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Sloterdijk antwortet : Das elfte Gebot: die progressive Einkommenssteuer

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Niemand hat Herrn Honneth zu einer Meinung über mein Werk gezwungen: Peter Sloterdijk Bild:

Ach, Professor! In der „Zeit“ beschuldigt mich Axel Honneth, ich hätte zum fiskalischen Bürgerkrieg aufgerufen, die Demokratie sei in Gefahr. Man hätte ihn vorher eine Textkenntnisklausur schreiben lassen sollen. Ein Offener Brief von Peter Sloterdijk.

          Liebe Kollegen, haben Sie Dank für die Zusendung der Attacke des Frankfurter Philosophieprofessors Axel Honneth, der meinen Aufsatz in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 10. Juni („Die Revolution der gebenden Hand“) zum Anlass nimmt, über meine philosophische und schriftstellerische Arbeit im ganzen den Stab zu brechen. Sie nennen den Vorgang einen „scharfen Angriff“, und ich ahne, was Sie meinen, obschon ich in dem, was vorgebracht wird, mehr Dumpfheit als Schärfe zu beobachten glaube.

          In dieser Situation schlagen Sie etwas vor, was unter günstigen Bedingungen zu einer erkenntnisfördernden Auseinandersetzung vor großem Publikum führen könnte: Eine Erwiderung des Angegriffenen auf die Vorwürfe des Kontrahenten und eine Einladung weiterer Diskutanten zu einer „großen Debatte“. Im Prinzip wäre gegen ein solches Verfahren nichts einzuwenden - die Gleichheit der Waffen und die Fairness bei der journalistischen Präsentierung vorausgesetzt.

          Leider sind die Prämissen für eine solche „Kontroverse“ im aktuellen Fall nicht gegeben. Das Publikum der „Zeit“ kennt ja größtenteils den inkriminierten Artikel nicht - dieser hätte also fürs erste fairerweise nochmals vollständig abgedruckt werden müssen, damit die Leserschaft Ihrer Zeitung eine Chance erhielte, zu erfahren, wovon die Rede ist. Alles andere kann nur zu einer Fortsetzung des Schattenboxens führen, das der „Zeit“-Artikel vom 24. September mit einigen kuriosen Schlägen in die Luft eröffnet.

          Desinteressiert, müde und humorlos? Axel Honneth lehrt Philosophie in Frankfurt

          Aus meiner Sicht steht eines von vorneherein außer Zweifel: Wenn ein Aufsatz wie der genannte auf der einen Seite derart lebhaften Applaus erhält, wie er zu beobachten war, und auf der anderen so heftig angefeindet und verzerrt wird, wie die Attacke des Philosophieprofessors es vorführt, dann muss er einen extrem empfindlichen Punkt berührt haben. Vermutlich sind Fragen des Nehmens und Gebens - neben der Sexualität - die sensitivsten Angelegenheiten, die überhaupt vor Publikum verhandelt werden können. Es sind die Fragen, die unverkennbar die thymotischen (die stolzhaften, die zornhaften und die ressentimenthaften) Leidenschaften aufwühlen - Affekte, denen ich in meinem Buch „Zorn und Zeit“ einigermaßen umfangreiche Überlegungen gewidmet habe.

          Weltgeschichtlich beispielloses System der Umverteilung

          Ich stelle noch einmal in Kürze dar, worauf mein aktueller Aufsatz im Rahmen der Krise-des-Kapitalismus-Debatte der F.A.Z. hinaus wollte: Der moderne Steuerstaat hat das Zeitalter der einseitigen Plünderung der Armen durch die Mächtigen beendet - eine Tatsache, die schlechthin niemand auf der Welt bedauern dürfte. Der Proudhonsche Satz: „Eigentum ist Diebstahl“ hatte die alte Ordnung der Dinge polemisch auf den Begriff gebracht. Seither hat die politische Moderne ein weltgeschichtlich beispielloses System der Umverteilung erarbeitet, in dem der zugleich liberale und soziale Staat sich Jahr für Jahr rund die Hälfte aller Wertschöpfungsergebnisse der wirtschaftenden Gesellschaft aneignet und diese nach Maßgabe seiner Funktionen und Pflichten neu verteilt - in der BRD macht die Abschöpfungsmasse seit dem Jahr 2.000 regelmäßig eine Summe von etwa 1.000 Milliarden Dollar aus. Der „nehmende Staat“ beruft sich - zumindest auf dem linken Parteienspektrum - noch heute auf die Überzeugung, dass gegen den ungerechten primären Diebstahl nur ein korrigierender gerechter Gegendiebstahl Abhilfe schafft: Marxistisch heißt diese Prozedur seit dem neunzehnten Jahrhundert „Expropriation der Expropriateure.“

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