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Veröffentlicht: 27.09.2009, 20:03 Uhr

Sloterdijk antwortet Das elfte Gebot: die progressive Einkommenssteuer

Ach, Professor! In der „Zeit“ beschuldigt mich Axel Honneth, ich hätte zum fiskalischen Bürgerkrieg aufgerufen, die Demokratie sei in Gefahr. Man hätte ihn vorher eine Textkenntnisklausur schreiben lassen sollen. Ein Offener Brief von Peter Sloterdijk.

von Peter Sloterdijk
© Niemand hat Herrn Honneth zu einer Meinung über mein Werk gezwungen: Peter Sloterdijk

Liebe Kollegen, haben Sie Dank für die Zusendung der Attacke des Frankfurter Philosophieprofessors Axel Honneth, der meinen Aufsatz in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 10. Juni („Die Revolution der gebenden Hand“) zum Anlass nimmt, über meine philosophische und schriftstellerische Arbeit im ganzen den Stab zu brechen. Sie nennen den Vorgang einen „scharfen Angriff“, und ich ahne, was Sie meinen, obschon ich in dem, was vorgebracht wird, mehr Dumpfheit als Schärfe zu beobachten glaube.

In dieser Situation schlagen Sie etwas vor, was unter günstigen Bedingungen zu einer erkenntnisfördernden Auseinandersetzung vor großem Publikum führen könnte: Eine Erwiderung des Angegriffenen auf die Vorwürfe des Kontrahenten und eine Einladung weiterer Diskutanten zu einer „großen Debatte“. Im Prinzip wäre gegen ein solches Verfahren nichts einzuwenden - die Gleichheit der Waffen und die Fairness bei der journalistischen Präsentierung vorausgesetzt.

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Leider sind die Prämissen für eine solche „Kontroverse“ im aktuellen Fall nicht gegeben. Das Publikum der „Zeit“ kennt ja größtenteils den inkriminierten Artikel nicht - dieser hätte also fürs erste fairerweise nochmals vollständig abgedruckt werden müssen, damit die Leserschaft Ihrer Zeitung eine Chance erhielte, zu erfahren, wovon die Rede ist. Alles andere kann nur zu einer Fortsetzung des Schattenboxens führen, das der „Zeit“-Artikel vom 24. September mit einigen kuriosen Schlägen in die Luft eröffnet.

 Prof. Axel Honneth, Adorno Lehrstuhl, IfS © F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes Vergrößern Desinteressiert, müde und humorlos? Axel Honneth lehrt Philosophie in Frankfurt

Aus meiner Sicht steht eines von vorneherein außer Zweifel: Wenn ein Aufsatz wie der genannte auf der einen Seite derart lebhaften Applaus erhält, wie er zu beobachten war, und auf der anderen so heftig angefeindet und verzerrt wird, wie die Attacke des Philosophieprofessors es vorführt, dann muss er einen extrem empfindlichen Punkt berührt haben. Vermutlich sind Fragen des Nehmens und Gebens - neben der Sexualität - die sensitivsten Angelegenheiten, die überhaupt vor Publikum verhandelt werden können. Es sind die Fragen, die unverkennbar die thymotischen (die stolzhaften, die zornhaften und die ressentimenthaften) Leidenschaften aufwühlen - Affekte, denen ich in meinem Buch „Zorn und Zeit“ einigermaßen umfangreiche Überlegungen gewidmet habe.

Weltgeschichtlich beispielloses System der Umverteilung

Ich stelle noch einmal in Kürze dar, worauf mein aktueller Aufsatz im Rahmen der Krise-des-Kapitalismus-Debatte der F.A.Z. hinaus wollte: Der moderne Steuerstaat hat das Zeitalter der einseitigen Plünderung der Armen durch die Mächtigen beendet - eine Tatsache, die schlechthin niemand auf der Welt bedauern dürfte. Der Proudhonsche Satz: „Eigentum ist Diebstahl“ hatte die alte Ordnung der Dinge polemisch auf den Begriff gebracht. Seither hat die politische Moderne ein weltgeschichtlich beispielloses System der Umverteilung erarbeitet, in dem der zugleich liberale und soziale Staat sich Jahr für Jahr rund die Hälfte aller Wertschöpfungsergebnisse der wirtschaftenden Gesellschaft aneignet und diese nach Maßgabe seiner Funktionen und Pflichten neu verteilt - in der BRD macht die Abschöpfungsmasse seit dem Jahr 2.000 regelmäßig eine Summe von etwa 1.000 Milliarden Dollar aus. Der „nehmende Staat“ beruft sich - zumindest auf dem linken Parteienspektrum - noch heute auf die Überzeugung, dass gegen den ungerechten primären Diebstahl nur ein korrigierender gerechter Gegendiebstahl Abhilfe schafft: Marxistisch heißt diese Prozedur seit dem neunzehnten Jahrhundert „Expropriation der Expropriateure.“

Mein Aufsatz nimmt gegenüber dieser Entwicklung eine bedingungslos bejahende Perspektive ein. Seit Jahren werde ich nicht müde, auf einschlägigen Konferenzen meine Überzeugung zu bekennen, dass die progressive Einkommenssteuer die maßgeblichste moralische Errungenschaft seit den Zehn Geboten darstellt. Weil ich die Denkfigur des Gegendiebstahls wichtig, um nicht zu sagen: epochal bedeutsam finde (sie hat von Rousseau über Marx und Lenin bis hin zu Steinbrück Geschichte gemacht), verwende ich für sie gelegentlich auch das provozierende Wort „Kleptokratie“ - ein Ausdruck, der geeignet ist, Habende und Nichthabende aus ihrem dogmatischen Schlummer zu wecken.

Ein Plädoyer für die Umstellung von Enteignung auf Spende

Als unverbesserlicher Verteidiger einer sozialdemokratischen (oder wie ich der Deutlichkeit zuliebe sage: semi-sozialistischen) Logik habe ich nur einen einzigen, allerdings schwerwiegenden Einwand gegen die bestehenden Verhältnisse vorzubringen: Ich nehme daran Anstoß, dass niemand das aktuelle System der Zwangsbesteuerung als solches in Frage stellt - auch wenn man hin und wieder über die „Vereinfachung“ der Besteuerungsverfahren und über deren Reform im Sinne der „sozialen Gerechtigkeit“ diskutiert. Nirgendwo wird auch nur hypothetisch darüber nachgedacht, ob es nicht besser insgesamt durch eine geregelte Praxis der öffentlichen Spenden zu ersetzen wäre. Tatsächlich endet mein Aufsatz mit dem Aufruf zu einem moralisch und politisch anspruchsvollen Gedankenexpriment: Angenommen, der moderne Staat brauchte tatsächlich genau die Summen, die er heute durch Zwangssteuern eintreibt: So soll er sie erhalten.

Jedoch: Wäre es dann nicht viel würdevoller und sozialpsychologisch produktiver, dieselben Beträge würden nicht durch fiskalische Zwangsabgaben aufgebracht, sondern in freiwillige Zuwendungen von aktiven Steuerbürgern an das Gemeinwesen umgewandelt? Würde man nicht erst nach dieser Umstellung von Enteignung auf Spende wirklich von einer Zivilgesellschaft sprechen dürfen, in der die Bürger mit dem Gemeinwesen durch eine permanente Selbstüberwindung und eine stetige Bestätigung des Etwas-Übrig-Habens fürs Allgemeine und Gemeinsame verbunden sind? Würde nicht erst durch eine solche Veränderung die Wende von einer gierbeherrschten zu einer stolzbewegten Gesellschaftsform bewirkt, von der so viele Kritiker der bestehenden Verhältnisse - gerade auch im linken Spektrum - zu träumen schienen? Was soll überhaupt aus einer Linken werden, die exklusiv an den Begriffen „Enteignung“ und „Besteuerung“ klebt und der zu einer Ethik der Gabe schlechterdings nichts einfällt?

Lesen wir vor diesem Hintergrund das Referat des Philosophieprofessors, dem Ihre Zeitung zwei volle Seiten zur Verfügung gestellt hat, damit er die Ergebnisse seiner Befassung mit meinem Aufsatz dem Publikum vermittle! Was lesen wir? Da steht, ob man seinen Augen traut oder nicht, tatsächlich Folgendes: Der Verfasser des F.A.Z.-Aufsatzes rufe die Wohlhabenden zum „antifiskalischen Bürgerkrieg“ auf! Da steht: Der gute Mann, dessen Ansichten bedauerlicher viele interessant finden, habe seinen Kredit jetzt endgültig überzogen, ja, man habe Grund, sich über den Zustand der Demokratie Sorgen zu machen, solange unseriösen Stimmen wie dieser überhaupt Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Eine auf den Kopf gestellte Grundaussage

Das Verfahren, das unser Professor für seine Auslassungen wählt, ist gewiss nicht neu: Er erfindet eine abstruse These, um sich über sie aufregen zu können - und indem er seine Hysterie exhibiert, wünscht er, eine möglichst große Zahl von Uninformierten in seine Aufgeregtheit mitzunehmen. Üblicherweise funktioniert so etwas hierzulande ziemlich gut, bevor eine genauere Lektüre zur Entzerrung des Geschehens führt.

Nun kann ich Ihnen, liebe „Zeit“-Redaktion, mit einfachen Worten erklären, warum ich an einer „Debatte“, wie Sie sie vorschlagen, nicht teilnehmen kann. Zu einer Debatte gehören Kenntnisse - in unserem Fall wären dies ausführliche Lektüren in den Schriften des Kontrahenten. Wenn aber unser aufgeregter Philosophieprofessor nicht fähig und nicht willens ist, einen Aufsatz von zehn, zwölf Seiten nach den Regeln der Kunst zu rezipieren, ohne gröbste Verzerrungen vorzunehmen, ja, ohne die Grundaussage auf den Kopf zu stellen, dann hat es von vorneherein keinen Sinn, mit ihm über den Unterschied zwischen seinem und meinem „Modus des Philosophierens“ zu reden.

Ein Lektürerückstand von achttausend Seiten

Die Wahrheit ist doch, unser Professor hat in Bezug auf meine Arbeit einen Lektüre-Rückstand von, freundlich geschätzt, sechstausend bis achttausend Seiten - was sinngemäß besagt, dass er wahrscheinlich weniger als zehn Prozent meiner Publikationen kennt, möglicherweise nicht einmal so viel und selbst diesen Rest nur flüchtig und ohne guten Willen zum adäquaten Referat. Gegen solche Defizite hilft auch das hastige Herumblättern und das zufällige Zitieren aus willkürlich aufgeschlagenen Büchern nicht - eben dies ist das Verfahren, das er in dem „Zeit“-Artikel an den Tag legt, um Kenntnisse vorzutäuschen. Alles, was der Autor des polemischen Artikels aus meinen Schriften anführt, sind typische Last-minute-Zitate; seine Kommentare sind durchwegs von enttäuschendem Niveau und meistens schon auf der simpelsten Verständnisebene falsch. Aus seinen Bemerkungen zu meinem Werk spricht allein eine moralisch relevante Tatsache: dass er zu desinteressiert, zu müde und zu humorlos ist, als dass er sich dem Anspruch meiner Arbeiten aussetzen könnte. Niemand hat ihn dazu gezwungen, über meine Bücher eine Meinung zu haben - aber wenn er eine solche äußern möchte, sollte er sie auf Grund von Kenntnissen vortragen und nicht unter dem Einfluss von automatischen Abwehrreflexen.

Ein letztes Wort zu dem von Ihnen geäußerten Wunsch, eine breite Debatte über den Gegensatz von „Professorenphilosophie“ und „literarischer Philosophie“ in Gang zu setzen: Dies könnte nur dann zu einer erhellenden Auseinandersetzung führen, wenn es den so bezeichneten Gegensatz wirklich gäbe. In Wahrheit, fürchte ich, existiert eine solche Front allein in der Einbildung von verständnislosen externen Beobachtern. Es gibt nur plausible und unplausible Argumente, kreatives und stagniertes Denken, mutige und feige Reflexion, großzügige und bornierte Gesinnung, interessante und langweilige Schreibweise. Es wäre verrückt zu glauben, solche Gegensätze hätten etwas mit dem „Gattungsunterschied“ zwischen akademischem und literarischem Theorie-Stil zu tun. Dies wäre eine Beleidigung für die guten Autoren auf beiden Seiten und ein Affront gegen die guten Leser hier wie dort. Nun urteilen Sie selbst, wo unser ziemlich boshafter und sehr leseschwacher Philosophieprofessor einzuordnen ist.

Was lernt man aus der ganzen Affäre? Ich denke: nichts, was nicht längst offenkundig war. Ich besitze seit längerer Zeit eine beachtliche Sammlung an Beispielen dafür, wie weit manche abgehängte Kollegen bei der Zurschaustellung ihrer Stagnation und Frustration zu gehen bereit sind. Nun hat unser unglücklicher Frankfurter Professor ein neues Beispiel hinzugefügt. Enthält es eine neue Information? Ich sehe keine, außer vielleicht dieser: So, wie es kein staatlich festlegbares Limit für die Gier von Finanzmanagern gibt, so gibt es auch keine legale Obergrenze für Giftkonzentrationen in glücklosen Philosophieprofessoren.

Glosse

Der erste Leser

Von Tilman Spreckelsen

Erst war es Bewunderung, dann war es nur so eine Phase: Martin Walser pflegte ein durchaus kompliziertes Verhältnis zu Arno Schmidt. Mehr 1

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