http://www.faz.net/-gqz-7koii
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 22.12.2013, 22:00 Uhr

Shareconomy Der Terror des Teilens

Wenn die Welt flüchtig wird, kommt es nicht mehr darauf an, was man besitzt. Läuft das am Ende auf den Kommunismus hinaus? Oder eher auf sein Gegenteil?

von
© ddp images Wenn die Dinge nichts mehr wert sind, ist Logistik alles: Die totale Mobilmachung, imaginiert von Luc Besson in seinem Film „Das fünfte Element“

Wenn es nicht mehr in die eigene Wohnung passt, das ganze Zeug, von dem man glaubt, es irgendwann noch einmal zu brauchen, die ausrangierte Kaffeemaschine, der Gartenpavillon von der Einweihungsfeier, die Schuhe, die nie wieder modern sein werden, der Raclette-Grill und die alte Spiegelreflexkamera, wenn der Keller zu klein und die Garage voll ist - selbst dann können manche Menschen sich noch immer nicht von ihrem Krempel trennen. Und mieten stattdessen einen Lagerraum.

Harald Staun Folgen:

Mehr als 50.000 Self-Storage-Einheiten gibt es zum Beispiel in den Vereinigten Staaten, sie kosten monatlich zwischen 100 und 200 Dollar, und die Bilanz dieser Investition ist in der Regel folgende: Nach sechs bis acht Monaten übersteigen die Mietkosten für die Lagerräume den Wert der darin aufbewahrten Gegenstände. Spätestens dies ist der Moment, an dem viele Menschen den Spruch verstehen, den man von Tyler Durden in David Finchers Film „Fight Club“ kennt: „The things you own end up owning you“.

Man muss nicht eine Kammer voller Wohlstandsmüll haben, um Zweifel an der Idee des Eigentums zu haben, es reicht schon das traurige Gefühl, dass einem die eigene Plattensammlung nur noch wie Dekoration vorkommt. Wenn aber selbst die Dinge, die man liebt, beginnen, einem überflüssig zu erscheinen, ist es kein Hippieslogan mehr, dass Besitz zum Ballast wird.

So schnell und komfortabel wie möglich

Und die Parole, die derzeit immer lauter zu hören ist, klingt eher wie ein Versprechen als eine Drohung: Die Zeit des Eigentums, so lautet sie in etwa, neigt sich dem Ende zu. In Zukunft werden wir die Dinge miteinander teilen, was vor allem dadurch möglich wird, dass das Internet die Kosten dieser Transaktionen auf ein rentables Niveau senkt. Und jeder, Geber, Nehmer und vor allem die Umwelt, werde am Ende davon profitieren.

Der Trend zum Teilen hat viele Namen, Ökonomen nennen ihn Sharing Economy, Idealisten Collaborative Consumption oder Kokonsum, und dass man seine Kraft nicht unterschätzen sollte, liegt daran, dass sich diese nicht allein den moralischen Motiven asketischer Konsumkritik verdankt. Dass unsere tägliche Einkaufswut die Umwelt zerstört, dass sie Kinder tötet und Kriege verursacht, konnte der Praxis der Überflussproduktion nie besonders viel anhaben. Aber je flüchtiger das Leben wird, desto weniger besteht Luxus darin, den größten Haufen Kram zu besitzen - oder auch nur die schönsten Objekte der Designkultur. Sondern darin, seine Bedürfnisse zu befriedigen, so schnell und komfortabel wie möglich.

Wer sich heute lieber ein Auto leiht, statt es zu kaufen, tut das nicht unbedingt, weil er sich keines leisten kann, sondern weil es tendenziell eher nervt, selbst eines zu besitzen. Wenn es Carsharing-Systeme möglich machen, für ein paar Euro pro Fahrt mit ständig vollgetanktem und vollkaskoversichertem Wagen durch die Stadt zu fahren, bevor man ihn am Ende auf einem reservierten Parkplatz abstellt, lösen sich die Vorteile des Autobesitzes in Luft auf.

File photo of fans taking photos with their mobile phones during the VH1 Divas Salute The Troops show in San Diego © REUTERS Vergrößern

Und umgekehrt muss man es sich bald, wenn man die Preise sieht, die man bei der Privatwohnungsvermittlung Airbnb für die Vermietung seiner Wohnung bekäme, schon leisten können, dass der Nachbar während des eigenen Urlaubs die Blumen in der leeren Wohnung gießt. Wobei: Bald macht auch der das womöglich nicht mehr aus reiner Freundlichkeit. Und selbst die Distinktionsgewinne, die sich dem Umstand verdanken, dass Besitz nicht einfach nur die Abbildung des Bankkontos ist, sondern auch eine von Geschmack und Bildung, muss man nicht mehr mit dem Erwerb entsprechender Artefakte beweisen: Es zählt die Playlist, nicht der Plattenschrank. Weniger zu haben ist das neue Must-have.

Aus dem Testament der Internetheilsgeschichte

Es sind eher egoistische Gründe, die die Leute zum Teilen motivieren, was die Cheerleader des Trends nicht davon abhält, großzügig ihre Weltverbesserungsrhetorik zu verbreiten. Die amerikanische Autorin Rachel Botsman, die in ihrem Buch „What’s Mine Is Yours: The Rise of Collaborative Consumption“ schon vor drei Jahren die Revolution der geteilten Güter ausgerufen hat, hält kollaborativen Konsum für die Lösung von Weltproblemen von Umweltverschmutzung bis zum allgemein herrschenden Misstrauen.

Die deutsche Website kokonsum.org empfiehlt zu Weihnachten Tauschdienste, die helfen sollen, „dem Konsum-Terror zu trotzen und den ursprünglichen Gedanken von Weihnachten zu leben“. Und die Lobbyorganisation Peers schreibt auf ihrer Website: „Die Sharing Economy hilft uns, unsere Rechnungen zu zahlen, flexible Arbeitszeiten einzurichten, neue Menschen kennenzulernen und mehr Zeit mit unseren Familien zu verbringen“.

Die Utopie der Sharing Economy klingt so messianisch, wie man das auch aus dem Alten Testament der Internetheilsgeschichte kennt, als die Idee der Commons, der öffentlich zugänglichen Gemeingüter, gegen den Kapitalismus der immateriellen Dinge in Stellung gebracht wurde. Und wenn jetzt unseren Autos, Wohnungen und Möbeln derselbe Sturm bevorsteht, der zuvor die Ordnung von Wissen, Bildern, Meinungen auf den Kopf stellte, dann sollte man sich, erstens, nicht auf die Stabilität ihrer Materie verlassen: Man muss die Dinge nicht in Bits verwandeln können, um die Regeln zu ändern, nach denen sie gehandelt werden; der Beweis heißt Amazon.

Es wird jenen geholfen, die eh schon etwas haben

Und zweitens muss man schon ein unverbesserlicher Anhänger der Wachstumsideologie sein, um keine Sympathien für ein Ende der Wegwerfwelt zu haben, für eine Vision, die endlich einen Hebel dafür gefunden zu haben scheint, wie man den Egoismus der Einzelnen zum Wohle aller umsetzt. Commons, das klingt, wenn man nicht so genau hinhört, wie eine Utopie, die einmal unter dem Namen Kommunismus bekannt war: Besitz ist irrelevant, alle helfen allen, womit am Ende auch das Glück des Einzelnen gewinnt. Es läuft aber womöglich genau auf das Gegenteil hinaus.

Dass auch in einer Ökonomie des Teilens erst einmal jenen geholfen wird, die haben, das kann man am Beispiel von Airbnb ganz gut erkennen. In New York hat das Unternehmen gerade Probleme mit dem Staatsanwalt, der von den Hobbyhoteliers gerne auch, ganz altmodisch, eine Übernachtungssteuer eintreiben würde, vor allem von den Topverdienern: Allein die 40 erfolgreichsten Vermieter haben nach Angaben des Unternehmens in den vergangenen drei Jahren jeweils 400.000 Dollar eingenommen.

Und selbst die 90 Prozent der Gastgeber, von denen Airbnb behauptet, dass sie nur das Apartment vermieten, in dem sie selbst wohnen, tun das natürlich in erster Linie, um Geld zu verdienen. Das zeigen letztlich auch die rührenden Geschichten von krisengebeutelten Rentnern und alleinerziehenden Müttern, die dank Airbnb ihre Wohnung behalten konnten. Für viele der 350.000 Gastgeber auf der ganzen Welt mag das die Rettung sein, mit einer Umwälzung der Eigentumsverhältnisse hat es nicht viel zu tun.

Grills, Leitern, Bohrmaschien

Noch einmal anders sieht die Sache aus, wenn man sich die Verhältnisse an der amerikanischen Westküste anschaut, wo seit drei Jahren eine Firma namens Uber für Furore sorgt. Uber begann als Limousinenservice ohne eigene Limousinen: Das Unternehmen stellte nur die App zur Verfügung, die die Bestellung eines Wagens erheblich komfortabler macht als bei den klassischen Fahrdiensten, die Fahrer arbeiten selbständig und tragen das komplette unternehmerische Risiko.

Mittlerweile macht Uber mit kleineren Wagen den Taxis Konkurrenz, aber auch das ist, wenn man den Experten und Investoren glaubt (vor ein paar Monaten steckte Google 258 Millionen Dollar in die Firma), nur ein Schritt auf dem Weg zum nächsten Großkonzern. Uber will nicht das Taxibusiness umkrempeln. Sein Geschäft ist es, Sachen von A nach B zu bringen, schnell, unkompliziert und möglichst günstig. Wenn Dinge ihren Wert verlieren, ist Logistik alles.

Bald, so jedenfalls spekuliert man im Silicon Valley, könnte Uber seine Flotte auch für Lebensmittellieferungen einsetzen; oder eben als Bringdienst für all jene Dinge, die man bisher auch deshalb kaufte, damit man sie im Zweifelsfall sofort zur Hand hat: Grills, Leitern, Bohrmaschinen. Demnächst will die Firma günstige Kredite oder Leasingraten für Neuwagen anbieten, natürlich nur unter der Bedingung, dass die Fahrer danach für Uber arbeiten. Wenn Ubers Vision Wirklichkeit wird, handelt man nicht nur mit Mobilität, sondern mit der Fähigkeit, zu mobilisieren.

Das Versprechen, seine Freizeit verkaufen zu können

Die Auswirkungen auf den großstädtischen Straßenverkehr sind dabei genauso wenig abzusehen wie die ökonomischen Effekte; nur mit einer gerechteren Welt werden sie nicht viel zu tun haben. Der Erfolg von Firmen wie Airbnb oder Uber beruht nicht auf der Nächstenliebe der Menschen oder, wie es die Rhetorik der Firmen vorgibt, auf ihrem Interesse daran, „neue Leute kennenzulernen“. Er resultiert daraus, dass die Informationstechnik von heute Lebensbereiche erschließt, die bisher für eine Kommerzialisierung uninteressant waren. Das ist keine Rückkehr der Commons, es ist ihr Ende.

Der Netzeuphoriekritiker Evgeny Morozov kennt dafür einen besseren Namen als Kommunismus: „Neoliberalismus auf Steroiden“ nannte er die Sharing Economy. Die Idee des kollaborativen Konsums bleibt nicht nur innerhalb der kapitalistischen Logik, sie verschlingt auch die letzten Brachen sinnfreien Vorsichhinlebens. Nach Home Office und Erreichbarkeitsterror verspricht sie jedem, seine Freizeit verkaufen zu können. Das ist der wahre Angriff einer Gesellschaftsordnung des Netzwerks auf die Privatsphäre: Er besteht nicht im Abhören intimer Geheimnisse, sondern darin, den Menschen gar keine Zeit mehr zu lassen, welche zu haben.

Carsharing © dpa Vergrößern

Dass es ums Teilen geht, ist die große Lüge der Sharing Economy. Es geht um Tausch. Und wer immer noch glaubt, dass es Gaben gibt, die nicht erwidert werden wollen, der sollte sich bei einem der zahlreichen Buchbasare im Netz vielleicht noch mal Marcel Mauss’ berühmte Studie besorgen. Selbst hinter sogenannten Tauschbörsen verbergen sich heimliche Währungen, sonst funktionieren sie nicht. Niemand tauscht Silberbesteck gegen ein paar alte Wollsocken, da kann es ihn noch so an den Zehen frieren. Und wer sich von den netten Menschen helfen lassen will, die sich in sogenannten Nachbarschaftsnetzen anbieten, findet vor allem Mikrounternehmer, die für ein paar Euro Aufgaben erledigen, die einmal Freundschaftsdienste hießen: Ikearegale zusammenbauen, Fahrräder reparieren, Bilder aufhängen.

Mehr zum Thema

Das Schweizer Telekommunikationsunternehmen Swisscom arbeitet seit kurzem mit dem „Shareconomy-Start-up“ Mila zusammen. Dessen Experten, die den Titel „Swisscom Friends“ tragen dürfen, sollen Kunden helfen, „kleine Alltagsprobleme“ zu lösen, ohne den professionellen Service des Konzerns bemühen zu müssen, zum Beispiel die Bedienung des Smartphones erklären. Bezahlt werden die freundlichen Helfer vom Kunden, die Preise liegen bei 50 bis 100 Euro pro Job. Die Gastgeber von Airbnb dagegen werden derweil zu einem Seminar eingeladen, auf dem ihnen Hotelmanager beibringen, wie man Gäste richtig begrüßt und Betten macht. Wer sich bewährt, darf dann den Titel „Super Host“ tragen.

Wenn das System perfektioniert wird, lässt sich womöglich bald auch mit jenen heute noch selbstverständlichen Gefälligkeiten Geld verdienen, die David Graeber als „elementaren Kommunismus“ bezeichnet hat, den „Rohstoff des Zusammenlebens“, der auch kapitalistische Gesellschaften zusammenhält: Feuer geben, den Weg weisen, die Uhrzeit sagen. Die Sharing Economy ist nichts anderes als die totale Dienstleistungsgesellschaft. Konsumgüter werden zu den Investitionsgütern zur Disposition stehender Ein-Mann-Firmen, und das günstige Uber-Auto wird bald wieder so viel kosten wie heute, nur mit eingebautem Minijob.

Das war schon immer der Trick des Kapitalismus: Uns zu verkaufen, was es vorher umsonst gab. Jetzt hat er die neueste Marktlücke entdeckt: den Kommunismus.

Glosse

Mensch, gönn dir was!

Von Melanie Mühl

In Zeiten sparerfeindlicher Zinspolitik müssen alternative Anlagestrategien her. Gierig zu sein, wenn andere ängstlich sind, das empfiehlt der Investor Warren Buffett. Was, wenn man ihn beim Wort nähme? Mehr 8 5

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“

Zur Homepage