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Sinneswandel : Warum ich kein hirntoter Linker mehr bin

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Die Weltanschauung, mit der ich auf einmal nichts mehr anfangen konnte: dass alles immer schlecht ist Bild: AFP

Lange glaubte der Dramatiker David Mamet, „dass der Staat korrupt, der Mensch prinzipiell gut sei und alle Unternehmer Ausbeuter seien.“ Das ist vorbei. „Ich habe jahrzehntelang einen linken Standpunkt vertreten, aber ich glaube, ich habe meine Meinung geändert“, schreibt er nun. Ein Gastbeitrag.

          Als John Maynard Keynes einmal vorgeworfen wurde, seine Meinung geändert zu haben, antwortete er: „Wenn sich die Fakten ändern, ändere ich meine Meinung. Und Sie, was machen Sie?“

          Mein Lieblingsbeispiel für Sinneswandel ist eine Theaterkritik Norman Mailers. Für die „Village Voice“ sollte er über die New Yorker Premiere von „Warten auf Godot“ berichten. Das größte Bühnenstück des zwanzigsten Jahrhunderts. Mailer ging gar nicht erst hin. Er bezeichnete es als Mist. Als er „Godot“ dann später sah, erkannte er seinen Fehler. Da schrieb er schon nicht mehr für die „Voice“. Also kaufte er eine ganze Seite, schrieb einen Widerruf und feierte das Stück als das Meisterwerk, das es ist. Der Traum eines jeden Dramatikers.

          Aber ich schweife ab. Ich schrieb ein Stück über Politik und begann während des „Schreibprozesses“, wie man so schön sagt, über Politik nachzudenken. Diese Bemerkung ist weniger banal, als sie vielleicht klingt. „Porgy und Bess“ besteht aus einem Haufen guter Songs, hat aber nichts mit dem Verhältnis zwischen Weißen und Schwarzen zu tun, dem praktischen Etikett, das ihm verpasst wurde. In meinem Stück ging es tatsächlich um Politik, also um die Konflikte zwischen Menschen mit gegensätzlichen Ansichten. In meinem Stück stehen sich ein egoistischer, korrupter, bestechlicher und pragmatischer Präsident und seine linke, lesbische, utopisch-sozialistische Redenschreiberin gegenüber.

          Ich glaube, ich habe meine Meinung geändert

          Das Stück ist, von dem Feuerwerk an witzigen Dialogen einmal abgesehen, eine Debatte zwischen Vernunft und Glauben beziehungsweise zwischen dem konservativen (tragischen) und dem linken (perfektionistischen) Standpunkt. Der konservative Präsident in meinem Stück vertritt die Ansicht, dass die Leute einfach ihren Lebensunterhalt verdienen wollen und dass der Staat dies am besten gewährleistet, indem er sich heraushält, da die unvermeidlichen Ungerechtigkeiten und Unzulänglichkeiten eines solchen Systems der freien Marktwirtschaft weniger schlimm sind als staatliche Interventionen.

          Ich habe jahrzehntelang einen linken Standpunkt vertreten, aber ich glaube, ich habe meine Meinung geändert. Als Kind der sechziger Jahre akzeptierte ich den Glaubensartikel, dass der Staat korrupt, der Mensch prinzipiell gut sei und alle Unternehmer Ausbeuter seien. Mit den Jahren setzten sich diese Thesen als zunehmend realitätsfremde Vorurteile in mir fest. Warum realitätsfremd? Weil ich von diesen Ansichten zwar noch überzeugt war, sie in meinem Leben aber nicht mehr anwendete. Woher ich das weiß? Meine Frau hat es mir gesagt. Wir saßen im Auto und hörten National Public Radio. Ich spürte, wie sich meine Gesichtszüge verhärteten und sich in meinem Kopf die Worte „So ein Schwachsinn!“ bildeten. „Was?“, entgegnete meine Frau. Ihr knappes, elegantes Resümee stieß mich, wie so oft, auf eine tiefere Wahrheit: ich hatte jahrelang NPR gehört und die einschlägigen Meinungsorgane gelesen, ohne sagen zu können, was stärker war: Staunen oder Wut. Ferner stellte ich fest, dass ich mich - ganz sympathisch, wie mir schien - jahrelang als „hirntoter Linker“ und NPR als „National Palestinian Radio“ verstanden hatte.

          Wie konnte ich jahrzehntelang glauben, dass alles schlecht ist?

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