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Soziale Netzwerke für Schüler Russisch Roulette im Internet

13.04.2010 ·  Für viele Schüler ist der Aufenthalt in sozialen Netzwerken längst Alltag: Wer nicht mitmacht, ist isoliert. Mobbing und eklige Bilder nehmen die meisten in Kauf. Der jüngste Hit sind Talktreffs mit Unbekannten.

Von Friederike Haupt
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Seit einigen Wochen gibt es ein neues Spiel für Jugendliche. Es heißt „Chatroulette“, und es wird von Zehntausenden im Internet gespielt. Zwar heißt es in den Nutzungsbedingungen, wer mitmachen wolle, müsse mindestens sechzehn Jahre alt sein, doch keiner überprüft das - man braucht sich nicht einmal zu registrieren. Für „Chatroulette“ muss man nur eine Webcam an seinen Computer anschließen und auf „Next“ klicken: Dann werden nach dem Zufallsprinzip Kamerabilder Fremder zugeschaltet, denen dafür das eigene Bild übertragen wird. Wenn man will, kann man mit ihnen telefonieren oder schreiben, chatten eben. Wer das ausprobiert, sieht zahllose Kindergesichter auf den Monitor starren - und nicht wenige Männer, die ihr Geschlechtsteil in die Kamera halten. Die Kinder klicken dann weiter und hoffen, im nächsten Bild einen Gleichaltrigen zu sehen.

Anders als die sozialen Netzwerke, die Kinder und Jugendliche nutzen, ist „Chatroulette“ kein Dienst, den Schüler regelmäßig und zur Organisation ihres Alltags nutzen. Dennoch lässt sich an ihrem Umgang mit dem Chatportal etwas beobachten, was Jan-Hinrik Schmidt vom Hans-Bredow-Institut zur generellen Haltung der Jugend zu Web-2.0-Angeboten in einer Studie festgestellt hat. Vor allem weniger gebildete Jugendliche machten sich „weniger Gedanken darüber, wie man sich im Social Web gegen unliebsame Erlebnisse schützen kann bzw. sollte. Sie gehen eher sorglos mit negativen Erfahrungen um bzw. betrachten sie als einen unvermeidlichen Teil der Social-Web-Nutzung.“ Dass sie eklige Bilder sehen, im SchülerVZ gemobbt werden und ihre Daten herausgeben, erscheint ihnen ganz natürlich.

Wer schützt die Nutzer wirklich?

Erst im Februar hatte die Europäische Kommission an die Betreiber sozialer Netzwerke appelliert, Kinder besser zu schützen. Dem vorausgegangen war eine Studie, die prüfte, was die Netzwerkbetreiber in den zurückliegenden Monaten für die Sicherheit der Kinder im Netz getan hatten. Achtzehn Unternehmen, unter ihnen Facebook, Myspace, VZnet und Youtube, hatten im Februar 2009 die Erklärung „Safer Social Networking Principles“ unterzeichnet, in der sie besseren Schutz der jungen Nutzer versprachen. Als Anfang 2010 die Umsetzung der Versprechen überprüft wurde, stellte sich heraus: Lediglich vierzig Prozent der Anbieter erstellen bei Nutzern unter achtzehn Jahren Profile, die standardmäßig nur von deren Freunden eingesehen werden können, und sogar nur ein Drittel reagiert auf Nutzermeldungen, in denen um Hilfe gebeten wird. Zwar habe sich in dem Jahr auch einiges verbessert, aber das reiche nicht, meint der Medienwissenschaftler Schmidt, der für die EU-Studie das Beispiel SchülerVZ untersuchte.

Schüler nutzen die Dienste - vor allem SchülerVZ und verschiedene Messenger - ohne große Bedenken. Wer nicht mitmachte, sei isoliert, hat Schmidt beobachtet. „Ein typischer Nachmittag sieht so aus, dass das Kind aus der Schule kommt und den Computer einschaltet - er läuft nebenbei, SchülerVZ läuft, Videolinks werden verschickt, über den Messenger wird gechattet.“ Wenn der Rechnerzugang wegfällt, kann das als Gefahr für die Integration im Freundeskreis wahrgenommen werden, denn wie zu allen Zeiten suchen die Heranwachsenden Anschluss an ihre Peergroup, heutzutage eben auch im Internet. Mobbing ist dort - wie auch auf dem Schulhof - keine Seltenheit, nur dass die Gemeinheiten im Internet jahrelang zu lesen sind und man ihnen auch außerhalb des Schulgeländes nicht entkommt. In seiner Studie berichtet Schmidt über einen Jungen, der sich nicht zur Wehr zu setzen wusste. Der wisse zwar, dass er die Beleidigungen und peinlichen Fotos, auf denen er verlinkt worden war, „theoretisch bei den Betreibern von SchülerVZ melden und die entsprechenden Nutzer sperren lassen könnte, jedoch hat er bei einem ,Freund' die Erfahrung gemacht, dass sich dieser dann einfach unter einem anderen Namen wieder angemeldet hat“.

Erwachsene tummeln sich in den Netzwerken der Schüler

Auch bei einem Mädchen, deren SchülerVZ-Profil für jeden Nutzer einsehbar ist, stehen üble Beschimpfungen: „Kein wunder dass du gemobbt wirst“, schreibt einer, und ein anderer: „is bestimmt tragisch als mülltonne zu enden“. Die Hänseleien lassen sich über Jahre zurücklesen, offenbar haben weder die Betroffene noch andere Nutzer die Seitenbetreiber erfolgreich zum Löschen der Nachrichten aufgefordert. Auf der Pinnwand vieler Schüler wird auch von Fremden Spam hinterlassen: „hey geht bitte da rauf !!!!! gaaanz wichtig !“, steht auf der Seite eines Mädchens, es folgt der Link zu einer Seite namens „Lisa heiß entjungfert“.

Dass sich bei SchülerVZ auch Erwachsene anmelden können, ist kein Geheimnis. Schmidt weiß zwar, dass man auch „eine externe Form der Validierung“, etwa die Unterschrift der Eltern, einführen könnte, „aber die Anbieter aller Netzwerke haben das strategische Ziel, möglichst schnell zu wachsen“. Heute reicht die Einladung eines SchülerVZ-Mitglieds, um selbst Mitglied zu werden. Schmidt meint, dass es schon helfen würde, den Schülern deutlicher zu machen, dass auch Erwachsene Zugang zu ihrem Netzwerk haben. „Viele Nutzer wähnen sich beispielsweise in geschlossenen und privaten Communities und machen sich nur wenig Gedanken über das Publikum oder über die langfristigen Folgen ihres Handelns, das im Netz dokumentiert bleibt“, hat er in seiner Studie festgestellt.

Wer verkraftet mehr als hundertfünfzig Freunde?

Schmidt wünscht sich bei SchülerVZ die Möglichkeit, dass die Nutzer innerhalb des eigenen Kontaktnetzwerks differenzierter abstufen können, wem gegenüber sie was preisgeben. Die durchschnittliche Zahl der „Freunde“ liege wohl bei mehr als 150: „Da ist nicht überall die gleiche Beziehungsqualität gegeben.“ Soziale Netzwerke und ihre Bedeutung in den Cliquen zwängen die Jugendlichen dazu, ihr Privatleben explizit offenzulegen. Nur dadurch könnten sie teilhaben, „doch die dort ablaufenden Kommunikationen sind persistent, durchsuchbar, kopierbar und für ein ,unsichtbares Publikum' einsehbar, womit die Grenzen der eigenen Privatsphäre nicht mehr deutlich gezogen werden können“.

Diese Gefahr sieht Schmidt bei allen Netzwerken, die Jugendliche nutzen. Doch bei Myspace etwa seien ganz andere Grundprämissen gegeben als beispielsweise bei den Netzwerken des Unternehmens VZnet, das auch das SchülerVZ betreibt. So stehe bei Myspace eher der „künstlerische Bereich“ im Vordergrund, die Möglichkeiten der Pseudonymnutzung seien deutlich größer. Bei SchülerVZ wird dagegen nicht verhehlt, dass die persönlichen Daten der Schüler an Unternehmen weitergegeben werden: Wer etwa die beliebte App „Brain Buddies“ nutzen will, wird darüber informiert, dass „Vorname, Nachname, Profilbild, Freunde“ an den externen Anbieter übermittelt werden.

Schreib' mir dein Gehirngewicht

Schmidt findet gut, dass offen darauf hingewiesen wird, vermutet aber: „Der Hinweis wird routinemäßig weggeklickt.“ Das Bewusstsein für mögliche Gefahren sei nicht weit verbreitet. „Brain Buddies“, ein Spiel, bei dem man sein „Gehirngewicht“ ermitteln soll, hat inzwischen mehr als 730.000 Benutzer.

Einige Schüler bemühen sich schon heute, die Netzwerke nicht bedenkenlos zu nutzen und sich nicht alles gefallen zu lassen. „Respekt im Netz“ heißt eine Gruppe bei SchülerVZ. Doch Gruppen wie „dein gesicht is wie ein turnschuh, reintreten und wohlfühlen“ werden ebenfalls geduldet.

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