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Veröffentlicht: 06.08.2015, 22:44 Uhr

Humboldt-Forum Die Krux mit dem Kolonialismus

Mit dem Schlagwort „shared heritage“ weicht das geplante Humboldt-Forum der entscheidenden Frage aus: Wie kann sich auch Deutschland dem Dialog der Kulturen stellen?

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© dpa Für einen echten Dialog der Kulturen: Sich auf institutionaler Ebene dem Blick der anderen auszusetzen, täte der Bundesrepublik gerade jetzt gut.

In die Kolonialismus-Falle will das Humboldt-Forum auf keinen Fall tappen. Kurz bevor Neil MacGregor seine mit höchsten Erwartungen belegte Konzeptarbeit an dem in enger Absprache mit Bundestag, Außenministerium und Kanzleramt fortschreitenden nationalen Projekt aufnimmt, machen seine beiden Mit-Intendanten deutlich, was sie alles zu tun bereit sind, damit die außereuropäischen Sammlungen so dekontaminiert wie nur irgend möglich ihren Bestimmungsort im Berliner Schloss erreichen.

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Eine zentrale Rolle spielt dabei der in Museums- wie Unesco-Kreisen populäre Begriff des „shared heritage“. Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, übersetzt das Wort, ganz in Übereinstimmung mit dem derzeit üblichen internationalen Gebrauch, als „intensive und dauerhafte Kommunikation mit den Herkunftsländern der Sammlungen, mit Kulturwissenschaftlern, Künstlern und Vertretern indigener Gruppen“. Die so erreichte „Multiperspektivität“ soll bei der Erkundung der Erwerbsgeschichte der einzelnen Objekte eine Rolle spielen (ging sie auf Raub oder Erpressung zurück?) und auch bei deren Präsentation. So dürfte der deutsche Kolonialismus, einschließlich seiner Greueltaten wie des Massakers an den Herero in Namibia, wohl tatsächlich zum ersten Mal ein größeres Thema in einem deutschen Museum werden.

Darüber hinaus schwebt Parzinger vor, Stücke wie den Federmantel, den der König von Hawaii 1828 seinem preußischen Kollegen schenkte, auch mit zeitgenössischer Kunst zu konfrontieren, um dadurch Verbindungslinien bis in die Gegenwart zu ziehen. Wie konkret manche Verhandlungen mit politischen, ökonomischen und religiösen Interessenvertretern in den Herkunftsländern schon geworden sind, merkt man den Überlegungen an, die Horst Bredekamp, der im Planungs-Triumvirat sitzende Kunsthistoriker von der Humboldt-Universität, kürzlich in einem Interview anstellte: Man könne daran denken, die spirituellen unter den Objekten nachts zur Verehrung freizugeben, was dann ja der säkularen Bestimmung des im Tageslicht agierenden Museums nicht ins Gehege komme. „Bei Schrumpfköpfen“, führte Bredekamp weiter aus, „ist die Frage der Dignität eine andere, hier wäre eine Rückführung zu erörtern.“ In der Konsequenz mag das bisweilen ulkig wirken, der Fortschritt gegenüber den von derartigen politischen Zusammenhängen ganz unberührten ersten Planungen des Humboldt-Forums ist jedenfalls unverkennbar.

Geteiltes Erbe könnte als Vorwand missbraucht werden

Doch das Schlagwort „shared heritage“ enthält bei all seinem kritischen und fortschrittlichen Gestus noch etwas anderes: einen fortdauernden Anspruch auf die Kulturen, die man im selben Atemzug in ihrem Eigenwert respektieren zu wollen vorgibt. Auf der Website des Britischen Museums, dessen Direktor Neil MacGregor bisher war, dient der Begriff als Begründung dafür, weshalb die in London ausgestellten Teile des Parthenon-Tempels nicht, wie von Athen gefordert, an Griechenland zurückgegeben werden: „Sie sind ein Teil des ‚shared heritage‘ der Welt, und sie überschreiten politische Grenzen.“ Das Britische Museum erzähle die Geschichte der kulturellen Errungenschaften der gesamten Welt und gestatte einer globalen Öffentlichkeit, das komplexe Netzwerk der miteinander verbundenen Kulturen und ihrer wechselnden Identitäten zu erkunden.

Darin steckt nicht nur die sympathisch klingende Behauptung, dass es in fortgeschrittener kultureller Perspektive auf Ländergrenzen letztlich nicht mehr ankomme und wir uns alle mehr als Teil einer gemeinsamen Menschheit verstehen sollten. Die Vokabel „shared heritage“ reklamiert damit zugleich auch ein Interpretationsmonopol auf diese gemeinsame Welt: Alle Kulturen sollen sich damit einverstanden erklären, dass ihre Geschichten vom Aufstieg, Kampf und Fall der Identitäten weiterhin von Europa aus erzählt werden und dort ihren legitimen Richter oder wenigstens Moderator haben.

Die eigene Position dem Dialog aussetzen

Das mag für ein ehemaliges Kolonialmuseum wie das Britische angehen, das heute immerhin eine Menge selbstkritischer Kautelen in seine Ausstellungen einbezieht. Doch der Ausgangspunkt des Humboldt-Forums ist ein völlig anderer. Die nachgebaute Hülle einer preußischen Tradition, die etwas zeitgenössisch Grenzsprengendes beherbergen soll, das zugleich die Identität des ihn umgebenden Staats verändert: das ist ein so unerhörter Ehrgeiz, dass ihn ein Konzept wie „shared heritage“, das die alte koloniale Blickrichtung bloß in freundlicherer Form perpetuiert, unmöglich befriedigen kann.

Die Idee eines auf höchster staatlicher Ebene installierten „Dialogs der Kulturen“ würde, nähme man ihn beim Wort und nicht als die billigste aller Münzen, die er in den internationalen Beziehungen meistens ist, etwas ganz anderes erfordern: nämlich auch die eigene – europäische, deutsche – Position dem Dialog auszusetzen, statt sie als abgehobenen Ort der Beobachtung der anderen unangetastet zu lassen. Ganz aus der Welt ist eine solche Vorstellung nicht. Hermann Parzinger hat bei Gelegenheit schon öfter darauf hingewiesen, dass sich die europäischen Sammlungen ja gleich in der Nachbarschaft auf der Museumsinsel befinden und für Wechselausstellungen zur Verfügung stehen werden. Er hat in Aussicht gestellt, dass es beim Humboldt-Forum auch um das gegenwärtige Verhältnis Deutschlands zur Welt gehen könne, und angeregt, dass zum Beispiel mal ein Künstler aus Hawaii eine Ausstellung über Deutschland kuratiere.

Auch der Ort, von dem aus die Welt betrachtet wird, muss Thema sein

Doch eine solch punktuelle Umkehrung der Blickrichtung würde nicht genügen, um den kosmopolitischen Anspruch einzulösen. Es bedürfte eines Gesamtkonzepts, das die Frage nach der Perspektive, nach dem Ort, von dem her die Welt betrachtet werden soll, in seinen Mittelpunkt stellt. Sonst könnten die Besucher in Berlin zwar in möglicherweise klug komponierten Ausstellungen beobachten, wie alles in der Welt sich immer neu dekonstruiert und wieder neu zusammensetzt – und würden zugleich doch den Eindruck gewinnen, dass ausgerechnet die Region, aus deren Blickwinkel das Schauspiel aufgeführt wird, von derartigen Umbrüchen ganz verschont geblieben ist. Eine solche Fiktion würde das ganze Unternehmen, so lehrreich und genau seine übrigen Analysen auch sein mögen, in ein ideologisches Zwielicht rücken.

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Es gibt in Berlin eine Institution, die vom trügerischen Objektivitäts-Gestus bei der Betrachtung anderer schon seit langem Abschied genommen hat: das Haus der Kulturen der Welt (HKW). Statt eine fremde Kultur nach der nächsten abzuhandeln, beschäftigt es sich mit strukturellen, die Welt als Ganze betreffenden Fragen, bei denen die eigene Kultur genauso auf dem Prüfstand steht wie die der anderen, gleich, ob es um Natur, Geschichte oder „Überlebenskunst“ geht. So verwundert es nicht, dass der Intendant des Hauses, Bernd Scherer, in einem Text für den „Tagesspiegel“ kürzlich vorschlug, beim Humboldt-Forum die Objekte auf ähnliche Weise zu „dynamisieren“, indem man hergebrachte geographische und kulturelle Zuschreibungen hinter sich lasse. Als Beispiel stellte er sich eine Ausstellung zu den gegenwärtigen Kriegen im Nahen Osten vor, bei der Drohnen und Rohstoffe genauso eine Rolle spielen würden wie die Bildpolitik des „Islamischen Staats“ und überhaupt der Kampf um kulturelle Symbole, der die Konflikte antreibt.

Ratloser Blick in die Außenwelt

Scherers Text war diplomatisch zurückhaltend, so dass einem sein polemischer Fluchtpunkt leicht entgehen konnte. Im Gespräch sagt er, dass seine Idee letztlich, da es beim Humboldt-Forum anders als beim HKW um Bilder gehe, auf eine planmäßige gegenseitige Infragestellung des Bildkanons der verschiedenen Kulturen hinauslaufe, auch des eigenen. Intellektuelle aus der ganzen Welt könnten in den wechselnden Ausstellungen anhand der europäischen und außereuropäischen Sammlungen des Preußischen Kulturbesitzes wieder die Grundfragen stellen, ohne auf die üblichen Ein- und Zuordnungen Rücksicht nehmen zu müssen: Was ist Kunst, Fortschritt, Geschichte? Allerdings müsste man dabei mit dem Widerstand von Kunsthistorikern rechnen, die sich als Hüter des Kanons verstehen.

Die Auswirkung auf das deutsche Selbstbild spricht Scherer nicht an. Die Bundesrepublik steht gerade jetzt, da ihr eine ungewohnte Machtstellung innerhalb der EU zugefallen ist, etwas ratlos vor der Aufgabe, ihr Verhältnis zur Außenwelt neu zu bestimmen, überhaupt erst zu finden. Da könnte eine institutionalisierte Betrachtung von außen nicht schaden.

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