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Social Media : Digitale Provinzler statt Kosmopoliten

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Die Sozialen Medien verändern die Kommunikation, hin zur Provinzialisierung. Bild: AFP

Soziale Netzwerke sind voll von beruflich Weltreisenden. Doch sie befördern nicht den Kosmopolitismus, sondern die Provinzialisierung der Kommunikation.

          Die emblematischen Begriffe, die in der vergleichsweise jungen Geschichte der digitalen Kommunikation für deren Verkehrsformen gebildet wurden, sind in ihrer Mehrzahl vormodernen Erfahrungsbereichen entlehnt. Die Metapher vom „global village“, die Marshall McLuhan 1962 in seiner Studie „Die Gutenberg-Galaxis“ für die Tendenz elektronischer Netzwerke fand, unterschiedliche Gesellschaften und Kulturen zu verbinden, beschreibt die spätmoderne Konstellation, die mit ihr bezeichnet ist, in Anlehnung an die Ikonographie der Agrargesellschaft. Auch der Begriff „digital bohemian“, mit dem die amerikanischen Medienkünstler Gary Danner und Elisa Rose 1995 das Personal der expandierenden Medien- und Kommunikationsberufe bezeichneten und den Sascha Lobo und Holm Friebe 2006 mit ihrem Buch „Wir nennen es Arbeit“ in Deutschland popularisierten, evoziert mit dem Rekurs auf die Bohème ein anachronistisches Phänomen.

          Die Künstlerbohème im Europa des ausgehenden neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts war zwar eine Erscheinung der Großstädte, ihre Angehörigen versammelten sich bevorzugt in Cafés und Kneipen in Paris, Berlin oder Wien. Doch mit ihren Kommunikationsformen richtete sich die Bohème zugleich gegen den Siegeszug der Moderne. Inmitten der Anonymität der Metropolen wollte sie die vermeintliche Unmittelbarkeit überschaubarer Freundschaftsbande rehabilitieren. Statt den Warenmarkt zu bedienen, sollte den Künstlern Gelegenheit gegeben werden, ihr Publikum kennenzulernen und die Grenze zwischen Produzenten und Rezipienten wenigstens punktuell aufzuheben.

          Angesichts der vielberufenen transzendentalen Obdachlosigkeit wollten die Bohemiens, deren frühe Repräsentanten Marx deshalb abschätzig dem Lumpenproletariat zuschlug, Oasen von Authentizität, Mitmenschlichkeit und gerechtem Tausch schaffen. Cafés und Kneipen waren ihnen weniger Orte der urbanen Zerstreuung als der eingeschworenen Gemeinschaft – Gegenorte zum großstädtischen Leben, dessen Prinzip sie suspendieren sollten. Dass viele Künstler der Berliner Bohème, wie Else Lasker-Schüler, Paul Scheerbart und Peter Hille, Kontakte zur Landkommunenbewegung unterhielten, ist insofern kein Widerspruch.

          Inmitten totaler Vermittlung das Unmittelbare zu suchen scheint auch ein Impuls der Kommentatoren zu sein, welche die sozialen Netzwerke des Internets als Foren nicht-hierarchischer, pluralistischer Kommunikation feiern oder sie zumindest zu solchen erheben wollen. Dabei war die Kluft zwischen dem Grad der technologischen Vermittlung von Kommunikation und dem falschen Schein ihrer Unmittelbarkeit nie größer als in der Gegenwart.

          Das Schreiben verlernen

          Auch die für das bürgerliche Zeitalter typische Briefkommunikation war durch und durch vermittelt. Wer sie pflegen wollte, musste nicht nur über halbwegs elaborierte Kenntnisse von Syntax und Grammatik verfügen, sondern auch über besondere Materialien und die Fertigkeiten für deren Gebrauch. Die verschiedenen Stufen der Vermittlung, vom ersten hingeschriebenen Satz bis zur Versendung des Geschriebenen oder seiner Veröffentlichung, blieben bei der analogen Kommunikation jedoch stets auf störrische Weise präsent. Weder mit der Feder noch mit der Schreibmaschine lässt sich überall und auf beliebige Weise arbeiten, sie verlangen nach geeigneten Orten und spezifischen Haltungen, die sich in der Gestik der Menschen sedimentiert haben. In den ikonischen Darstellungen der einsam-sehnsüchtigen Briefschreiberin, des Journalisten an der Reiseschreibmaschine oder der verloren am Cafétisch sitzenden Postkartenkritzlerin sind solche Gesten festgehalten.

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