhetorik des Tages überraschte positiv. Das Scherenbild wurde, wie ein Blick in die Nachrichtenagenturen zeigt, da eher in Leitartikeln von Lokalzeitungen als in den auf europäische Probleme ausgeweiteten Reden der Gewerkschafter gebraucht. Bekenntnisse zur europäischen Solidarität verhindern also sogar unter Arbeiterführern den rein innerdeutschen Scherenbezug. Das zeigte Fingerspitzengefühl. Beginnt die soziale Schere nach dem vielen Geklapper der letzten Jahre nun womöglich zu klemmen? Es ist ja geradezu das Wesen einer Gesellschaft, Scherenkonstellationen zu erzeugen. Deren Benennung ist nicht weiter originell. Die Aufgabe der Politik ist es, sie so gering wie möglich zu halten.

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Jahrgang 1971, Redakteur im Feuilleton.

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